Anzapfen ist eine ganz eigene Kunstform, und es war unschwer zu erahnen, dass der Dartsprofi Michael van Gerwen in dieser Tätigkeit weniger Übung hat als im Präzisionswurf mit den kleinen Pfeilen. 19 Versuche mit dem Schlegel gönnte der 36-Jährige sich unlängst bei einem Gastspiel in Erding, als er ein Fass Bier anzapfen sollte. Der prägendste Dartsprofi der vergangenen 15 Jahre in einem Brauhaus bei München: ein Bild mit Symbolkraft. Er warf noch einige Pfeile, ehe er erklärte, dass er das Gebräu für „nicht allzu schlecht“ befinde, was von Vorteil sei, da er einen großen Teil seines Arbeitslebens inzwischen hierzulande verbringe. „Ich bin 15 bis 16 Wochenenden im Jahr in Deutschland“, sagte van Gerwen: „Die Unterstützung der Fans hier ist großartig. Das ist wichtig für den Dartssport, um weiter voranzukommen.“

Darts-WM 2026:Finale zwischen zwei Youngstern
Das Dartboard erobert wieder den Alexandra Palace in London. Vom 11. Dezember an wird der neue Weltmeister gesucht. Im Finale stehen sich zwei der Jung-Stars gegenüber.
Die Darts-Weltmeisterschaft steht kurz vor dem Anzapfen, von Donnerstag an bis Anfang Januar ist dieses irrwitzige Event in vielen Wohnzimmern Pflichtprogramm, alle Jahre wieder, wenn andere Sportarten in die Weihnachtspause gehen. Dann ist der Londoner Norden Schauplatz dieser seltsam anmutenden Veranstaltung, deren Dimensionen immer größer werden. Im Netz finden sich zahlreiche Bilder von Menschen, die im Schlumpf- oder Gandalf-Kostüm zu Hause auf der Couch sitzen, und dabei zusehen, wie Männer Pfeile auf Scheiben werfen – Frauen sind die Ausnahme. Die meisten dieser Fans würden am liebsten in der Halle mitfiebern. Nur ist dieses Unterfangen reichlich kompliziert.
Die 125 000 verfügbaren Tickets für den Londoner Alexandra Palace – der Austragungsort der Darts-WM ist weithin bekannt als Ally Pally –, waren innerhalb von zehn Minuten vergriffen, wie der Darts-Weltverband PDC (Professional Darts Corporation) mitteilte. Zuletzt war ob der hohen Nachfrage immer wieder über einen Umzug der WM spekuliert worden, befeuert durch die Äußerungen von PDC-Boss Barry Hearn, wonach er sich Saudi-Arabien als Standort vorstellen könne. In der Fanszene reagierten viele mit Entsetzen auf diese Idee, zuvorderst, weil in dem Wüstenstaat am Persischen Golf ein striktes Alkoholverbot gilt. Darts ohne Bier? Für die Anhängerschaft etwa so attraktiv wie Skirennen ohne Schnee.

Tatsächlich wird die Darts-WM nun auf andere Art und Weise vergrößert. Der Weltverband hat das Teilnehmerfeld erweitert, startet das Turnier vier Tage früher als in den vergangenen Jahren und kann so 35 000 Karten zusätzlich verkaufen. Fünf Spielerinnen und 123 Spieler treten im Ally Pally an, also 32 mehr als bisher. In den vergangenen Jahren gingen etwa ein Viertel der Tickets an deutsche Zuschauer, und daran dürfte sich wenig ändern, da erstmals acht deutsche Profis antreten, so viele wie noch nie. In einem Jahr soll es dann die zweite Erweiterung geben, wenn die Darts-WM innerhalb der Palastmauern von der West Hall in die Great Hall umzieht. Pro Session sollen dann 5000 statt bisher 3000 Zuschauer Platz finden, also über das Turnier gesehen bis zu 180 000. Laut PDC vorerst bis ins Jahr 2031.
In Deutschland ist das Interesse an Darts inzwischen so groß, dass der Weltverband für einen Großteil der Tickets wohl allein hierzulande Absatz finden würde. Dass das Weltmeisterschafts-Turnier in einem anderen Land, zum Beispiel in Deutschland, ausgetragen wird, wurde in der Szene spätestens seit der Idee mit Saudi-Arabien diskutiert. Russ Bray, Urgestein der Ally-Pally-Schiedsrichter, kann sich diesen Schritt offenbar vorstellen, auch er war in Erding anzutreffen. „Eine WM bleibt eine WM, egal wo“, ließ Bray wissen: „Die PDC ist ein Business. Wenn es heißt, die WM woanders hinzuverlagern, um mehr Geld zu verdienen, warum nicht?“ Allein die Debatte zeige, „wie weit das Spiel gekommen ist. Darts ist jetzt ein Weltsport.“
Mikael van Gerwen verspürt wenig Lust, mit Luke Littler aufs Oktoberfest zu gehen
Ob man Darts als klassische Sportart im Sinne der Leibesertüchtigung bezeichnen darf? Weniger streitbar ist, dass sich die Disziplin erheblich professionalisiert hat – und dass zahlreiche Profis zunehmend Wert auf Athletik und Fitness legen. Wie etwa Lukas Wenig aus Hessen, der bei einem Treffen einige Tage vor seiner WM-Premiere Einblicke in seinen Trainingsplan gibt. Den 31-Jährigen findet man häufig im Kraftraum, was ihm beim Darts dabei helfe, „die Körperspannung zu halten und ein besseres Standing auf der Bühne zu haben“, sagt er: „Ich kann so die Muskulatur besser ansteuern und kontrollieren.“ Seit einem halben Jahre arbeite er zudem mit einem Sportpsychologen zusammen, „um Situationen besser zu verarbeiten und nicht so impulsiv zu sein“.
Als Bray 1996 der PDC beitrat, hatte der Sixpack im Darts noch eine ganz andere Bedeutung, da war eher vom Durstlöscher die Rede, als von durchtrainierten Bauchmuskeln. „Da hatten wir 30 Spieler“, sagt Bray, inzwischen sind bei der PDC 224 Pfeilewerfer tätig, viele durchtrainiert. Darunter auch die Engländerin Beau Greaves, die in der PDC-Weltrangliste auf Rang 120 geführt wird – und nun erstmals im Ally Pally antritt. Oder der Brandenburger Martin Schindler, als 13. der Setzliste so gut platziert wie kein deutscher Dartsprofi vor ihm – und als einer von 32 Spielern gesetzt.
Auf Rang drei der Weltrangliste steht Mikael van Gerwen, der im Finale vor einem Jahr gegen den 18 Jahre jungen Luke Littler chancenlos war. Littler, der Weltranglisten-Erste, hatte unlängst in Erwägung gezogen, dass van Gerwen sich vor ihm fürchte. In Erding sagte der Niederländer dazu, dass er zwar wenig Lust verspüre, mit Littler aufs Oktoberfest zu gehen: „Aber wenn ich mich vor ihm fürchten würde, dann wäre ich nicht hier.“

