DEL-Klub Augsburg Panther Hannibal statt Arnold

Vom besten Powerplay zu den wenigsten Gegentoren: Trainer Mike Stewart hat aus den Augsburger Panthern einen soliden Tabellendritten geformt.

Von Johannes Schnitzler, Augsburg

Weil der 1878 gegründete Augsburger EV der älteste Eissportverein Deutschlands ist; weil dieser AEV 1969 dem FC Bayern die Eishockeymannschaft abkaufte (Ausrüstung inklusive), für läppische 135 000 Mark; weil die Panther, wie das Team seit 1994 offiziell heißt, zu den sechs verbliebenen Gründungsmitgliedern der Deutschen Eishockey Liga (DEL) gehören: Doch, mit ein bisschen gutem Willen kommt man durchaus auf "111 Gründe, die Augsburger Panther zu lieben". So heißt der mittlerweile achte Band aus der Reihe 111 Gründe..., der sich mit einem deutschen Eishockeyverein beschäftigt. Der Autor Milan Sako begleitet die Panther seit Jahrzehnten journalistisch, er weiß, wovon er spricht: In den Achtzigern war er selbst Profi beim AEV, als der Klub bei rauem Wellengang durch die Ligenlandschaft ritt, rauf und runter, runter und rauf. Bis der Gastwirt Lothar Sigl den Laden 1987 übernahm und in ruhigere Gewässer steuerte. Auch Sigl ist ein Kapitel gewidmet.

Sako erzählt Anekdoten, die sonst hinter der Kabinentür verborgen bleiben, von Kanadiern, die in geschlossenen Räumen grillten und andere anrüchige Dinge anstellten. Aber auch er entgeht nicht dem Chronistenschicksal, dass die Zeit über sein Werk hinweg fegt wie die Panther neulich über die bedauernswerten Wolfsburger (5:0 nach dem ersten Drittel): Obwohl gerade erst erschienen, ist die Stoffsammlung schon überholt. Denn die Panther liefern derzeit Gründe für eine erweiterte Zweitauflage. Grund 112: Weil sie auf Platz drei der DEL stehen. Noch nie hatten sie zu diesem Zeitpunkt so viele Punkte wie jetzt. Sollten sie am Freitag in Ingolstadt gewinnen, wären es nach der Hälfte der Vorrunde 50 Zähler. Grund 113: Weil die letzten drei Hattricks alle von Augsburgern erzielt wurden, in den jüngsten vier Spielen. Zwei der drei besten DEL-Scorer spielen in Augsburg. Grund 114: Weil Torhüter Olivier Roy bereits viermal ohne Gegentreffer geblieben ist - Platz eins in der DEL (gemeinsam mit Münchens Danny aus den Birken).

Der Mann mit dem Plan: Trainer Mike Stewart versorgt seine Spieler mit taktischen Anweisungen.

(Foto: Jan Huebner/imago)

Wer nach Gründen sucht, warum die 25. DEL-Saison die bislang beste der Augsburger ist, kommt am Trainer nicht vorbei: Mike Stewart, 46, in Calgary geborener Kanadier. Nach zehn Jahren als Profi in Nordamerika wechselte der Verteidiger nach Europa, erst nach Frankfurt, dann weiter nach Villach, wo er elf Jahre blieb, die beiden letzten als Trainer. Stewart besitzt einen österreichischen Pass. Viele, die ihn sprechen hören, glauben Arnold Schwarzenegger zu hören. Beide sind 1,89 Meter groß. Aber Schwarzenegger kommt aus der Steiermark. Stewart identifiziert sich mit Kärnten. Etwa, wenn er davon spricht, dass er seinen Nachbarn Martin Hinteregger, den österreichischen Verteidiger beim FC Augsburg, mal auf eine "Brettljause" einladen müsse. Überhaupt, die Sprache: "Die Kärntner sprechen die schönste Sprache der Welt", hat Stewart einem lokalen Fernsehsender mitgeteilt. Und erst die Männer: "unglaublich schön", sagte Stewart. "Wir sehen alle gut aus."

