Ein Dart steckt im 90-Grad-Winkel im Brett – und am Ende gewinnt immer ein Brite. So oder so ähnlich lautet die ungeschriebene Formel des Pfeilwurfsports, doch am Wochenende ist die Darts-Welt aus dem Lot geraten. Deutschland bezwingt England, so lautet die Nachricht, was im Fußball auch erwähnenswert wäre, im Einzelsport Darts allerdings bis dato kaum denkbar war. Bei den Profis der Präzisionsbranche gibt es jedoch auch den Teamevent, einmal im Jahr, beim sogenannten World Cup of Darts; die Weltmeisterschaft im Darts-Mannschaftssport, wenn man so will, wenngleich die Mannschaften aus je zwei Spielern bestehen, was die Aufstellung erleichtert. Und so kam es, wie es kam.
Frankfurt, Mitte Juni, Deutschland gegen England im Achtelfinale, heißt: Martin Schindler und Ricardo Pietreczko gegen Luke Littler und Luke Humphries, oder in Zahlen: die Nummer 18 und 28 der Weltrangliste gegen die 2 und 1. Eigentlich eine klare Angelegenheit, aber der Straußberger Schindler und der Wahl-Berliner Pietreczko gehen nach Sätzen schnell 2:0 in Führung, ehe Littler und Humphries der Ausgleich gelingt. Die 4000 Zuschauer erkennen, dass es tatsächlich interessant, gar eng werden könnte. Aber sie irren sich. Eng wird es ganz und gar nicht.
Schindler, 28, und Pietreczko, 30, lassen die Pfeile wie an unsichtbaren Fäden gezupft in die Triple- und Doppelfelder sausen. Littler, 18, und Humphries, 30, die beiden Einzel-Weltmeister von 2024 und 2025, wirken wie paralysiert, als hätte man sie unfreiwillig in einen Horrorfilm verfrachtet. Die folgenden fünf Sätze rauschen an den Briten vorbei wie die 18 bis nach Istanbul, 2:7 steht es bereits, ehe die beiden wieder Herren der Lage werden, zumindest kurz: Ein Aufbäumen mit Pfeilspitzen samt Break, 4:7 steht es nun, doch dann tritt Pikachu, wie seine Anhänger Pietreczko nennen, ans sogenannte Okey, den Grenzbereich, den ein Dartsspieler nicht übertreten darf. Der erste Matchpfeil für Team Deutschland, Doppel-16 soll es sein. Und es geht mitten hinein ins grüne Glück, in Frankfurt sind nun alle Grenzen gesprengt.
„Jeder erwartet von England, dass sie gewinnen. Wir konnten das mental als Vorteil nutzen“, sagte Schindler. „Wir sind hier, um zu gewinnen“, erklärte Pietreczko. Das gelang dem deutschen Duo am Sonntag dann abermals, wenngleich deutlich knapper als zuvor. Das Viertelfinale gegen Australien brachten sie mit 8:7 ins Ziel, ein Auftritt, der für schwache Nerven kaum geeignet war. Im Halbfinale gegen die späteren neuen Weltmeister aus Nordirland wirkte es beim 1:8 dann so, als hätten Schindler und Pietreczko keine Kräfte mehr.

