Süddeutsche Zeitung

Fußball in Spanien:Übles Ende für La Coruña

Einst ärgerte Deportivo La Coruña mit Stürmer Roy Makaay den FC Bayern. Nun soll Spaniens Meister des Jahres 2000 in die dritte Liga absteigen - weil beim Gegner acht Spieler Corona-positiv sind.

Von Javier Cáceres

Am Montagabend stand Fernando Vázquez, der Trainer von Deportivo La Coruña, vor der Kamera des TV-Senders Movistar und warf einen Blick zurück. "Was haben wir uns nicht alle beglückwünscht...", seufzte Vázquez, und meinte damit, wie ausgiebig sich viele Honoratioren auf die eigene Schulter geklopft und behauptet hatten: "Der Fußball hat alles unter Kontrolle." Von wegen! "Jetzt ist es doch entwischt", das Virus, klagte Vázquez. Und das wiederum sorgte für ein chaotisches Saisonfinale, das reich war an Vorwürfen, Zorn und einem üblen Ende für La Coruña: Der Meister der Saison 1999/2000 stürzte mehr oder weniger kampflos - und als erster ehemaliger Meisterklub seit Betis Sevilla 1947 - in die Drittklassigkeit ab.

Natürlich hatte Deportivo im Laufe der Saison einiges dafür getan, um dem Abstieg zumindest ins Auge zu blicken. Dass sich Spannung und Leid am Ende aber auf so seltsam sterile Weise entluden, das hatte schon etwas Grausames. Was am Montag dazu führte? Nun, dies: Wenige Minuten vor dem Anpfiff des 42. und letzten Spieltags hatten Spaniens Ligaverband LFP und die Fußballföderation RFEF die Partie zwischen Deportivo und dem Madrider Vorortverein CF Fuenlabrada abgesetzt. Acht Profispieler Fuenlabradas waren am Montag positiv auf Covid-19 getestet worden und wurden, wie fünf weitere Mitglieder des Staffs, unter Quarantäne gestellt.

Es folgte die Empörung der Behörden der nordwestspanischen Stadt: Fuenlabrada hatte schon am Wochenende mehrere Coronafälle in seinen Reihen gehabt, La Coruñas Bürgermeisterin wollte am Dienstag wissen, wie fahrlässig man sein könne, die halbe iberische Halbinsel mit Virus im Gepäck zu bereisen. Doch das war gewissermaßen nur Randnotiz. Im Zentrum stand das sportliche "Erdbeben", dessen Intensität am Dienstag vorerst nur in Umrissen zu erahnen war. Und das bei allen spanischen Singularitäten zumindest teilweise als Lehrstück über die Folgen der Pandemie auf den Profifußballbetrieb dienen kann.

Deportivo will nun vors Gericht ziehen

Es begab sich nämlich, dass Deportivo gegen Fuenlabrada die einzige Partie des Spieltags war, bei der sowohl Fragen des Auf- wie auch des Abstiegs berührt waren. Weil aber die Verantwortlichen der Liga, wohl aus Rücksicht auf Spielerverträge, Transferaktivitäten und Fernsehrechte, die Saison nicht noch weiter in die Länge ziehen wollten, verschoben sie nicht den ganzen Spieltag. Sondern eben nur Deportivo gegen Fuenlabrada. "Eine totale und absolute Wettbewerbsverzerrung", wetterte Deportivo-Präsident Fernando Vidal - aus nachvollziehbaren Gründen. Seine Mannschaft konnte die Rettung zwar nicht mehr aus eigener Kraft schaffen. Aber sie sah sich um die Chance beraubt, die Konkurrenten aus der Ferne psychologisch unter Druck zu setzen. "Jeder weiß doch, welch eine wichtige Rolle die Resultate von Parallelspielen an so einem Spieltag spielen", erklärte Vázquez.

