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Debatte um Kießlings Tor gegen Hoffenheim:Eine Technik, die begeistert

1899 Hoffenheim - Bayer Leverkusen

Das Tornetz von Hoffenheim liefert viel Diskussionsstoff

(Foto: dpa)

Nach dem Phantomtor von Hoffenheim häufen sich in der Bundesliga skurrile Forderungen. Rudi Völler verlangt, nur die letzten 20 Minuten der Partie zu wiederholen. Dabei hätte es mit ein wenig moderner Innovation gar nicht erst zu dem Schlamassel kommen müssen.

Für exakt 51,9 Sekunden trafen sich die Atlanta Hawks und die Miami Heat im Jahre 2008 noch einmal, um die Partie in der Nordamerikanischen Basketballliga NBA regulär zu Ende zu bringen. Die Wiederholung der letzten Spielminute war damals erforderlich geworden, nachdem die drei Unparteiischen Shaquille O'Neal - zu unrecht - nach seinem vermeintlich sechsten Foul vom Parkett geschickt hatten. Niemand hatte zunächst bemerkt, dass es erst sein fünftes war.

Manchmal lohnt sich ja ein Blick über den Profifußball hinaus, um so manche Wortmeldung besser einordnen zu können. Die Vorschläge nach dem vermeintlichen Treffer von Leverkusens Stefan Kießling zum 2:0 bei 1899 Hoffenheim am Freitagabend werden in den Augen vieler Traditionalisten, die mit Vehemenz eine Neuansetzung fordern, immer skuriller. So verlangt nun auch Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler eine Wiederholung der Partie - allerdings nur von der 70. Minute an. "So macht man es in Italien oder Spanien ja auch", sagte der 53-Jährige, der darauf hinwies, dass zuvor 69 Minuten das Spiel völlig regulär verlaufen sei und Bayer immerhin 1:0 geführt habe. Das Beispiel aus der NBA erwähnte Völler nicht, hätte er aber Kenntnis darüber gehabt, es hätte wunderbar in seine Argumentation gepasst.

Bundesliga "Ich habe gedacht, irgendwas stimmt mit meinen Augen nicht"
Reaktionen zum Phantomtor

"Ich habe gedacht, irgendwas stimmt mit meinen Augen nicht"

Andreas Beck zweifelt an seiner Sehkraft. Der einstige Phantomschütze Thomas Helmer nimmt seinen Nachfolger in Schutz. Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel spricht sich für die Torlinientechnologie aus. Und Rudi Völler empfiehlt den Hoffenheimern Investitionen in bessere Netze. Die Reaktionen im Überblick.

Die aufgeregte und zum Teil scheinheilig geführte Debatte wird in der englischen Premier League mit Amusement registriert. Sie ist die erste Fußballliga, die seit dieser Saison sehr erfolgreich mit einer modernen Torlinientechnik arbeitet, die sich in anderen Sportarten wie dem Tennis längst etabliert hat: dem Hawk-Eye. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) sind entschiedene Gegner solcher neuen technischen Errungenschaften. "Man muss sehen, was das für die unteren Ligen bedeutet. Denn in Wimbledon ist es ja auch so, dass die Hawk-Eye-Technologie auch nur auf den Plätzen 1 und 2 genutzt wird", gibt Liga-Präsident Reinhard Rauball zu bedenken.

Die immensen Kosten einer technologischen Aufrüstung behagen dem europäischen Fußballverband Uefa ebenso wenig. Das Hawk-Eye oder das GoalRef (Chip im Ball) verschlingen bis zu 300.000 Euro - pro Stadion wohlbemerkt. "Die Torlinientechnologie in unseren Wettbewerben einzuführen, würde 50 Millionen Euro in fünf Jahren kosten", sagt Uefa-Präsident Michel Platini. Er ist ein bekennender Technikverweigerer und setzt lieber zwei zusätzliche Torrichter in den Uefa-Wettbewerben ein. Mit einer Einführung der Technik in der Bundesliga wird - wenn überhaupt - frühestens für die Saison 2014/15 gerechnet.

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