Darts-WM:Bye bye, Ally Pally?

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Stets Party-Stimmung, aber nur Platz für 3000 Gäste: In die berühmte West Hall des Alexandra Palace, hier vergangenen Winter, kommen auch viele deutsche Fans. (Foto: Action Plus/Imago)

Der Chef des Darts-Weltverbands will die Sportart noch bekannter und größer machen – und erwägt dafür einen Umzug aus dem Londoner Alexandra Palace nach Saudi-Arabien. Dadurch könnte sich das Wesen des Dartsports verändern.

Von Korbinian Eisenberger

Der Boden bebt und klebt, fast alle sind verkleidet, blau sind nicht nur die Schlümpfe. Wer zwischen Mitte Dezember und Anfang Januar durch die Tore des Londoner Alexandra Palace tritt, den haut es beim ersten Mal fast um. In der Westhalle, an deren Ende eine riesige Bühne samt Dartscheibe steht, hängt ein bissiger Dunst gemischt aus Bier, Burger und Schnaps. Seit 2008 ist dieser Ort die Heimat des alljährlichen Highlights im Pfeilwurf. Die Darts-Weltmeisterschaft und der Ally Pally sind in der Fanszene fest miteinander verschmolzen. Kaum vorstellbar, dass diese Beziehung in die Brüche geraten könnte.

Ein mächtiger Mann der Branche sieht das jedoch anders. Barry Hearn, Vorsitzender der Professional Darts Corporation (PDC), hat nun in einem Interview mit der englischen Zeitung The Mirror erklärt, das Turnier vom Palast im Londoner Norden in den gar nicht so nah gelegenen Nahen Osten verlegen zu wollen, nach Saudi-Arabien. „Ich habe mit den Saudis gesprochen und sie waren sehr begeistert“, sagte Hearn. Die Stimmung im Londoner Palast sei zwar lobenswert, sein Ziel sei aber, den Dartsport noch bekannter zu machen als bisher. Und zwar mithilfe des Premiumprodukts: der Weltmeisterschaft.

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„Es herrscht eine großartige Atmosphäre im Ally Pally, aber wir überlegen, ob wir es nicht auch anderswo organisieren können“, sagte der 75-Jährige. Er wolle die WM größer machen: „Wenn ich zum Beispiel von 96 auf 128 Spieler aufstocke, was ich ohne weiteres tun kann, wird das viel mehr Fernsehgelder aus verschiedenen Ländern einbringen.“ Also ein Umzug vom Ally Pally in eine Art Arab Pally? Eine ähnliche Diskussion gibt es gerade im Snooker, wo die WM seit den Siebzigern im sehr kleinen Crucible Theatre in Sheffield ausgetragen wird, Spitzenspieler wie Ronnie O’Sullivan aber offen über den Umzug in eine große Halle in Saudi-Arabien oder China sinnieren. Die Traditionalisten des Sports finden derlei Überlegungen frevelhaft, der Ausgang ist offen.

„Ich könnte eine Viertelmillion Plätze verkaufen“, sagt Hearn, „jetzt verkaufe ich nur 90 000“

Für zukünftige Gäste würde sich mit einer Verlegung der Darts-WM von London nach Saudi-Arabien einiges ändern. Anhänger aus Deutschland (ein Viertel der Eintrittskarten bei der vergangenen Darts-WM ging an deutsche Fans) müssten für die Anreise deutlich mehr Kosten und Aufwand erbringen. Allerdings würde PDC-Chef Hearn wohl eine merklich größere Location aussuchen – was den Anhängern entgegenkommen könnte: In der berühmten West Hall des Alexandra Palace, wo die dreiwöchige WM bisher ausgetragen wurde, ist lediglich Kapazität für 3000 Zuschauer pro Veranstaltung, Tickets sind fast so schwer zu bekommen wie Karten für ein Taylor-Swift-Konzert. „Ich könnte eine Viertelmillion Plätze für die Weltmeisterschaft verkaufen“, sagte Hearn, „jetzt verkaufe ich nur 90 000.“

Einem der bekanntesten Spieler der Szene gefällt Hearns Ansatz offenbar. „Vielleicht ist das der richtige Weg“, erklärte der Waliser Dartspieler Gerwyn Price in einem Instagram-Posting mit einem Foto, auf dem Hearn mit seinen Ideen zitiert wird. 2021 hatte Price im Ally Pally zwar den Weltmeistertitel gewonnen, zuletzt wurde er auf der dortigen Bühne jedoch häufig unfair vom Publikum ausgepfiffen. Sein Clash mit den Zuschauern gipfelte am Neujahrstag 2023 im WM-Viertelfinalspiel gegen den Saarländer Gabriel Clemens. In Rückstand liegend, reagierte Price auf die lauten Buh-Rufe, indem er mit massiven Ohrenschützern aus der Pause zurück auf die Bühne trat, ehe er das Spiel verlor.

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Insofern überrascht es nicht gänzlich, dass der Waliser den Standortwechsel überlegenswert findet. Denn: Saudi Arabien ist so etwas wie der nüchterne Gegenentwurf zum Londoner Ally Pally, wo das Bier in Zwei-Liter-Humpen serviert und nicht selten quasi mit einem Zug inhaliert wird. „Das würde dazu führen, dass es weniger betrunkene Leute gibt, die keine echten Darts-Fans, sondern für Schlägereien verantwortlich sind und den Ausgang der Spiele beeinflussen wollen“, findet Price.

Genau dieser Umstand könnte zum Knackpunkt werden. In Saudi-Arabien ist Alkohol streng verboten. Die Veranstalter dort „werden keinen Alkohol erlauben“, lautete Hearns Prognose. „Und das Wesen des Dartsports ist, dass es eine Party ist“. Also doch kein Arab Pally? „Die sind derzeit noch nicht bereit, eine solche Weltmeisterschaft auszurichten, aber es wird nicht mehr lange dauern“, meinte Hearn. Alternativ sei denkbar, zunächst lediglich den Partyraum zu wechseln – also innerhalb des Alexandra Palace von der West Hall in die große Haupthalle umzuziehen. Dort hätten 6000 Gäste Platz – und Bier gäbe es auch.

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