Einfach nicht nachdenken, was passieren könnte, das hatte Thomas Greilinger gesagt, aber so einfach ist das natürlich nicht. Leistungssportler besitzen zwar die beachtliche Fähigkeit, sich auf einen einzigen Moment zu konzentrieren, ein Spiel, ein Rennen, sie ziehen sich in einen Tunnel zurück, in dem es nur einen Eingang und einen Ausgang gibt und dazwischen nicht viel. Aber manchmal ist der Weg in den Tunnel so sehr mit Ablenkungen verhängt, dass das so eine Sache ist mit dem nicht nachdenken.
Vor dem Eisstadion in Ingolstadt haben sie Plakate aufgehängt, die verkündeten, nun werde Geschichte geschrieben, das Ingolstädter Stadion ist mit 4815 Zuschauerplätzen das zweitkleinste der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), die Plakate waren nicht zu übersehen. Auf dem Videowürfel drinnen stand eine halbe Stunde vor Spielbeginn: "Heute werden wir Meister", dann kam der Stadionsprecher aufs Eis, er fragte die seit einer halben Stunde entfesselt singende Fanmasse in der dicht besetzten Kurve: "Wollt ihr noch mal nach Köln?" Die Antwort fiel eindeutig aus.
Sie war bestimmt auch in der Ingolstädter Kabine zu hören.
Die Ingolstädter waren nicht nervös am Sonntagnachmittag, sie spielten so, als hätten sie kaum darüber nachgedacht, dass sie an diesem Tag deutscher Eishockey-Meister werden können, zum ersten Mal überhaupt. Bis der Kölner Mirko Lüdemann nach knapp vier Minuten der Verlängerung zum Schlagschuss ausholte und der Puck unten im Netz einschlug.
Die Kölner Haie gewannen Spiel sechs in dieser bemerkenswerten Finalserie 1:0, die gesamte Saison spitzt sich nun in einem letzten, entscheidenden Finale am Dienstagabend in Köln zu.
Dass dieser Sonntagnachmittag ein besonderer werden würde in der 50-jährigen Klubgeschichte des ERC Ingolstadt, aber auch in der 20-jährigen Historie der DEL, das war schon vorher klar. Es war der Tag von Spiel sechs des Finales zwischen Ingolstadt und den Kölner Haien, es gab noch nie ein Spiel sechs im Finale um die deutsche Eishockey-Meisterschaft, die Liga hatte erst vor dieser Saison den Modus dahingehend geändert, dass nun in allen Playoffrunden "Best of seven" gespielt wird. Ingolstadt war zudem noch nie im Finale; der Klub war Neunter nach der Hauptrunde, noch nie wurde ein Team mit so schwieriger Ausgangslage Meister, und das betrifft nun nicht nur den Tabellenplatz.
Auch das sechste Spiel hielt, was es versprach: Das ganze Finale ist von seltener Intensität
Die ganze Saison, so hatte es der Ingolstädter Stürmer Greilinger nach Spiel fünf in Köln formuliert, "ist für uns ein einziges Zurückkommen", das traf es gut. Allein jenes fünfte Spiel am Freitag: Köln führte zweimal, aber Ingolstadt kam zweimal zurück, und in der Verlängerung erzielte der Amerikaner mit dem in jeder Hinsicht programmatischen Namen Travis Turnbull den Siegtreffer für Ingolstadt. Am Sonntag hatte Ingolstadt also eine Chance, an die niemand noch vor ein paar Wochen geglaubt hätte, niemand: Die Chance, mit einem Heimsieg Meister zu werden.
Das Spiel war den vorherigen fünf dieser Serie ähnlich, das ganze Finale ist ja eines von seltener Intensität. Ingolstadt und Köln bekämpften und behakten sich wieder von Beginn an, dazu boten sie temporeiches, mitreißendes Eishockey auf hohem Niveau. Vorne rannte und checkten und passten und schossen die Spieler, als seien sie mit einem Puls unter 180 nicht lebensfähig, und hinten hielten die Torhüter, als zögen ihre wuchtigen Ausrüstungsgegenstände die Pucks magnetisch an. In der 28. Minute zum Beispiel, da waren die Kölner vor dem Tor des Ingolstädter Torhüters Timo Pielmeier, Pielmeier lag schon am Boden, der Puck kam zum Kölner Andreas Falk, der schoss aus kurzer Distanz, aber Pielmeier gelang es irgendwie, sein rechtes Bein in den Schuss zu strecken, und der Puck prallte gegen seinen Beinschoner.
Überhaupt war Köln anfangs häufiger vor Pielmeier, aber man kann nicht sagen, dass Köln dauerhaft überlegen gewesen wäre: Es ging hin und her, mal war Spiel sieben am Dienstag nahe, mal der Ingolstädter Titel. Und ständig sangen und klatschten die Fans in diesem engen Stadion, und je länger das Spiel in dieser aufgeheizten Atmosphäre lief, desto deutlicher wurde, wie dieses Spiel wohl ausgehen würde: Wer den ersten Fehler machen würde, das erste Tor kassieren, der würde verlieren.
Aber keiner machte einen Fehler, jedenfalls keinen entscheidenden. Das Torschussverhältnis nach der regulären Spielzeit war ein Dokument der Gleichheit: Es betrug 28 zu 29 aus Ingolstädter Sicht. 0:0 nach 60 Minuten, es gab Verlängerung, wie schon am Freitag.
Als die Mannschaften wiederkamen, ging das Spiel weiter, als habe es gerade erst begonnen. Dann kam Lüdemann zum Schuss, es war kein Fehler Pielmeiers, der Schuss war ganz einfach zu platziert. Die Hitzigkeit des Nachmittags entlud sich danach in einer Art Massenschlägerei direkt vor der Ingolstädter Fankurve, die das unwürdige Ende dieses denkwürdigen Nachmittags mit Bierbecherwürfen begleitete. "Keiner will solche Szenen sehen", sagte danach Kölns Trainer Uwe Krupp, er hoffe, dass sich dabei niemand verletzt habe. In Gedanken war er da schon beim Spiel am Dienstag.
