Süddeutsche Zeitung

Depressionen im Fußball:"Am nächsten Tag bist du ein Niemand"

Fußballer fallen oft plötzlich in ein psychisches Loch - und erhalten selten Hilfe. Auch viereinhalb Jahre nach dem Tod von Robert Enke sind Depressionen im Profifußball nicht enttabuisiert. Die Spielergewerkschaft VdV fordert konkrete Maßnahmen von den Profiklubs.

Von Johannes Knuth

Er sei grundsätzlich ein lebensfroher Mensch, sagt Jonny Walker. Walker arbeitete zwischen 1996 und 2006 als Torwart in den Vereinigten Staaten, drei Mal lief er für die US-Nationalmannschaft auf. "Während meiner Karriere hatte ich nie psychische Probleme", sagt Walker. Das änderte sich, als er sich schwer am Rücken verletzte, als aus dem Fußballspieler Jonny Walker ein ehemaliger Fußballspieler wurde.

"Den einen Tag spielst du vor 80.000 Zuschauern", sagt der 39-Jährige, "am nächsten Tag bist du ein Niemand. Und es gibt kein System, das dich unterstützt." Walker litt plötzlich an Depressionen. Es dauerte drei Jahre, ehe er sich erholte.

Walker ist einer von rund 300 aktuellen und ehemaligen Fußballprofis, die vor kurzem im Rahmen einer (nicht-repräsentativen) Studie der internationalen Spielergewerkschaft Fifpro befragt wurden. Das Ergebnis: Jeder dritte aktive Spieler leidet an Depressionen oder Angstzuständen, bei den ehemaligen Profis sind es rund vierzig Prozent. Das Leben der Fußballer sei "übersät mit psychologischen Fallen", teilte Studienleiter Vincent Gouttebarge mit. Spieler aus Deutschland wurden nicht befragt, allerdings zeigt ein Blick in die hiesigen Ligen: Viereinhalb Jahre nach dem Fall Robert Enke gibt es im deutschen Fußball ab und zu warme Worte zum Thema Depressionen. Allerdings noch immer wenige Taten.

Ulf Baranowksy, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VdV, der Vereinigung der Vertragsfußballer, sagt: "Wir müssen im Bereich des Profifußballs noch ein dickes Brett bohren."

Baranowskys Gewerkschaft berät rund 1300 Berufsfußballer in Deutschland, quer durch alle Ligen. Der Geschäftsführer kennt viele Fußballer, die von psychischen Erkrankungen betroffen sind. "Wir gehen im Augenblick von einer statistischen Normalverteilung aus", sagt er. Baranowsky glaubt aber auch, dass der Profifußball wie ein Verstärker wirkt: "Wenn die Spieler die entsprechende Veranlagung mitbringen für eine Krankheit wie Depression - und dann stehen sie zum Beispiel negativ in der Presse - dann erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass sie erkranken."

"Da gibt es häufig ein böses Erwachen"

Als großes Problem hat Baranowsky die Zeit unmittelbar nach der Karriere identifiziert, wie im Fall des Fußballers Jonny Walker: "Da gibt es häufig ein böses Erwachen." Zum Ende seiner Karriere stecke etwa jeder vierte deutsche Profi finanziell in Schwierigkeiten - weil er es doch nicht über die dritte Liga hinausgeschafft, weil er zu wenig gespart hat. Jeder Dritte verfüge über keine berufliche Qualifikation. Hinzu käme, dass sich kein Mensch mehr für den Spieler interessiere, sagt Baranowsky: "Ehemalige Schulterklopfer wenden sich ab."

Auch während der Karriere ist der Druck groß. Wenn ein Spieler wochenlang von Publikum und Presse kritisiert wird. Wenn der Spieler sich verletzt, wenn sein Marktwert fällt, wenn der Trainer andere bevorzugt. "Dann stecken sie in einem Teufelskreis, in dem es schwer ist, sich nach außen zu öffnen", sagt Baranowsky.

