Darmstadt Das Kämpfen verlernt

Harter Winter für dieLilien: Torsten Frings ist nach dem elften sieglosen Spiel in Serie als Trainer von Darmstadt 98 freigestellt worden.

(Foto: Thorsten Wagner/dpa)

Zweitligist 98 droht nach elf sieglosen Spielen hintereinander der direkte Absturz aus der ersten in die dritte Liga - Trainer Torsten Frings muss deshalb gehen.

Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Leider hat Torsten Frings das vergangene Jahr nicht durchgehend mit eingeschaltetem Diktiergerät verbracht. Deshalb ist es jetzt nur schwer möglich, einen Expertenstreit fundiert aufzulösen. Es gibt diverse Beobachter, die sagen, dass Frings seit Beginn seiner Trainer-Tätigkeit bei Darmstadt 98 kein Wort öfter benutzt habe als "Herz". Dem gegenüber stehen diejenigen, die behaupten, es sei "Kampf" gewesen. Und eine dritte Gruppe hält es mit der These, der Ausspruch "Leidenschaft" habe Platz eins der Frings-Charts belegt.

Nach einem 0:1 bei Erzgebirge Aue und dem Verharren auf Platz 16 der zweiten Liga ist Torsten Frings, 41, am Samstag als Trainer der "Lilien" entlassen worden. Dass und wie es dazu kam, das hat nicht zuletzt mit den Begriffen Herz, Kampf und Leidenschaft zu tun. Von denen war zwar viel zu hören gewesen in Darmstadt - aber nur noch wenig zu sehen.

Vor zwölf Monaten war der frühere Nationalspieler Frings von den 98ern verpflichtet worden - ohne Vorerfahrung als Cheftrainer. Die Darmstädter waren damals abgeschlagen Letzter in Liga eins, aber es war ein mittelgroßes Wunder, dass sie trotz spielerischer, finanzieller und infrastruktureller Nachteile überhaupt in der ersten Liga dabei waren. Also hat Frings ausdauernd an Herz, Kampf und Leidenschaft appelliert - jene Eigenschaften, die ihn selbst als Spieler ausgezeichnet hatten. Das reichte zwar nicht, um den Abstieg zu verhindern, aber immerhin, um für couragierte Auftritte Lob einzuheimsen.

Als Nachfolge-Kandidat gilt Dirk Schuster - das wäre eine erstaunliche Wiederkehr

Seit Sommer sind die Darmstädter nun in der zweiten Liga. Die Zusammensetzung des Kaders klingt gar nicht schlecht, so sind etwa Haudegen wie Hamit Altintop oder Kevin Großkreutz dabei. Aber in der neuen Umgebung ist es, zumal als gewesener Erstligist, deutlich schwieriger, sich bloß auf Herz, Kampf und Leidenschaft zu verlassen. Vollends problematisch wird es, wenn sich jene doch so sehr aufs Mentale geeichte Mannschaft wiederholt "kampflos und herzlos" präsentiert, wie Frings befand. Auch gegen Aue wieder.

Niemand hatte in Darmstadt im Sommer den direkten Wiederaufstieg als Ziel ausgegeben. Aber die Vorgabe an Frings war schon, ein aussichtsreiches Fundament zu errichten. Danach sieht es angesichts elf siegloser Partien in Serie, fußballerischer Stagnation und Rang 16 nicht aus. Und so machte es der Klub, der sich in den vergangenen Jahren den Ruf erworben hatte, ein bisschen anders zu sein als andere, nun doch so, wie es inzwischen üblich ist in diesem Geschäft: In der letzten Woche gab er Frings noch eine Job-Garantie. Die wurde nun wieder kassiert.

Schon vor einem Jahr hatte es viel Verwunderung gegeben, warum die Darmstädter just auf Frings gekommen waren, der aufgrund seines jahrelang gepflegten Knurrertums und seiner fußballfachlichen Schwerpunktsetzung nicht gerade als naheliegende Trainerwahl für das Jahr 2017 daherkam. Diese Skeptiker dürfen sich fürs Erste bestätigt fühlen. Und Darmstadt ist auf dem gefährlichen Weg, nach dem direkten Durchmarsch von Liga drei in Liga eins vor wenigen Jahren nun den umgekehrten Durchmarsch hinzulegen.

Womöglich soll ein alter Bekannter das verhindern. Der damalige Aufstiegstrainer Dirk Schuster gilt als Kandidat. Sein Wechsel nach Augsburg im Jahr 2016 (wo er schon während der Hinserie gehen musste) verlief zwar nicht gerade harmonisch. Aber so etwas renkt sich manchmal auch wieder ein. Und in jedem Fall würde bei Dirk Schuster eines ähnlich sein: der Ansatz, es vor allem über Herz, Kampf und Leidenschaft versuchen zu müssen.