Darts-Weltmeister Peter Wright:Sieg für Schottland

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Darts-Weltmeister Peter Wright: Er hat's wieder getan: Der Schotte Peter Wright feiert seinen zweiten WM-Titel nach 2020.

Er hat's wieder getan: Der Schotte Peter Wright feiert seinen zweiten WM-Titel nach 2020.

(Foto: John Walton/dpa)

Im schottisch-englischen Finale wird Publikumsliebling Peter Wright ausgepfiffen, behält aber die Nerven - und kümmert sich rührend um seinen unterlegenen Gegner.

Von Sven Haist, London

Peter Wright hatte seine Siegesrede noch nicht richtig begonnen, da geriet er schon ins Stocken. Aber nicht, weil ihn die Gefühle als neuer und nun zweimaliger Darts-Weltmeister am Montagabend übermannt hätten, sondern weil ihn die Enttäuschung seines Finalgegners Michael Smith zutiefst berührte. Aus dem Augenwinkel sah Wright, wie sich Smith plötzlich umdrehte und seinen Kopf verzweifelt gegen die Rückwand des Podiums drückte, direkt neben der Dartscheibe. Hemmungslos fing Smith an zu weinen, vergeblich mühte er sich, mit seinen Händen seinen Seelenschmerz vor dem Publikum zu verbergen.

Erneut hatte sich Smiths Titeltraum in Tränen aufgelöst, wie vor drei Jahren, als er im WM-Endspiel der damaligen Nummer eins Michael van Gerwen unterlegen war. Durch die erneute Niederlage hat der ehemalige Junioren-Weltmeister Smith nun acht seiner neun im TV ausgestrahlten Profifinals verloren. Seine Ernüchterung konnte in diesem Moment keiner besser nachempfinden als der früher in Endspielen ebenfalls notorisch unterlegene Wright, der sogar zehn seiner ersten elf Major-Endspiele verloren hatte.

Darts-Weltmeister Peter Wright: Verlierer des Finals, obwohl das Publikum ihn frenetisch unterstützte: Michael Smith aus England.

Verlierer des Finals, obwohl das Publikum ihn frenetisch unterstützte: Michael Smith aus England.

(Foto: Luke Walker/Getty)

Erst 2020 war es Wright gelungen, sich im fortgeschrittenen Alter von 49 Jahren zum Weltmeister zu werfen. Natürlich sei er "überglücklich", sagte Wright mit fester Stimme, ehe ihn dann wohl im Angesicht seines untröstlichen Kollegen die eigenen Erinnerungen einholten und er vor sich hin stammelte, dass "bald" sein deutlich jüngerer Kontrahent an der Reihe sein werde.

Als beide vor dem Mikrofon standen, erklärte Wright, dass er sich "so schlecht" fühle, weil Smith ganz sicher "einfach jeden besiegen" werde, sobald er sein erstes Major gewonnen habe. "Das wird er, das wird er", bekräftige Wright, denn "diesem Mann" gehöre die Zukunft. Er solle "seine Würfe auf die Doppel-Felder" üben, gab Wright ihm schmunzelnd mit auf den Weg - und legte Smith den Arm aufmunternd um die Schulter: "Kopf hoch, Mate!"

Zwischenzeitlich steht Smith unmittelbar vor dem Sieg - doch Wright kommt zurück

Den Zuspruch konnte Smith, 31, nach seiner Niederlage in 5:7 Sätzen gut gebrauchen. Zwischenzeitlich hatte er selbst unmittelbar vor dem Sieg gestanden, als er mit 5:4 führte und auch die ersten beiden Legs des zehnten Satzes gewinnen konnte (drei Legs werden für einen Satzgewinn benötigt). Doch dann spielte Wright seine enorme Erfahrung und Konstanz aus, indem er sich neun der verbliebenen zehn Legs holte. Für keinen dieser Abschnitte, die jeweils vom Ausgangswert "501" auf exakt "0" heruntergespielt werden müssen, benötigte er mehr als 15 Würfe.

Unter diesem Druck brach Smith ein, der als erster Engländer nach Rob Cross 2018 die Trophäe hätte gewinnen können. Als Belohnung bei einem Erfolg hatte Smith angekündigt, sich gegen den Willen seiner Frau einen Bullen für sein wunderschönes Bauernhaus zulegen zu wollen - angelehnt an seinen Spitznamen "Bully Boy" (Raufbold), den er nach einer Zankerei mit einem Kalb verpasst bekam. Bei seinem ersten WM-Finale 2019 hatte er im Siegesfall vor, Frau Dagmara zu heiraten. Er verlor - heiratete dann aber trotzdem.

