Dennis Schröder ist natürlich immer noch Basketballer, aber zuletzt umgab ihn die Aura eines Propheten. Er hatte ein Video ins Netz gestellt, in dem er alles voraussagte, was ihm nun wieder einmal das Leben umkrempelt. „Ich würde gerne in Detroit bleiben, aber Detroit wartet nicht auf mich“, erklärte der 31-Jährige in einem Social-Media-Livestream. Und schwups, wird genau das zur Realität: Sein bisheriger Verein, die Detroit Pistons, zauderte tatsächlich nicht lange und transferierte ihn an diesem Dienstag zu den Sacramento Kings, wie Schröder am Abend selbst via X bestätigte.
Aus dem Osten der NBA in den tiefen Westen, von einem aufstrebenden, wenngleich kaum titelreifen Team in die kalifornische Prärie: ein sportliches Downgrade. Es ist Schröders zehnter Wechsel, seit er 2013 in die US-Profiliga kam.
Dass Spieler in der NBA teils ohne Mitspracherecht einfach zu anderen Mannschaften verschifft werden, gehört zu den Gepflogenheiten des Geschäfts. Schröder selbst hatte diese Kapitalismusmaschinerie Anfang dieses Jahres als „moderne Sklaverei“ bezeichnet – und damit natürlich maßlos übertrieben. Doch er hatte eine Rechtfertigung geliefert für eine prägende Frage seiner Karriere: Warum wechselt dieser an sich so talentierte Basketballspieler, dekorierter Weltmeister und selbst erklärter Anführer seine Vereine in den USA wie andere ihre Sneakers?

Meinung Basketball in der NBA:Dennis Schröder spielt nur dann in Bestform, wenn er tun kann, was er will
Die Antwort auf diese offenkundige Kerbe in seiner langen Profilaufbahn hat mit seinen Fähigkeiten zu tun. Einerseits. Und andererseits mit Geld sowie der Tatsache, dass es im Grunde zwei Dennis Schröders gibt: jenen im deutschen Nationalteam und jenen in der NBA. Sportlich hat Schröder der Welt und seinen Kritikern längst gezeigt, was er kann. Wenn die Umstände stimmen, man ihn machen lässt, seine Qualitäten als Obermotivator, Ankurbler und Freigeist in den Vordergrund rücken, entwickelt sein Spiel etwas Mitreißendes. Die deutschen Weltmeisterkollegen von 2023 bestätigen das ausnahmslos: Im DBB-Team, wo der damalige Bundestrainer Gordon Herbert ein Sonnensystem um den Fixstern Schröder etablierte, war der Braunschweiger einen Sommer lang ein 1,85 Meter großer Riese.
Doch in der NBA ist kaum jemand bereit, ihm diesen Freischein zum Zocken zu gewähren. Obwohl er auch dort etwa bei Stationen in Atlanta oder Oklahoma (eher zu Beginn seiner Karriere) andeutete, wozu er mit viel Einfluss auf dem Parkett fähig ist. Danach begann seine Reise als Wandersmann durch die Welt des US-Basketballs, die sich wie ein Auszug aus dem Gratismeilenheft bei American Airlines liest: LA Lakers, Boston Celtics, Houston Rockets, noch mal die Lakers, Toronto Raptors, Brooklyn Nets, Golden State Warriors, Detroit Pistons – und nun eben die Sacramento Kings, wo er für drei Jahre unterschreiben soll. Jahresgehalt dem Vernehmen nach 15 Millionen Dollar. Für einen Veteranen auf der Zielgeraden seiner Laufbahn in der Association ist das sehr ordentlich. Nur eben nicht nach sportlichen Kriterien, denn bei den Kings – so die nüchterne Prognose – wird es vermutlich kaum besser laufen als zuletzt bei seinen anderen Zwischenstopps in der Holzklasse des Betriebs.
Wie endet die lange NBA-Karriere von Schröder, der schon an so vielen Orten spielte?
Als sogenannter „Free Agent“, der diesmal zumindest Angebote und Verdienstmöglichkeiten sondieren konnte, reiht sich Schröder erneut bei einem Team im Umbruch ein. Neuer Coach, neues Spielsystem, einige namhafte Kollegen wie DeMar DeRozan, Zach LaVine, Domantas Sabonis, das ja. Aber keine Titelaussichten. So könnten seine verbleibenden Jahre im Glitzerland des US-Sports eher ein Dasein im Halbdunkeln bedeuten.
Das führt zur Frage, was sich Dennis Schröder von seinem Profileben erwartet: Endlich die Chance auf eine Meisterschaft, wie sie sein deutscher Kollege Isaiah Hartenstein kürzlich mit Oklahoma gewann? Als Puzzlespieler, der anderen zuarbeitet? Oder schlicht genügend Spielzeit, um daraus Wertschätzung zu ziehen, samt weiterer Millionen auf seinem Konto? Am Ende dürfte sich – wie schon in den vergangenen Jahren – kein Meisterkandidat für eine Verpflichtung Schröders interessiert haben, dort sind Plätze im Kader besonders begehrt. Und Schröders Profil ist zu speziell. Möglich auch, dass er zu geringeren Bezügen in Detroit hätte bleiben können, bei einem Verein, der es 2025 immerhin in die Playoffs schaffte. Doch die Verantwortlichen der Pistons mussten Gehalt umverteilen, um insbesondere Flügelspieler Malik Beasley mehr bezahlen zu können. Da war für den Deutschen trotz guter Leistungen im Frühjahr nicht mehr genug übrig. Es kommt vieles zusammen: Zukunftspläne von Vereinen, Schröders Status als „nur“ 1B-Bekanntheit und seine eigene Ambition.
„Ich sehe es so: Ich spiele in einer Liga, in die es jährlich nur 350 bis 400 Profis schaffen. Das jeden Tag erleben zu dürfen, ist ein Privileg“, sagte Schröder im Winter der SZ. Und: „Ich möchte dort sein, wo ich wertgeschätzt werde.“ Er wirkt zufrieden mit seinem Weg.

