Tim Pütz im Davis Cup:Der Schattenspieler, der die anderen glänzen lässt

Lesezeit: 4 min

Germany v Austria - Davis Cup Finals 2021

Deutscher Punktegarant: Im Davis Cup hat Tim Pütz noch nie verloren - sieben Doppel bestritt er, sieben Mal siegte er. Auch mit Kevin Krawietz harmoniert der 34-jährige Frankfurter derzeit.

(Foto: Adam Pretty/Getty)

Deutschland hat einen Weltklasse-Tennisspieler und kriegt es nicht mit: Das ist die Geschichte von Doppel-Spezialist Tim Pütz, der mit den deutschen Tennismännern im Davis-Cup-Halbfinale steht.

Von Gerald Kleffmann

Tim Pütz ist ein mutiger Mensch. Er traut sich manchmal etwas, das andere nicht wagen. Er hat zum Beispiel mal Kritisches zu Boris Becker gesagt.

2017 bestritt die deutsche Tennis-Mannschaft ihr Relegationsspiel in Oeiras. Portugal. Becker, der dreimalige Wimbledonsieger, zählte erstmals als Head of Men's Tennis des Deutschen Tennis Bundes zum Tross. Er saß hinter Teamchef Michael Kohlmann auf der Tribüne, stand mit auf dem Trainingsplatz, gab Interviews. Pütz war die Fokussierung auf diese Person zu viel. "Es ist toll, dass Boris hier ist", sagte er, nachdem die Auswahl den Abstieg vermieden hatte, "aber für uns war Michael der wesentlich wichtigere Mann. Dass wir hier 3:2 gewonnen haben, dafür gebührt Michael der größte Respekt." So leidenschaftlich warf sich damals keiner vor Kohlmann.

Mit diesem Elan agiert Tim Pütz auch auf dem Platz. Im Doppel.

Er ist der beste Schattenspieler, den das deutsche Team seit Jahren hat, er steht ja selten im Fokus. Weil ihn außerhalb der Branche nur wenige kennen, weil er im Einzel keine Koryphäe ist, weil er auch einen anderen Weg in der Tenniswelt ging. Vielleicht erinnern sich manche an Eric Jelen und Patrik Kühnen. Diese Profis waren es, die an der Doppelseite von Boris Becker und Michael Stich erst dem deutschen Team ermöglichten, dreimal den Davis Cup zu gewinnen, 1988, 1989, 1993. Pütz ist jetzt der, der eine ähnliche Rolle spielen könnte. Er ist derjenige, der dem deutschen Team die Türen aufmacht. Vielleicht sogar jene ins Endspiel.

Davis Cup Finals - Group F - Serbia v Germany

Letzte Absprachen: Tim Pütz (links) beim spielstrategischen Austausch mit Kevin Krawietz.

(Foto: Leonhard Foeger/Reuters)

An diesem Samstag bestreitet die DTB-Auswahl in Madrid das Halbfinale gegen Russland (13 Uhr, Servus TV), das mit Daniil Medwedew und Andrej Rublew favorisiert ist. Erstmals seit 2007 kam das deutsche Team so weit. In der Gruppenphase gelangen 2:1-Siege gegen Serbien und Österreich, im Viertelfinale gegen Großbritannien noch ein 2:1. Vieles an dem neuen Davis Cup ist zu kritisieren. Zum Beispiel, dass Tennis-fremde Investoren um den Fußballer Gerard Piqué den Traditionswettbewerb diktieren und ab 2022 Europa verlassen und die finale Phase in Abu Dhabi ausrichten möchten. Oder auch dass der Modus - mit Gruppenphasen in drei Städten - bei der zweiten Ausgabe wieder anders ist. Eine Änderung hilft dem deutschen Team freilich: die Aufwertung des Doppels. Es gibt nur noch zwei statt vier Einzel. Da kommen Pütz und Kevin Krawietz ins Spiel. Steht es nach den Einzeln 1:1, hat Deutschland beste Chancen. Dreimal war das jetzt so. Selbst der Weltranglisten-Erste Novak Djokovic und sein Partner Nikola Cacic unterlagen den beiden.

