Und dann drehte er es doch wieder, dieses so hochklassige, aber komplizierte Spiel. Wie so oft, wenn er auf der großen Bühne steht und seine Pfeile wie maschinell gesteuert im Feld der Triple-20 landen: Der englische Dartsprofi Michael Smith hatte einen sogenannten Matchpfeil gegen sich überstanden, er hatte die Verlängerung erzwungen – und lag in Führung. Ein letzter Minispielabschnitt fehlte dem Ex-Weltmeister noch. Die bis dato größte Überraschung beim diesjährigen Turnier schien verhindert. Doch dann kippte die Partie abermals.
Und zwar zugunsten eines Niederländers. Der bislang zirmlich unbekannte Kevin Doets hat am Donnerstagabend den bedeutsamsten Sieg seiner Darts-Karriere eingefahren und dem Mitfavoriten Smith eine Niederlage der unangenehmsten Sorte verpasst. Smith, der Champion von vor zwei Jahren, stemmte sich im Londoner Alexandra Palace so gut er es vermochte gegen das Zweitrunden-Aus. 2:2 stand es nach Sätzen, Smith führte im entscheidenden fünften Satz mit 4:3 Legs – und im Ally Pally machte sich der Verdacht breit, dass der Engländer es jetzt doch wieder packt. Dann aber vollführte Doets Smith-Dinge: Seine Dartsspitzen belagerten das Triple-20-Feld fortan – und Smith spielte wahrlich nicht schlecht. Aber sein Gegner war noch besser. Nach 34 Minuten versenkte der 26-Jährige den finalen Dart zum 6:4 und besiegelte das frühe Aus des „Bully Boy“.
„Das wird das beste Weihnachten meines Lebens“, sagte Doets später auf der Pressekonferenz in einem Nebenraum des Palasts, da war auf der Insel beinahe Mitternacht erreicht, doch der Niederländer wirkte alles andere als müde. „Ich bin im Kopf dauerhaft fokussiert geblieben“, sagte Doets, der zwei Tage zuvor die erste trans Teilnehmerin Noa-Lynn van Leuven bezwungen hatte. Doets wirkte selbst überrascht, dass er diese Konzentration gegen Smith auf so hohem Niveau zu bewahren wusste: „Ich kann es nicht erklären, es war einfach da.“ Und Michael Smith? Der wollte und konnte es vielleicht selbst nicht erklären, der 34-Jährige verschwand wortlos hinter der Bühne.
Das Aus des Weltranglistenzweiten gegen die Nummer 51 war nicht die einzige unerwartete Wendung des WM-Turniers in London. Zuvor war am Donnerstag bereits der für Runde zwei gesetzte Deutsche Gabriel Clemens ausgeschieden. Auch er hatte eine Performance gezeigt, die in den meisten Fällen wohl für den Einzug in die Runde der besten 32 reichen würde. Doch ähnlich wie bei Smith erwies sich der Gegner des Saarländers als ungeahnt kompliziert. Robert Owen aus Wales zog schnell mit 2:0 nach Sätzen davon. Dann steigerte sich Clemens, gewann Satz drei, und es sah nach einer Aufholjagd aus. Doch der Waliser fing sich – und beendete das Match vorzeitig mit 3:1.
Aus deutscher Sicht entwickelte sich der Donnerstag nicht wirklich besser. Am Abend zeigte der Mainzer WM-Debütant Niko Springer gegen den Vorjahreshalbfinalisten Scott Williams zwar ein beachtliches Match und hinterließ Hinweise, warum er in der deutschen Dartsszene gegenwärtig als größtes Talent gehandelt wird. Nach 1:0-Führung offenbarte der 24-Jährige jedoch Schwächen beim Treffen der entscheidenden Doppelfelder – und verlor trotz einer starken Vorstellung 1:3 gegen den Engländer. Am Freitagabend steigt der Kölner Florian Hempel ins WM-Turnier ein, ehe am Samstagabend der derzeit beste deutsche Dartsprofi Martin Schindler gegen den Briten Callan Rydz antritt.


