Debatte "Tragisch und grotesk"

Der frühere Handballer Stefan Kretzschmar will nicht politisch instrumentalisiert werden.

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Der Ex-Handballer Stefan Kretzschmar wehrt sich gegen Kritik an seinen Aussagen zur Meinungsfreiheit - und fühlt sich politisch instrumentalisiert "von einer Richtung, der ich fremder und ferner nicht sein könnte".

Von Aufgezeichnet von Saskia Aleythe

Ex-Handballer Stefan Kretzschmar ist in den vergangenen Tagen in die Kritik geraten. In einem Interview mit T-online.de antwortete er auf die Frage, warum es für Profisportler schwer sei, die eigene Meinung zu äußern: "Für jeden Kommentar bekommst du eins auf die Fresse. [...]Für alles, was dich von der Masse abhebt, erntest du einen Shitstorm. [...]Welcher Sportler äußert sich denn heute noch politisch? Es sei denn, es ist die Mainstream-Meinung, wo man sagt: 'Wir sind bunt' und 'Refugees welcome'. Wo man gesellschaftlich eigentlich nichts falsch machen kann. Aber hat man eine kritische Meinung, auch gesellschafts- oder regierungskritisch, dann darf man das in dem Land auch nicht sagen." Die AfD Heidelberg hatte ein Video des Interviews auf Twitter verbreitet, die Aussagen Kretzschmars waren allerdings nur ein Teil des Interviews.

SZ: Herr Kretzschmar, Sie stehen nicht nur wegen der Handball-WM im Fokus, sondern sind auch für ein Interview in die Schlagzeilen geraten. Was sagt das über die Gesellschaft aus, dass Antworten aus dem Zusammenhang gerissen und von politischen Parteien missbraucht werden?

Kretzschmar: Das sagt das aus, was ich mit dem Interview gesagt habe. Dass wenn man sich kritisch äußert, gleich einen auf den Deckel bekommt. Im Prinzip ist es eine Bestätigung dessen, was ich gesagt habe, wenn man die Entwicklung der letzten Stunden sieht.

Hat Sie das Ausmaß der Aufregung überrascht?

Ich bin überrascht von dem, was daraus gemacht wird. Das gibt in keiner Art und Weise den kompletten Inhalt des Interviews wieder. Man macht da jetzt gerne was draus und ich weiß auch, wie die mediale Welt funktioniert. Dass es natürlich darauf ankommt, Schlagzeilen zu produzieren und möglichst lange das Thema oben zu halten, deswegen bin ich darauf vorbereitet und weiß auch, dass ich mich für das, was ich gesagt habe, nicht rechtfertigen muss und auch nicht weiter rechtfertigen werde. Dass ich allerdings politisch instrumentalisiert werde, von einer Richtung, der ich fremder und ferner nicht sein könnte, das ist natürlich tragisch und grotesk.

Werden Sie Konsequenzen daraus ziehen und den Kopf in Zukunft weniger rausstrecken?

Das ist eine gute Frage. Ich hätte mir wesentlich mehr ersparen können, wenn ich es nicht so gemacht hätte. Trotz allem ist es das beste Beispiel, wenn irgendjemand noch ein Beweis braucht für meine These, dann hat er sie jetzt bekommen. Ich äußere mich ja schon seit Jahren nicht mehr politisch auf meinen Kanälen. Das ist etwas, was die Lebenserfahrung mit sich gebracht hat. Ich äußere mich ja kurioserweise in diesem Interview auch zu keinem Zeitpunkt politisch. Es ist nur ein Beschreiben der Situation auf die Frage, warum keiner mehr den Kopf weiter rausstreckt. Es gibt immer diese Fragen nach den Typen, die anecken, die mal schräg sind, die mal kritisch sind. Und auf diese Frage habe ich geantwortet, warum das keiner mehr macht.

Was können Sie denen empfehlen, die sich trotzdem noch äußern wollen?

Was ich mir wünschen würde, wäre einfach eine höhere Meinungsvielfalt und ein bisschen mehr Meinungsmut. Damit die Diskussionskultur in Deutschland am Leben gehalten wird, gehört das einfach zur Demokratie dazu, meiner Meinung nach. Aber dazu gehört eben auch, dass man die Meinung des anderen anerkennt, ihr zuhört und akzeptiert und nicht gleich die Keule rausholt und draufhaut.

Wird es in Zukunft noch weniger Typen im Sport geben, die ihre Meinung äußern?

Jeder Mensch kann für sich entscheiden, ob er sich äußert oder nicht. Da will ich auch niemanden locken oder provozieren. Fest steht aber auch eins: Wenn ich in diesem System gewisse Verträge unterschreibe, habe ich mich an gewisse Regeln zu halten. Dann unterschreibe ich, dass ich nicht gegen die Interessen des Sponsors oder Vereins verstoße. Die Entscheidungsgewalt habe ich selbst, ob ich mich daran halte und dieses Spiel mitspiele oder auch nicht. Jeder muss es mit seinem Gewissen selber vereinen können.