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Darmstadt 98:Der märchenhafte Aufstieg des Aytac Sulu

09 04 2016 xfux Fussball 1 Bundesliga Hamburger SV SV Darmstadt 98 emspor emonline v l Aytac

Der Darmstädter Verteidiger Aytac Sulu könnte zum türkischen Kader im Juni in Frankreich zählen.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Gegen den HSV das siebte Saisontor: Der Profi von Darmstadt ist einer der torgefährlichsten Verteidiger der Welt. Dabei gab er erst mit 29 Jahren sein Bundesliga-Debüt.

Aytac Sulu ist ein bodenständiger Mann. Der Kapitän des Bundesligisten Darmstadt 98 hat seine Zeit als Amateurfußballer nicht vergessen. Er kann sich noch erinnern, wie weit weg für ihn einst der Traum einer Profikarriere war. Außerdem war er mal Auszubildender in einem Autohaus und ausgestattet mit einem entsprechenden Gehalt: 2000 Euro brutto. Aytac Sulu kann selbst am besten einschätzen, wie märchenhaft seine Sportler-Karriere verlaufen ist, und wahrscheinlich denkt er bei sich manchmal, was für eine irre Wendung sein Leben genommen hat.

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Aber Aytac Sulu ist jetzt eben auch ein Profi, und deshalb verzieht er keine Miene, wenn man ihn darauf anspricht, dass er, der frühere Bahlinger Verbandsliga-Kicker, derzeit einer der torgefährlichsten Verteidiger Europas ist. Er sagt: "Ich finde da nichts Besonderes."

Die Bescheidenheit ehrt den Deutschtürken und gebürtigen Heidelberger Aytac Sulu, 30. Die Wahrheit ist aber, dass sein Werdegang sehr wohl etwas Besonderes ist. Beim 2:1-Auswärtsssieg in Hamburg hat er sein siebtes Saisontor erzielt, sein sechstes mit dem Kopf, damit ist er international tatsächlich konkurrenzfähig, er gilt auch als Kandidat für das türkische EM-Aufgebot - der Mann ist ein Muster an Effektivität, sein Trainer Dirk Schuster nennt ihn "einen der besten Innenverteidiger der Bundesliga".

Und dieses Prädikat hat sich Sulu nicht etwa nach jahrelanger Hoch-Lohn-Arbeit in den höchsten Etagen des Profifußballs erarbeitet. Sondern nach beharrlicher Maloche auf den kleineren Bühnen. Seine ersten Stationen von 2004 bis 2011: SV Sandhausen, Bahlinger SC, 1899 Hoffenheim II, VfR Ahlen. 2011/12 spielte er tatsächlich mal erstklassig, in der Türkei bei Genclerbirligi Ankara; allerdings brachte er es dort nur auf zwei Kurzeinsätze. Und auch die anschließende Station hatte begrenzten Glamour-Faktor: Beim österreichischen Zweitligisten SC Rheindorf Altach machte Sulu insgesamt 15 Spiele.

2013 kam Dirk Schusters Ruf aus Darmstadt. Der Klub war damals Letzter der Dritten Liga. Mit Sulu verhinderte er noch knapp den Abstieg und startete anschließend sein kleines Fußballwunder. Sulu wurde Kapitän und Schrittmacher zweier Aufstiege. Im vergangenen Sommer gab Aytac Sulu sein Bundesliga-Debüt. Mit 29, was ein biblisches Alter ist für einen Neuling in der höchsten deutschen Spielklasse.

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In Zeiten streng getakteter Ausbildungsprogramme und einer Talentsichtung, die fast nichts dem Zufall überlässt, erscheint Sulus Werdegang tatsächlich wie ein Märchen. Er weiß das natürlich. Allerdings weiß er auch, was sich gehört.

Erstliga-Fußball ist jetzt sein Beruf, in dem er zu funktionieren hat. Aytac Sulu möchte einen guten Job machen in diesem Traum, der für ihn wahr geworden ist. Die Begeisterung über seine glänzende Offensivbilanz winkt der Verteidiger deshalb mit kurzer Geste durch. "Das hört sich vielleicht gut an, aber mir macht das nicht viel aus, ob ich ein Tor mache oder sieben Tore." Seinen persönlichen Aufstieg hat Aytac Sulu ganz in den Dienst seiner neuen Heimat gestellt. "Für mich", sagt er, "zählt einzig und allein der Erfolg von Darmstadt."