Von Krawietz, 29, weiß man, wie gut er ist. Der Coburger gewann zweimal die French Open (2019, 2020); mit dem energiegeladenen Kölner Andreas Mies, 31, fabrizierte er, der Ruhepol, deutsche Tennisgeschichte. Als Mies Anfang 2021 am Knie operiert wurde und ein halbes Jahr ausfiel, brach das Duo auseinander. Vor kurzem kehrte Mies zurück. Kohlmann stand vor einer schwierigen Wahl: "Natürlich war er eine Option", sagte er über Mies. Doch er entschied: Pütz bleibt diesmal gesetzt. In Tokio hatte der 34-jährige Frankfurter schon mit Krawietz gespielt. Zwei Runden gewannen sie. Noch hatte nicht ganz "die Chemie" gestimmt, von der sie nun schwärmen. In der kommenden Saison, verriet Kohlmann, sind wieder Krawietz und Mies ein Duo auf der Tour. Aber nun, in Innsbruck, wo die Gruppenphase war, und in Madrid, wo Halbfinals und Finale (Sonntag, 16 Uhr) stattfinden, ist Mies diesmal der Loyale - gegenüber Pütz.

"Unter anderen Vorzeichen hätte kein Mensch an Tim Pütz gedacht" - sagt Tim Pütz

Pütz beherrscht eine unscheinbare und doch wesentliche Gabe: Er sorgt dafür, dass seine Partner glänzen. Er vollendet Vorarbeiten. Er ist kein Schwachpunkt. Manchmal übernimmt er die Führung, heimlich, ohne dass es so wirkt. Jelen zog auch oft Becker mit, das ging unter im Hype um Becker. In einem SZ-Interview hat Pütz mal über sein Leben als Doppelprofi geredet und sich daran erinnert, oft eine Notlösung gewesen zu sein. "Unter anderen Vorzeichen hätte kein Mensch an Tim Pütz gedacht", sagte Pütz, entwaffnend ehrlich. Anfangs fielen Philipp Petzschner und André Begemann aus. So kam er zum Davis Cup; er, der nie groß gefördert wurde, er, der ein Tennisstipendium in Alabama nutzte, um VWL zu studieren und am College am Tennis zu schleifen. 2015 schaffte er es auf Rang 163 im Einzel, höher ging's nie. Das Doppel war seine Chance. 18. der Weltrangliste ist er aktuell. Höher stand er nie. Deutschland hat einen Weltklassespieler und kriegt es nicht mit: Das ist seine Story.

Um Pütz' Klasse zu verdeutlichen: Mit dem Neuseeländer Michael Venus triumphierte er diese Saison in Hamburg - und dann gar beim Masters-Turnier in Paris-Bercy - im Finale bezwangen sie die fünfmaligen Grand-Slam-Champions Nicolas Mahut und Pierre-Hugues Herbert aus Frankreich. Im Davis Cup ist die Bilanz von Pütz makellos: 7:0. Krawietz kommt auf 6:0 Siege. 2017 in Portugal war es Pütz, der mit Jan-Lennard Struff - nun die Frontfigur im Einzel neben Dominik Koepfer und Peter Gojowczyk - den Punkt im Doppel sicherte. 2018 in Spanien verlor Deutschland das Viertelfinale 2:3, doch Pütz rang mit Struff Feliciano Lopez und Marc Lopez nieder, nach 4:39 Stunden. Wenn man ihn, damals wie heute, zu seinen Leistungen befragt, sagt Pütz trocken: "Hätte auch in die andere Richtung gehen können."

"Butz", so nannte ihn Feliciano Lopez vor vier Jahren. Er kannte Pütz offenbar nicht. Das dürfte diesmal anders sein. Sein Name ist, zumindest im Tennis, längst ein Begriff.

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