SV Darmstadt im DFB-Pokal:Der Lieberknecht-Faktor

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Lässt Darmstadt vom Pokal-Coup gegen Gladbach träumen: 98-Trainer Torsten Lieberknecht. (Foto: Florian Schust/Imago)

"Er passt ziemlich gut zu unserem Verein": Zweitliga-Tabellenführer Darmstadt fordert Borussia Mönchengladbach im Pokal und setzt auf sein starkes Wir-Gefühl - das viel mit dem Trainer zu tun hat.

Von Philipp Selldorf, Darmstadt/München

Säße anstelle von Torsten Lieberknecht Jürgen Klopp auf dem Trainerstuhl des SV Darmstadt 98, dann hätte es am späteren Sonntagnachmittag bei der Deutschen Fußball Liga wahrscheinlich eine Sondersitzung geben müssen. Klopp hätte sicherlich ein paar hübsch ätzende Formulierungen gefunden, um erstens die dramatische Benachteiligung seiner Lilien auszudrücken und zweitens die ebenso dramatische Ignoranz der Damen und Herren bei der DFL zu geißeln. Drei Spiele binnen sechs Tagen müssen die Darmstädter meistern, nach dem 2:1-Sieg beim Karlsruher SC vom Samstag steht am Dienstag das Pokalspiel gegen Borussia Mönchengladbach und schon am Freitag das Treffen mit Holstein Kiel an. Unding! Es ist ihnen egal! Es geht ihnen nur ums Geld! So in etwa hätte sich Klopp vermutlich geäußert, und die DFL hätte daraufhin viele böse Kommentare erhalten.

Lieberknecht, 49, hingegen ließ es ruhig angehen. "Wir arbeiten daran, eine Runde weiterzukommen", ließ er am Montag mit dem Selbstbewusstsein des neuen Tabellenführers der zweiten Liga wissen. Von vorauseilenden Klagen über drohende Erschöpfung kein Ton. Der Trainer hat seinen Leuten verordnet, "die Ligasituation aktuell auszublenden", weil er offenbar eine dieser klassischen herbstlichen Pokalschlachten plant. In der ihm eigenen vorfreudigen Euphorie verspricht er einen "Wahnsinnsabend".

In Wahrheit kommt dieses Spiel für Darmstadt 98 zu einer guten Zeit. Lieberknechts Mannschaft hat wieder in den kampfbereiten, angriffslustigen Modus gefunden, der sie bereits in der vorigen Saison auszeichnete und bis ins Finale des Wettstreits um den Aufstieg führte. Platz vier bedeutete einerseits die Enttäuschung, als erster Verlierer des Rennens angekommen zu sein, andererseits die Bestätigung "einer gewissen Entwicklung", wie Präsident Rüdiger Fritsch sagt.

Demnächst hat der Klub die seit Jahren andauernden Umbauten an seinem Stadion beendet

Der 61 Jahre alte Rechtsanwalt, der seit 2012 dem Verein vorsteht, verschweigt nicht, dass die Entwicklung nach oben führen soll. Wenn Darmstadt 98 nach dem Modell von Vereinen wie Bielefeld, Bochum oder Fürth die Aufbauarbeit der Vorjahre zur Rückkehr in die erste Liga nutzen würde, dann hätte die Vereinsführung nichts dagegen. Allein die wirtschaftlichen Vorteile einer vielleicht bloß kurzlebigen Zugehörigkeit zur Oberklasse - beispielsweise mindestens 36 statt zwölf Millionen Euro Fernsehgeld - sind dafür Grund genug. Demnächst hat der Klub die seit Jahren andauernden Umbauten an seinem Stadion beendet, dann ist das alte Böllenfalltor ein Haus mit zeitgemäßen Standards und Platz für 18 000 Zuschauer, das aber immer noch die gewohnt spezielle Atmosphäre bieten soll.

Anders als der Klassenkamerad Hamburger SV haben die Lilien den Aufstieg gesellschaftlich und finanziell nicht nötig. Vor der Saison habe die Erwartung geherrscht, "dass wir am Ende in der ersten Tabellenhälfte landen möchten", sagt Fritsch, der im überschaubaren Klub-Organigramm dem Sport eng verbunden und gelegentlich bei Teamsitzungen anzutreffen ist: "Wir haben zwar unseren Stürmer Luca Pfeiffer an den VfB Stuttgart abgegeben, aber die übrige Mannschaft zusammengehalten." Das Resultat ist an der Tabelle abzulesen: Im stabilen sportlichen Umfeld hätten sich Spieler wie etwa der Stürmer Braydon Manu "super entwickelt, wodurch die gesamte Mannschaft nochmals gestärkt wurde".

Lieberknecht hat mit Eintracht Braunschweig schon mal eine ähnliche Operation geleitet, sie endete nicht glücklich, doch das hält ihn nicht davon ab, es noch mal zu versuchen. Das Team habe sich "als Gruppe gefunden", hat der Trainer jetzt festgestellt, und das sollten die Gladbacher Borussen als Warnung deuten: Lieberknecht versteht sich darauf, in seiner Kabine ein starkes Wir-Gefühl zu kreieren. Beim familiär, aber zielstrebig gelenkten SV Darmstadt ist er damit am richtigen Ort: "Ich würde sagen: Er passt ziemlich gut zu unserem Verein", meint Präsident Fritsch, "Lieberknecht ist hier ein ganz entscheidender Faktor."

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