Süddeutsche Zeitung

Darmstadt:Ende der Fußball-Romantik

Auch bei Darmstadt 98 greifen inzwischen die Branchenreflexe: Nach dem 0:2 gegen den HSV wird Trainer Norbert Meier entlassen. Sportchef Holger Fach geht ebenfalls - aus Solidarität.

"Aus Tradition anders": So lautet das schöne Vereinsmotto des SV Darmstadt 98. Aber einen Tag nach dem 0:2 gegen den Hamburger SV, der sechsten Pflichtspiel-Niederlage hintereinander, folgte auch das Präsidium der Lilien um Präsident Rüdiger Fritsch den gewohnten Branchenreflexen und entließ den erst im Sommer verpflichteten Trainer Norbert Meier, 58. Angeblich wollten die Darmstädter es mit dieser Maßnahme bewenden lassen und den Sportchef Holger Fach sowie den Assistenzcoach Frank Heinemann weiter beschäftigen, aber die beiden zeigten branchenunübliche Solidarität mit Meier und wurden dann ebenfalls freigestellt. Nach 13 Spieltagen steht Darmstadt also nicht nur mit acht Punkten auf dem Relegations-Rang 16, sondern plötzlich auch ohne sportliche Führung da.

Es hat nach dreieinhalb Jahren im Aufwärtsfahrstuhl nur ein paar Monate des Abwärtstrends gebraucht, um auch in Darmstadt die Fassade der Fußball-Romantik zum Bröckeln zu bringen. Am Sonntag hatten die Lilien ja zum zweiten Mal einen Befreiungsschlag in einem Heimspiel gegen einen direkten Konkurrenten verpasst: Vor zwei Wochen landete Ingolstadt den ersten Saisonsieg am Böllenfalltor - und nun also auch der HSV. Die "Meier-raus"-Rufe waren zuletzt immer lauter geworden und haben Präsident Rüdiger Fritsch offenbar nachdenklich gestimmt. Er weiß: Ohne die Einheit zwischen Fans und Mannschaft, die in der vergangenen Saison entscheidend für den Klassenerhalt war, ist Darmstadt nicht konkurrenzfähig.

Vorgänger Schuster sah die Grenzen des Standorts im Sommer erreicht

Fritsch hatte bereits nach der Ingolstadt-Pleite erklärt, jedes Märchenbuch gehe irgendwann zu Ende. Und Norbert Meier gehörte ja nicht mal zum Erfolgsmärchen der letzten Jahre. Mit dem Trainer Dirk Schuster war Darmstadt von der dritten in die zweite in die erste Liga aufgestiegen und hatte den Klassenerhalt geschafft. Schuster sah im Sommer die Grenzen des Standorts erreicht und erwirkte trotz laufenden Vertrages seinen Wechsel nach Augsburg. Ob es in ähnlicher Situation jemals "Schuster raus"-Rufe im Stadion gegeben hätte?

Vielleicht hätten es Meier und Markus Kauczinski aber auch wissen können: Die Trainer Schuster in Darmstadt und Ralph Hasenhüttl in Ingolstadt hinterließen durch ihre Erfolgsgeschichten für ihre Nachfolger ein schwer zu bewältigendes Erbe. Kauczinski ist in Ingolstadt bereits vor drei Wochen entlassen worden - nun also auch Meier in Darmstadt.

Labaddia und Runjaic werden als neue Trainer gehandelt

Interimsmäßig übernimmt einstweilen Ramon Berndroth, der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, die Leitung der Mannschaft, unterstützt von Athletiktrainer und Spielanalyst Kai Peter Schmitz und Torwarttrainer Dimo Wache. Nach einer stundenlangen Debatte am Montag teilte Präsident Fritsch in einer Presseerklärung mit: Man sei zu der Auffassung gekommen, dass man neue Impulse brauche, um dem Negativtrend entgegenwirken zu können. Es stimmt schon: Auch gegen den HSV machte die Mannschaft nicht den Eindruck, dass sie sich aus eigener Kraft und mit diesem Trainer aus der Krise befreien könnte. Darmstadt wirkte zuletzt wie eine Elf, die zwar kämpft, aber dem Gegner nicht wehtut und dabei von Glück sprechen darf, wenn sie eine Kombination über drei Stationen schafft.

"Uns ist das Faustpfand der letzten Saison verloren gegangen, hinten wenig zuzulassen und vorne mal einen rein zu machen", analysierte Kapitän Aytac Sulu. Alte und neue Spieler sind bislang nicht zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen, zuletzt wurden zudem immer häufiger Animositäten zwischen altgedienten Kräften wie Sulu und Jérome Gondorf und Trainer Meier kolportiert. Meiers - durchaus berechtigte - Hinweise auf Infrastruktur- und Budgetnachteile sowie die Weggänge von wichtigen Spielern wie etwa Torjäger Sandro Wagner (Hoffenheim) klangen in den Ohren mancher Fans eher wie vorauseilende Kapitulation.

Nicht ein Torschuss nach dem Gegenteffer gegen den HSV

Bei Schuster klang der Verweis auf die Underdog-Rolle dagegen immer wie eine Drohung für die Gegner. Besonders Wagners Abschied ist für die Lilien nicht zu verkraften; der Angreifer schoss vergangene Saison 14 Tore und riss Publikum und Mitspieler mit seiner aggressiven Spielweise mit. Nun fehlt Darmstadt vorne jegliche Durchschlagskraft. Gegen den HSV schossen die Lilien nach dem 0:1 von Michael Gregoritsch (30.) nicht einmal mehr auf das von ihrem ehemaligen Torwart Christian Mathenia gehütete Tor.

Die Angst, mit Meier in dieser offenkundig belasteten Atmosphäre in den restlichen Spielen vor Weihnachten in Freiburg, gegen den FC Bayern und in Berlin nur noch weiter abzurutschen, war nach dem desolaten Auftritt am Sonntag zu groß. Aber eine Frage bleibt auch nach der wohl unvermeidlichen Demission von Meier: Kann diese Elf mit einem anderen Trainer wirklich besser spielen? Als Nachfolger werden die ehemaligen Darmstädter Trainer Bruno Labbadia und Kosta Runjaic gehandelt, Runjaic wurde jüngst bei 1860 entlassen, Labbadia beim HSV. Aber egal, wer Trainer wird: Ein neues Märchen zu schreiben, dürfte hier ziemlich schwer werden.

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SZ vom 06.12.2016
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