Fakt war am Ende dies: CD Lugo drehte bei CD Mirandés einen Rückstand und sicherte durch einen 2:1-Sieg die Zweitklassigkeit; Albacete vollbrachte das gleiche Kunststück durch einen 1:0-Triumph beim FC Cádiz, der bereits als Aufsteiger feststand. Deportivo La Coruña hingegen stieg zusammen mit CD Numancia in die dritte Liga ab. Der Beigeschmack des Montags wurde am Ende aber noch schaler.

Denn: Auch dem CF Fuenlabrada, der vom Aufstieg in die erste Liga und Spielen gegen Superstars wie Lionel Messi träumt, blieb der Stress der letzten Saisonminuten erspart. Seit Montagabend weiß Fuenlabrada, dass im Nachholspiel bei Deportivo ein Punkt reichen würde, um vom aktuell witzlosen achten Tabellenplatz auf Rang sechs zu ziehen - und damit dem FC Elche aus den Aufstiegs-Playoffs zu verdrängen. Das wiederum führt zu pikanten Fußnoten.

Denn dass Fuenlabrada zunächst in Mannschaftsstärke isoliert wurde, ist gesundheitspolitisch naheliegend. Aber: Laut Hygieneprotokoll hätten "nur" die Spieler isoliert werden müssen, die auch positiv getestet worden waren, Fuenlabrada hätte also mit der Restbelegschaft und Jugendspielern antreten können, vielleicht sogar: müssen. Der Klubanwalt des CF Fuenlabrada aber ist ausgerechnet Javier Tebas - der gleichnamige Sohn des Präsidenten des Ligaverbandes LFP. Ein solches Glück hatte Elche nicht. Elche war am Freitag auf Fuenlabrada getroffen und hatte damit Kontakt zu potenziell infektiösen Gegnern gehabt.

Doch auch damit war es noch nicht genug. Beim früheren Erstligisten Rayo Vallecano, der immerhin noch theoretische Chancen auf den Aufstieg hatte, erklärte ein Spieler, vergangene Kontakt zu einem Fuenlabrada-Profi gehabt zu haben, sie waren miteinander essen gewesen. Der Stürmer wurde umgehend ausgemustert, Rayo bat daher darum, seine Partie bei Racing Santander zu verlegen, wurde aber nach eigenen Angaben "unter Punktabzugsdrohungen gezwungen", anzutreten. Nun ist Rayo zusammen mit Elche und Numancia unter den Vereinen, die Rechtsmittel einlegen wollen. Auch Deportivo will vors Gericht - und wird den letzten Spieltag "vor den höchsten Instanzen" des Landes anfechten, sagte der Präsident.

Nur so ließe sich noch abwenden, dass Deportivo zum ersten Mal seit fast 40 Jahren ins Inferno der dritten Liga absteigt - ein Tiefpunkt nach drei Erstliga-Abstiegen im letzten Jahrzehnt (2011, 2013 und 2018). Allein das schon markierte den schleichenden Verfall eines Klubs, der 1994 fast den ersten Meistertitel seiner Geschichte feiern konnte - in der letzten Minute des letzten Spieltags verschoss aber Miroslav Djukic einen Elfmeter, die Trophäe wanderte zum FC Barcelona von Johan Cruyff. 2000 siegte Deportivo doch, zwei Jahre später gewann der Klub den spanischen Pokal - bei Real Madrid, am hundertsten Jahrestag der Gründung des spanischen Rekordmeisters. Später reüssierte Deportivo in der Champions League, mit wundervollen Spielern wie Mauro Silva, Fran, Valerón, Bebeto, Donato oder Roy Makaay, der 2002 den FC Bayern in der Champions League so sehr ärgerte, dass die Münchner Makaay für sehr viel Geld an die Isar holten. Es war einmal. Nun ruhen die Hoffnungen in La Coruña nicht auf Kickern. Sondern nur noch auf Juristen.

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SZ vom 22.07.2020/ebc
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