Es regnete Kuscheltiere von den Tribünen. Taisiia Onofriichuk aus Kiew verließ die Matte, wie immer in den vorangegangenen Tagen, mit einem Arm voller Teddys und Stoffhasen. Kurz darauf stand sie ganz oben auf dem Treppchen in der Frankfurter Festhalle und sah gerührt und gefasst, wie die ukrainische Flagge hochgezogen wurde.
Sie sei unglaublich stolz, einen WM-Titel für ihr Land gewonnen zu haben, sagte sie am Abend, als sie den Fotografen sogar zwei Medaillen in den Einzelwettkämpfen präsentieren konnte: Gold mit dem Reifen und Silber mit den Keulen. Sie sei dankbar, das geschafft zu haben, denn es zeige, „dass man unser Land nicht in die Knie zwingen kann“. Schon am Freitag nach Platz vier im Mehrkampf war sie auf die Anreise nach Frankfurt zu sprechen gekommen. „Es hat drei Tage gedauert, bis wir hier waren“, sagte sie auf Ukrainisch; es wurde ins Englische übersetzt: „Ich bin froh, dass die Straße sicher war und es keine Bombardierungen gab. Es ist nach wie vor schwierig, die Situation erfordert Opfer.“ Aber sie hoffe, dass irgendwann alles wieder gut werden wird.
Taisiia Onofriichuk, 18 Jahre alt, ist nicht nur stilistisch eine Ausnahmeerscheinung ihres Sports: Ihre Weltmeisterkür mit dem Reifen tanzt sie zu Michael Jacksons „Thriller“, für die Keulen hat sie die Dance-Pop/Hip-House-Nummer „Everybody Dance Now“ ausgewählt. „Sie ist eine Heldin, eine Inspiration für die Kids im Land“, sagt die Trainerin Iryna Blokhina: „Sie gibt ihnen Mut.“ Weil ihnen Taisiia Onofriichuk zeige, was möglich ist, auch im Krieg.
Der russische Raketenbeschuss habe in den vergangenen Monaten massiv zugenommen, sagt Iryna Blokhina, es gebe oft keine Lebensmittel in den Regalen, die Zahl der Toten steige. „Es ist unter diesen Umständen kaum vorstellbar, was die Gymnastinnen leisten.“ Sportstätten seien zerstört, in der Trainingshalle, die sie nutzen, sind die Decken nur sieben Meter hoch – in der Frankfurter Festhalle, das zum Vergleich, waren es elf. Und viele Stunden verbringen Athletinnen der Gymnastikschule von Kiew, die aus dem ganzen Land kommen, aus der Region Donezk oder Saporischschja, im Bunker. Es sei schwer für sie, sagt Iryna Blokhina, Tochter der ukrainischen RSG-Cheftrainerin Iryna Derjugina, emotionslos darüber zu reden.
An normales Training ist nicht zu denken, das bestätigte auch Polina Horodyncha, WM-Fünfte mit der Mehrkampfgruppe: „In manchen Nächten schlafen wir nicht wegen des Beschusses, aber wir stehen am nächsten Morgen trotzdem pünktlich in der Halle.“ Sie seien alle stolz, trotz allem die Ukraine bei der WM vertreten zu können.
Vielleicht erklärt sich so auch, warum die ukrainischen Gymnastinnen nicht über die zusätzliche Belastung reden wollen, jetzt wieder gegen Konkurrentinnen aus Russland und Belarus antreten zu müssen. „Lassen Sie uns das Thema nicht vertiefen“, sagte Iryna Blokhina: „Es reicht, dass sie uns angreifen.“
Im Mai hat der Weltverband World Gymnastics (WG) die Startbeschränkungen für Athleten der beiden Länder aufgehoben. Das IOC verstärkte die Dynamik der russischen Rückkehr in den Weltsport im Juli, als es die Restriktionen lockerte, die es den Weltverbänden vier Jahre lang auferlegt hatte. Für die Titelkämpfe in Frankfurt allerdings hatten der Deutsche Turner-Bund, der Weltverband, der Deutsche Olympische Sportbund und die Bundesregierung eine Einigung getroffen: Athletinnen wie Sofija Ilterjakowa und Marija Borisowa, die WM-Zweite und -Dritte mit dem Ball hinter Darja Varfolomeev, traten als neutrale Athletinnen an. Ohne Hymne und Länderkennung. Bei der Siegerehrung wurden zwei Flaggen des Weltverbands neben der deutschen Fahne aufgezogen.