"Das Outing war ein Fehler"

Viele depressive Fußballer fürchten, dass ihnen keine Arbeit mehr angeboten wird, falls sie ihre Erkrankung öffentlich thematisieren. Dann stellen die Ärzte sogenannte "Cover-Diagnosen aus", sprechen von Rückenschmerzen oder Pfeifferschem Drüsenfieber. Profis wie Martin Amedick oder Markus Miller fanden wieder Arbeit, nachdem sie ihre Depression öffentlich bekanntgaben. Dann ist da die Geschichte des ehemaligen Profis Andreas Biermann vom FC St. Pauli. Biermann versuchte zwei Mal, sich das Leben zu nehmen, redete über seine Krankheit, verlor seinen Job - und erhielt nie wieder einen Profivertrag. Das war rund ein Jahr nach dem Tod von Robert Enke. Später sagte Biermann: "Das Outing war beruflich ein Fehler."

Vor zwei Jahren befragte Baranowskys Gewerkschaft Führungsspieler von der ersten bis zur dritten Liga. Fast alle wünschten sich, dass mindestens ein Sportpsychologe regelmäßig ihre Mannschaft begleitet, an den sie sich vertraulich wenden können. Tatsächlich hatten damals 10 Prozent der Klubs ein derartiges Angebot im Programm. Daran hat sich laut Baranowsky bis heute wenig geändert: "Teilweise haben wir die Tendenz, dass Sportpsychologen, die gut waren, nicht mehr bei den Klubs arbeiten. Das hat häufig mit Trainerwechseln zu tun."

Ab der kommenden Saison muss immerhin jedes Nachwuchsleistungszentrum im deutschen Fußball eine sportpsychologische Betreuung anbieten, auf Initiative der VdV und Andreas Rettig, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL). Die Profiklubs sind weiter zu nichts verpflichtet. Baranowsky sagt: "Wir können werben, aber niemanden zwingen."

Mit Sonnenbrille durch den Hintereingang

Verlässliche Auffangnetze gibt es weiterhin nur wenige. Zum Beispiel die VdV, dazu die 2011 gegründete und von der Gewerkschaft geförderte Initiative "Mental Gestärkt". Die schult Sportpsychologen, arbeitet mit Fußballern zusammen. Und sie bietet eine Kontaktadresse an, die Profisportler vertraulich nutzen können. Marion Sulprizio, Leiterin der Initiative, sagt: "Uns laufen nicht jede Woche zehn Leute die Tür ein, es ist jetzt aber auch nicht keiner." Manche seien ernsthaft krank, sagt Sulprizio, andere in einem Stimmungstief. Je nach Krankheitsbild werden die Spieler an Kliniken oder Praxen weitervermittelt. Viele erscheinen durch den Hintereingang, getarnt mit Sonnenbrille.

Sulprizio und ihre Mitarbeiter versuchen derweil zu verhindern, dass es überhaupt so weit kommt. In den Nachwuchszentren beraten sie beispielsweise Trainer und Spieler, zeigen ihnen Entspannungstechniken, machen auf Belastungsfallen aufmerksam. "Der Tag in den Zentren ist ganz schön vollgepropft", sagt Sulprizio, "da wird für Entspannung oder Erholung einfach zu wenig Zeit investiert."

Sie hofft, dass die künftige Profigeneration bewusst mit dem Thema umgeht, dass sie ihr Wissen in den Männerbereich weiterträgt. Dorthin, wo Psychologen nach wie vor oft wie ein Seelenklempner im Notfall herbeizitiert werden. Wo Dutzende Trainer zwar an Fitness, Taktik und Technik der Spieler arbeiten, aber selten bis gar nicht am psychischen Wohlbefinden. "Ein Trainer ist in hohem Maße für die Psyche seiner Spieler verantwortlich", sagt Sulprizio. Es gebe im Profifußball durchaus Fortschritte, von einer optimalen Versorgung sei man aber noch weit entfernt.

"Wir stehen noch recht nah am Anfang"

Ulf Baranowsky sieht das ähnlich. "Die ersten Meilensteine sind zwar schon gesetzt", sagt er, zum Beispiel in der Nationalmannschaft, die in Hans-Dieter Hermann einen Sportpsychologen beschäftigt. "Aber wir stehen noch recht nah am Anfang." Ein Punkt ist ihm besonders wichtig: "Wir fordern ganz klar eine verpflichtende sportpsychologische Betreuung im Profibereich", also eine Anlaufstelle in jedem Profiklub.

Die Deutsche Fußball Liga, die eine derartige Auflage erlassen könnte, teilte auf SZ.de-Anfrage mit: DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig möchte sich zu dieser Thematik gegenwärtig nicht äußern.

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