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Darts-WM:Weltmeister mit Haudrauf-Attitüde

Darts-WM in London

Tatsächlich Weltmeister: Gerwyn Price.

(Foto: Adam Davy/dpa)

Der sehr selbstbewusste Gerwyn Price schreibt Geschichte: Als ehemaliger Rugbyspieler wird er Darts-Weltmeister, doch mit den Fans hat er bisher so seine Probleme.

Von Carsten Scheele

Fast hätte Gerwyn Price noch einen draufgesetzt und im WM-Finale einen seltenen Neun-Darter geworfen. Mit neun Pfeilen den Punktewert eines Legs von 501 auf 0 zu drücken, das ist die größte Kunst im Sport der Pfeilewerfer - und Pryce war so nah dran. Er spielte zweimal Triple 20, Triple 19, fünf weitere Male Triple 20, acht perfekte Darts also. Nur den neunten, den setzte er um Millimeter am Feld der Doppel 12 vorbei.

Doch was ist schon ein verpasster Neun-Darter, wenn man sich erstmals den Weltmeistertitel sichert? Price, 35, hat im pandemiebedingt leergefegten Londoner Alexandra Palace am Sonntagabend gegen Gary Anderson geschafft, was er sich selbst lange zugetraut hat: Gerwyn Price, Weltmeister, das klang in den Ohren des Walisers logisch; der Mann mit den dicken Muskelpaketen auf der Brust gehört zu den selbstbewussteren Menschen des Planeten. Alle anderen staunen dagegen über dessen Entwicklung.

Schließlich verdiente Price bis vor sieben Jahren noch als Rugbyprofi sein Geld. Price spielte als Hakler (Hooker), auf einer der gefährlichsten Positionen mitten im Gedränge, erst in Wales, dann in Schottland, der ganz große Durchbruch blieb aber aus. Das Geld reichte nicht ganz, also jobbte er nebenberuflich als Isolierer auf Baustellen. Auch spielte er Darts, wie es so viele Briten tun: in den Pubs. Das jedoch ziemlich gut, 2014 wagte er den weltweit vermutlich einmaligen Quereinstieg von der Vollkontakt-Sportart in die Nullkontakt-Sportart, vom Ei zum Pfeil.

Price wurde von den Fans monatelang ausgebuht

Ein Rugby-Haudrauf bei den vergleichsweise filigranen Dartern - jahrelang wurde er von manchem Konkurrenten belächelt, die Spötter hat er nun zum Schweigen gebracht. Weltmeister! "Das bedeutet alles, das bedeutet die Welt für mich", sagte Price, kurz nachdem er die 25 Kilo schwere Sid-Waddell-Trophy in die Luft recken durfte. 560.000 Euro Preisgeld gab es obendrein.

Das Leben hatte sich Price zuvor selbst schwer gemacht. Er wirkte im Tross der zwar extrovertierten, an der Scheibe aber hochkonzentrierten Darts-Elite wie ein Fremdkörper. Er trug seine Rugby-Attitüde offen mit sich herum, spielte sehr impulsiv, provozierte seine Gegner, prollte herum. In einem skandalträchtigen Grand-Slam-Finale im Jahr 2018 brachte er Anderson, den Liebling vieler Fans, derart an den Rand der Fassung, dass Price das Turnier zwar gewann, aber wegen ungebührlichen Verhaltens mit einer hohen Geldstrafe belegt wurde. Anschließend wurde er monatelang von den Fans bei jedem Auftritt ausgebuht, mit Bier bekippt, mit Münzen beworfen. Bei der WM 2019 schien er am Druck zu zerbrechen, scheiterte in der ersten Runde.

Jetzt hat Price gezeigt, dass er es auch sportlich fair draufhat. Im WM-Finale, wieder gegen Anderson, bot er bei seinem 7:3-Sieg über weite Strecken eine wirklich herausragende Show. Da war nicht nur der knapp verfehlte Neun-Darter: Price' Quote auf die wichtigen Doppelfelder, mit denen man die Legs beendet, lag zwischenzeitlich bei über 80 Prozent. Anderson zog entnervt Grimassen, so chancenlos war der zweifache Titelträger.

Erst ganz am Ende bekam Price zittrige Finger, als er sagenhafte elf Matchdarts ausließ, Anderson sogar noch einen Satzgewinn schenkte, ehe er sich mit dem Pfeil in die Doppel 5 zum König seiner Sportart kürte. "Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so einen großen Druck verspürt", sagte Price hinterher. Es war vermutlich nicht zu seinem Nachteil, dass die Reaktionen der Fans in diesem Jahr nur vom Band eingespielt wurden.

Ach ja, neuer Weltranglistenerster ist Price damit auch, nach sieben Jahren Herrschaft von Michael van Gerwen. Kann man mal machen, als ehemaliger Rugby-Hakler.

© SZ/schm/bkl
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