"Ich muss in einem früheren Leben etwas Schreckliches getan haben, dass mir die Niederlage jetzt so im Kopf zu schaffen macht", sagte Smith. Er werde "eine schlechte Nacht" haben, aber immerhin habe er diesmal "fünf statt drei Sätze" gewonnen. Als Trost blieb ihm ein von Gary Anderson übernommener Rekord: Während des Turniers hat er insgesamt 83 Mal die Höchstpunktzahl "180" geworfen - häufiger als jeder andere Spieler zuvor.

Darts-Weltmeister Peter Wright: Das Publikum im Alexandra Palace wurde während des Turniers zunehmend unflätig.

Das Publikum im Alexandra Palace wurde während des Turniers zunehmend unflätig.

(Foto: John Walto/dpa)

Die vorwiegend englischen Dart-Fans im Londoner Alexandra Palace hatten ihn zuvor frenetisch unterstützt - jedoch vergeblich. Überhaupt gab sich das zunehmend primitiver wirkende Publikum über die zwei Turnierwochen hinweg einer erbitterten englisch-schottischen Rivalität hin. Die meisten Spitzenspieler des Darts stammen aus einem der beiden Länder; während der Matches grölten die Engländer daher, dass die Schotten geschlagen werden ("Scotland get battered"), wo auch immer sie hingehen.

Im Endspiel spitzte sich die feindselige Atmosphäre zu, als sogar der Schotte Wright - eigentlich einer der Fanlieblinge auf der Tour - ausgepfiffen wurde. So war es auch dem im Viertelfinale ausgeschiedenen walisischen Turnierfavoriten Gerwyn Price ergangen, der sogar unmittelbar bei seinen Würfen massiv gestört wurde. Auf Twitter konnte sich Gary Anderson (im Halbfinale knapp an Landsmann Wright gescheitert) den Seitenhieb nicht verkneifen, den Schlachtgesang der bierseligen Masse mit einer schottischen Flagge und zwei die Zunge herausstreckenden zwinkernden Smileys zu verzieren.

Weltmeister Wright schwor den Pfeilen einst ab - mittlerweile haben sie ihn zum Millionär gemacht

Dabei repräsentiert Peter Wright wie kaum ein anderer die beiden Nationen. Geboren im schottischen Livingston nahe Edinburgh wanderte seine Mutter mit ihm als fünfjährigem Kind nach England aus, um dort in bescheidenen Verhältnissen ein neues Leben zu beginnen. Mit 13 fing Wright das Dartspielen an, angeblich soll er die Pfeile anfangs gegen Baumstämme geworfen haben, weil er sich keine Zielscheibe leisten konnte. Nach einer vielversprechenden Juniorenkarriere und der Qualifikation für die Profi-WM 1995, bei der er chancenlos ausschied, entschied sich Wright, die Pfeile in die Ecke zu legen.

Als gelernter Reifenmonteur nahm er eine Reihe gering bezahlter Jobs an, er montierte Fenster, arbeitete auf Baustellen und lebte zeitweise von 14 Pfund pro Woche, wie er einmal in einem Interview erzählte. Erst ein Jahrzehnt später überredete ihn seine Frau, den Pfeilen noch mal eine Chance zu geben. Der Dartsport hat ihn mittlerweile zum Millionär gemacht, allein für seinen WM-Sieg erhält Wright eine halbe Million Pfund.

Über sich selbst sagt Wright, sein Charakter gleiche dem einer Schlange - anders als seine markanten Auftritten mit schrillen Outfits und unverwechselbaren Irokesenfrisuren vermuten lassen. Er sei "ein ruhiger und schüchterner Zeitgenosse", der es möge, sein Ding zu machen: "Wenn mich allerdings jemand ärgert, beiße ich zu." Aufgrund seines Faibles für Schlangen entstand einst sein Rufname "Snakebite" (Schlangenbiss), der sein auf den ersten Blick furchteinflößendes Aussehen verstärkt. Aber dahinter steckt einer der sympathischsten Spieler der Szene, dem die Niederlage seines Gegners genauso naheging wie sein eigener Triumph.

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