Seit 2015 ist Stewart Trainer der Panther. Zuvor war er in Bremerhaven, wurde 2014 Meister der DEL2 und "Trainer des Jahres" und führte Bremerhaven im Jahr darauf wieder ins Finale. In Augsburg erlöste er Interimscoach Greg Thomson, der nach der Trennung von Larry Mitchell dessen Erbe mehr schlecht als recht verwaltete. In sieben Jahren unter Mitchell hatten die Augsburger ihren sportlichen Höhepunkt erlebt: das DEL-Finale 2010. Zwar unterlagen sie Hannover in der Serie 0:3, aber die Erinnerung an diese Zeit strahlte Stewart entgegen wie die Silbermedaille von Pyeongchang dem noch zu findenden neuen Bundestrainer. Stewart brauchte eine Saison, um das Team nach seinen Vorstellungen zu formen. Dann legten die Panther unter ihm ihre bis dato beste Vorrunde hin: Platz sechs, die direkte Qualifikation fürs Viertelfinale. 2017 war das. Die Erwartungen stiegen, zumal das Team - ungewöhnlich für den Geberverein Augsburg - nahezu unverändert blieb. Doch die Saison 2017/18 schloss Augsburg auf Rang zwölf ab. Weitab von den Playoffs.

Mal Zweiter, mal Letzter

2009 Platz 10 Aus in der ersten Playoff-Runde

2010 Finale 0:3 gegen Hannover

2011 Platz 14 Playoffs verpasst

2012 Platz 8 Aus in der ersten Playoff-Runde

2013 Platz 8 Aus in der ersten Playoff-Runde

2014 Platz 11 Playoffs verpasst

2015 Platz 12 Playoffs verpasst

2016 Platz 12 Playoffs verpasst

2017 Viertelfinale 3:4 gegen Nürnberg

2018 Platz 12 Playoffs verpasst

"Vergangen ist vergangen", sagt Stewart. Wenn er beschreiben soll, worin er die Gründe für den unglaublichen Aufschwung sieht - von den ersten sieben Spielen der Saison gewannen die Panther nur zwei, danach 13 von 18 Begegnungen - fängt er bei den Torhütern an. Weil die Torhüter die wichtigsten Spieler im Eishockey sind und weil Olivier Roy und Rückkehrer Markus Keller beide unter den Top 10 der Liga stehen. Dann - Stewart sagt: "Ich gehe einfach mal die Abteilungen durch." - lobt er die Abwehr ("Wir wollten robuster werden, aber trotzdem schnell bleiben."), geht über zu den Stürmern. Und als er mit den Spielern durch ist, macht er mit dem Trainer- und Betreuerstab weiter. Jeden einzelnen Namen würdigt Stewart, zum Beispiel Spielmacher LeBlanc oder Verteidiger Patrick McNeill, den Mann mit der meisten Eiszeit: "Sie sind von ihrem Stoffwechsel so gebaut, die brauchen keine Pause." So hat sich Augsburg vom Team mit dem besten Powerplay der Liga (2017/18) zur Mannschaft mit den wenigsten Gegentoren pro Spiel (2,32) verwandelt. "Ich glaube, wir machen einen ganz anständigen Job", sagt Stewart. "Wir sind lernwillig."

Ein Trainer, der schnelles, erfolgreiches Eishockey spielen lässt, perfektes Kärntnerdeutsch spricht und Spieler motivieren kann: Das entspricht ziemlich genau dem Anforderungsprofil, das DEB-Präsident Franz Reindl für einen Nachfolger von Bundestrainer Marco Sturm gemalt hat. Aber Stewart winkt ab. Nicht, weil ihn die Aufgabe nicht reizen würde. Er habe "in Augsburg noch genug zu tun."

Manchmal erinnert Stewart an seinen Vorvorgänger Larry Mitchell. Der Deutschkanadier wäre gerne Bundestrainer geworden. Wie aus DEB-Kreisen zu hören ist, spielt Stewart in den aktuellen Überlegungen aber ebenso wenig eine Rolle wie damals Mitchell. Beide haben sogar dasselbe Sternzeichen. Wie einst Mitchell, heute Sportdirektor beim aktuellen Gegner Ingolstadt, muss Stewart also davon ausgehen, dass er in der nächsten Saison wieder mal einen neuen Kader in Augsburg aufbauen darf - die Konkurrenz verschickt bereits ihre Angebote. Aber: "Wir haben einen Plan. Es wäre auch schlimm, wenn wir keinen hätten." Stewart klingt jetzt wie John "Hannibal" Smith, Zigarre rauchender Chef des A-Teams in der Achtziger-Jahre-Serie. Dieser Hannibal Smith sagte stets: "Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert." Das Bild gefällt Stewart. In der Tat gibt es Aufnahmen von ihm nach dem DEL-2-Titel, lässig mit Zigarre im Mundwinkel ins Publikum winkend. Stewart sagt: "Wir haben immer einen Plan. Das habe ich von Lothar Sigl gelernt." Sollte dieser Plan funktionieren, hätten die AEV-Fans mindestens 115 Gründe, ihre Panther zu lieben.