Oliver Kahn (ehemaliger Nationaltorwart):

"Beim Stand von 0:1 geht's doch erst richtig los."

Die Elf verlor nach Balotellis Tor zum 0:1 Struktur und Linie, Kopf und Glieder. Es fanden sich nicht genügend Spieler, die die Organisation des Spiels mit Sinn und Verstand, aber auch mit Temperament und Courage wiederherstellten. Sami Khedira allein reichte nicht, um der Mannschaft die Panik zu nehmen. Und was machte in dieser Phase eigentlich der Bundestrainer? Er ließ seine nach Hilfe suchende Elf weitersuchen.

Joachim Löw (kurz vor Turnierbeginn):

"Ich bin ein Wettkampftrainer."

Joachim Löw ist vieles, aber ein Wettkampftrainer für die dramatischen Live-Momente ist er eher nicht. Er ist ein großer Stratege, aber seine Strategien entwirft er eher außerhalb des Stadions. Soforthilfe am Unfallort ist nicht seine Spezialität, da muss sich die Mannschaft mitunter alleine versorgen. Gegen Italien ist es ihm zumindest nicht gelungen, seine Spieler nach dem 0:1 zu beruhigen und von außen Einfluss zu nehmen.

Er war plötzlich nicht mehr gegenwärtig, anders als gegen die Griechen oder gegen die Holländer, als er seine Elf mit Gesten und Gefühlen antrieb. Womöglich war Löw selbst zu erschrocken über den Spielstand und die Spielentwicklung. Löws passives Coaching schien umso überraschender, weil er während dieses Turniers durch sehr einleuchtendes Coaching aufgefallen war, sein Stil wirkte straff und pragmatisch. Das war ein großer Fortschritt. Das Coaching gegen Italien sah aber aus wie ein Rückfall in jene Zeiten, in denen er sich manchmal schwer tat, das Spiel seiner Mannschaft in der freien Wildbahn zu lenken.

Vielleicht hat aber auch die Abwesenheit von akuten Notsituationen dazu geführt, dass die nötigen Reflexe zuletzt nicht ausreichend geschult wurden: Immerhin hat Löws Team mit dem Sieg gegen Griechenland - dem 15. Pflichtspielsieg hintereinander - einen Weltrekord aufgestellt. Das Schicksal hat Löw in diesen 15 Spielen keine der klassischen Prüfungen abverlangt - rote Karten, frühe Rückstände, gemeine Schiedsrichter, Not und Elend, das alles hat es seit dem 0:1 gegen Spanien in Südafrika nicht mehr gegeben. Löw musste fast zwangsläufig das Gefühl entwickeln, mit seinen Spielplänen immer die richtige Lösung zur Hand zu haben.

Bild: dpa 2. Juli 2012, 12:042012-07-02 12:04:16 © SZ vom 02.07.2012/ske