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Ökosystem Bayern-Kabine:Philipp und die Gärtnerplatz-Gang

Franck Ribéry neben Wohlfühl-Kumpel Daniel van Buyten, die osteuropäischen Freunde Danijel Pranjic, Anatoli Timoschtschuk und Ivica Olic im Eck, Kapitän Philipp Lahm am Bankende: Der Sitzplan in der Kabine des FC Bayern zeigt die Hackordnung im Team. Im Champions-League-Finale werden jedoch einige Plätze frei bleiben.

Jürgen Schmieder

Die Umkleidekabine ist das Ökosystem eines Sportvereins. Die Spieler ziehen sich dort nicht einfach nur um oder treffen sich zum Halbzeitplausch bei isotonischem Getränk. Die verschiedensten Spezies koexistieren darin - im besten Fall symbiotisch, doch kann dieser fragile Lebensraum leicht kippen, wenn sich Parasiten oder Prädatoren einnisten.

Wer sitzt wo? Der Sitzplan der Bayern-Kabine

Dieses Zimmer soll schall- und blickdicht sein und genügend Platz bieten für die teils überdimensionierten Egos mancher Akteure. Es ist ein geschützter, ja heiliger Ort, für den wie für Las Vegas gilt: Was dort passiert, das bleibt dort.

Das allerdings war beim FC Bayern zuletzt nicht immer so: Franck Ribéry streckte seinen Kollegen Arjen Robben während der Halbzeitpause des Halbfinal-Hinspiels gegen Real Madrid offenbar per Links-Rechts-Kombination nieder, nachdem die beiden lautstark und unter Verwendung wüster Worte darüber argumentiert hatten, wer in der bajuwarischen Biozönose über den Schützen eines Freistoßes bestimmen darf.

Der Vorfall blieb nicht in der Kabine, weil sich ein recht ausgewachsener Maulwurf offenbar bei einem amerikanischen Verein wähnte. Dort nämlich ist die Kabine ein öffentlicher Ort, über den auch offen geplaudert wird.

So gab Jim Schwartz, Trainer der Detroit Lions, während der vergangenen Footballsaison an, über die Sitzverteilung in der Kabine ebenso lange zu grübeln wie über Spielzüge und Fitnessübungen: "Wir denken tagelang darüber nach: Wer muss neben wem sitzen? Wer fühlt sich wohl im Eck, wer darf den großen Spind haben? Junge Spieler müssen auf dem Weg in die Dusche an einem Kapitän vorbei, der ihnen nach einem schlechten Spiel die Meinung geigt."

Die taktische Ordnung in der Kabine sei noch wichtiger als die Formation auf dem Feld: "Ein besonnener Akteur kann bei einem Konflikt zweier Hitzköpfe eingreifen, der erfahrene Veteran hilft dem Frischling bei der Integration. Ein älterer Spieler bekommt mehr Platz, weshalb so auch eine Hierarchie festgelegt wird." Die Zeitschrift Sports Illustrated hat im Jahr 2006 errechnet, dass der Baseballspieler Barry Bonds knapp 30 Prozent der Kabine der San Francisco Giants für sich beanspruchte, den Rest teilten sich 38 Kollegen.

Auch beim FC Bayern haben sie sich offenbar Gedanken gemacht über die psychologischen Aspekte der Umkleidekabine - was bei Ottmar Hitzfeld noch nicht so war. Der setzte bei Spielen einfach die Startelf zusammen, eine feste Ordnung gab es nicht. Nun besetzen die Kapitäne Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger die gegenüberliegenden Ecken und können jede Situation überblicken.

Franck Ribéry hat seinen Wohlfühl-Kumpel Daniel van Buyten an der Seite, im linken oberen Eck sitzen die osteuropäischen Freunde Danijel Pranjic, Anatoli Timoschtschuk und Ivica Olic. Zu Lahm gesellen sich junge Anführer aus der Germering-Gärtnerplatz-Gruppe: Thomas Müller und Holger Badstuber. Der als schüchtern geltende Jérôme Boateng sitzt neben Manuel Neuer, den er bereits aus der Nationalelf kannte. Der erfahrene Jörg Butt half den beiden bei der Eingewöhnung, und er half auch bei der Erziehung von David Alaba.

Beim Finale übrigens wird die Kabine aufgrund der gesperrten Spieler ein wenig leerer sein. Sollte es also erneut zu einem Streit während der Halbzeitpause kommen, kann Trainer Jupp Heynckes schnell eingreifen und den Prädator umsetzen. Zwischen Müller und Boateng ist genügend Platz.

© SZ vom 16.05.2012/fred
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