Handschläge hat es zwischen David Alaba und Ralf Rangnick immer wieder gegeben, aber nicht immer sahen sie so aus wie am Samstagabend in Linz. In der 70. Minute spazierte der Fußballer Alaba beim Stand von 1:0 im Spiel gegen Zypern vom Platz und ging zu seinem Trainer, für einen handelsüblichen Handshake. So weit, so unscheinbar. Wäre da nicht die Tatsache, dass Kapitän und Teamchef der österreichischen Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren die meiste Zeit nebeneinander auf der Bank saßen – und es daher besonders war, dass Alaba überhaupt mal wieder seinen Platz auf dem Feld eingenommen hatte. Da, wo Rangnick ihn am dringendsten benötigt.
37 Spiele hat Rangnick inzwischen als Teamchef in seiner Wahlheimat Österreich absolviert, innerhalb von etwas mehr als drei Jahren. Er hat sich angefreundet mit der Landeskultur, hat sogar mal ein Lied samt Ansätzen von Dialekt aufgenommen („Hoch gwimmas (n)imma“, 2024) und hat die Querelen mit dem Fußballverband ertragen, ohne zu flüchten. Rangnick hat sich in den vergangenen Jahren Angebote angehört und sie abgelehnt, was viele in Österreich anerkennen. Was er allerdings in all der Zeit viel zu selten gemacht hat: David Alaba trainiert.

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Nur 16 Spiele hat das Duo Rangnick/Alaba miteinander bestritten, davon die Mehrheit in der Anfangsphase zwischen Juni 2022 und November 2023. Dann folgte Alabas schwere Kreuzbandverletzung, die ihn aus Nationalmannschaftssicht das gesamte Jahr 2024 und – bis auf zwei Partien gegen Serbien – auch die erste Jahreshälfte 2025 kostete. Alaba war immer da, reiste zu fast jedem Lehrgang und bestritt die Europameisterschaft als sogenannter Non-Playing-Captain (was wiederum viele ihm in Österreich hoch anrechnen). Aber weil Alaba nicht spielte, begleitet Rangnick und seine Amtszeit immer auch die Frage im Konjunktiv, was wohl möglich gewesen wäre – mit etwas weniger Pech und einem Playing Captain. Also mit der Zusammenarbeit zweier Menschen, die sich schon lange kennen und schätzen.
Seit 1998 war kein österreichisches Nationalteam mehr bei einer WM-Endrunde mit dabei
Die Geschichte von Alaba, Rangnick und wie man sich im Leben verpassen kann, beginnt in Wahrheit gar nicht in Österreich, sondern im Kraichgau. Am 1. Januar 2011 rief Jeannot Werth, der damalige Berater des 18 Jahre alten Alaba, den noch amtierenden Hoffenheimer Trainer Rangnick an, um die Details eines avisierten Leih-Deals zu besprechen: Alaba sollte der Spielzeit wegen vom FC Bayern nach Hoffenheim kommen, wo Rangnick ihn unbedingt fördern wollte. Der Legende nach erzählte allerdings der Berater Werth in jenem Telefonat Rangnick auch davon, dass sein liebster zentraler Mittelfeldspieler Luiz Gustavo in die Gegenrichtung nach München wechseln sollte. Rangnick wusste von dem Vollzug nichts, der seit Wochen schwelende Streit eskalierte noch am selben Tag. Er endete mit Rangnicks Rücktritt und damit, dass Alaba sein Leih-Halbjahr in Hoffenheim unter dem Trainer Marco Pezzaiuoli verbrachte.
Da in den Folgejahren trotz mehrmaliger Gespräche die Zusammenarbeit zwischen Rangnick und dem FC Bayern nie zustande kam, blieb beiden nur noch die Option Österreich, um doch noch einmal zueinanderzufinden – die aber schien perfekt zu passen. Alaba war einer der entscheidenden Spieler, derentwegen sich Rangnick 2022 überhaupt erst für die Nationalmannschaft interessierte. Und Rangnick war wiederum der Trainer, den der inzwischen erwachsene Alaba sich nach einer verkorksten Phase unter Franco Foda dringend gewünscht hatte: Erfolg mit dem Nationalteam nahm für Alaba im Verlauf seiner Karriere einen immer größeren Stellenwert ein, er reifte in seiner Rolle als Anführer – und nun war auch der Trainer kein Hindernis mehr.
Beide konnten einem daher leidtun im vergangenen Jahr bei der EM, als sie in Pressekonferenzen gegenseitig Lob füreinander aussprachen, aber nie zu jener Einheit wurden, die Österreich gebraucht hätte: mit Alaba auf dem Feld, nicht im Spezial-Aufbautraining beziehungsweise im Trainingsanzug als eine Art glorifizierter Anheizer an der Seitenlinie.

Es bleibt somit nur noch eine letzte Hoffnung, diese Geschichte zu retten. Die WM-Qualifikation hat für Österreich eine herausragende Bedeutung, seit 1998 war kein Nationalteam mehr bei einer Endrunde. Alabas Generation könnte sich dort verewigen und dann in den Ruhestand verabschieden. Rangnick dürfte dann aller Voraussicht nach ebenfalls die Wahlheimat verlassen, sein Vertrag läuft nach dem Turnier aus.
Ein Dreivierteljahr haben beide demnach noch, mit all den üblichen Widerständen, die noch kommen. Rangnick wird die Ruhe bewahren müssen, weil der sture Verband sich weiterhin weigert, alles in seinem Sinne zu strukturieren. Alaba, 33, wird fit bleiben müssen und bei Real Madrid ein Mindestmaß an Spielzeit brauchen, um das Niveau zu halten, das man in der Nationalmannschaft von ihm erwartet.
Und dann kommen noch die leidigen Gegner, am Dienstag wartet eine Auswärtspartie in Zenica gegen Bosnien-Herzegowina auf die Österreicher, die mit drei Siegen aus drei Spielen gut, wenn auch nicht glanzvoll in die Qualifikation gestartet sind. Für einen Handshake allerdings hat es gereicht.

