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Daniil Medwedew:Hase vor dem Zusammenbruch

„Ihr seid die Besten“: Daniil Medwedew zieht Energie daraus, wenn das Publikum erbost auf seine Provokationen reagiert.

(Foto: Dominick Reuter/AFP)

Der Russe gefällt sich in New York in der Rolle des Bösewichts: Er lässt seine Gegner gerne leiden, indem er ihnen lange Ballwechsel aufzwingt. Allerdings scheint ihm allmählich selbst die Kraft auszugehen.

Wer mal eine Stunde lang durch Manhattan flaniert und dabei Tausenden von Menschen begegnet, der wundert sich, welcher der 256 US-Open-Teilnehmer dort auffallen würde. Serena Williams, klar, Roger Federer, Naomi Osaka, Rafael Nadal. Daniil Medwedew hätte hingegen vor Beginn des Turniers unbemerkt durch die Straßen spazieren können.

Dazu passt diese Anekdote aus dem Spielerrestaurant auf der Tennisanlage in Flushing Meadows: Akteure werden dort für gewöhnlich bevorzugt behandelt, sie müssen ja rasch weiter zu Partien, Trainingseinheiten und anderen Terminen. Medwedew wollte sich also einen Milchkaffee gönnen, der Barista war indes mit der Zubereitung einer Fleisch- und Käseplatte beschäftigt, mit einer Hingabe, die man so nur von Bonsai-Gärtnern kennt. Er hatte keine Ahnung, dass der große blonde Typ ein Tennisprofi ist, der an Rang fünf Gesetzte bei den Männern sogar, also bestellte Medwedew nach einer Wartezeit von handgestoppten neuneinhalb Minuten (die er mit der Geduld eines Bonsai-Gärtners überstand) vorsorglich gleich zwei Getränke, leerte den ersten Becher dann innerhalb einer Sekunde.

Die Pfiffe der Fans motivieren ihn nur noch mehr, behauptet der 23-Jährige

Auf dem Platz verhält sich Medwedew wie der gewissenhafte Barista im Restaurant. Er bringt alle, die ihn schnell mal besiegen wollen, mit seiner unorthodoxen Spielweise zur Verzweiflung. "Ich habe nicht diesen einen gefährlichen Schlag", sagt der Russe, und das stimmt, wie man an der Rückhand erkennt: Er schubst sie meist langsam und ohne Spin übers Netz, aber derart genau und in teils grotesken Winkeln, dass sie dennoch zur Waffe wird. "Ich kann alles ziemlich ordentlich, ich bin präzise und konstant", sagt er: "Meine Strategie ist es, die Gegner leiden zu lassen."

Das tun sie, oftmals sehr lang, bei den Australian Open erzwang er ein Drei-Stunden-Drama gegen Branchenprimus Novak Djokovic, der danach sagte: "Das war das Spiel zwischen Hase und Igel, jeder einzelne Ballwechsel ging über 45 Schläge." Der Igel gewinnt immer häufiger: In Monaco und Cincinnati hat er Djokovic besiegt; bei drei Turnieren in Nordamerika hat er zweimal das Endspiel erreicht, die Generalprobe für die US Open in Cincinnati entschied er für sich. In New York steht er nach dem 3:6, 6:3, 6:2, 7:6(2) gegen den deutschen Qualifikanten Dominik Koepfer im Viertelfinale. Der erwartete Gegner: Djokovic. Der jedoch gab die Partie gegen Stan Wawrinka beim Stand von 4:6, 5:7, 1:2 wegen einer Schulterverletzung auf.

Derzeit macht Medwedew kaum leichte Fehler (die ihm sonst durchaus mal unterlaufen), er wartet geduldig, bis er seine Vorhand einsetzen kann, die er so schwingt, wie John Wayne den Revolver aus dem Holster gezogen hat. Er probiert keinen genialen oder wahnwitzigen Schlag, er spielt die Punkte konsequent zu Ende, bis der Gegner aufgibt. 125 Punkte hat Medwedew auf diese Weise gegen Koepfer geschafft, 96 davon waren leichte oder erzwungene Fehler. Zieht man die 15 Asse ab, bleiben zwölf Gewinnschläge aus dem Spiel heraus. Er zermürbt seine Gegner.

Dazu kommt die psychische Komponente des Tennis: Medwedew wird bei kleineren Krisen nicht vorsichtiger wie viele andere, sondern aggressiver. Wenn der zweite Aufschlag mal eine Zeit lang nicht ins Feld hüpft wie gewünscht, reduziert Medwedew das Tempo nicht, um die Präzision zu erhöhen, sondern knallt dem Gegner einfach noch einmal die 200-km/h-Variante übers Netz. Begründung: "Wenn ich langsamer eröffne, hauen sie mir die Returns um die Ohren. So habe ich wenigstens eine Chance." Gegen Koepfer wehrte er im vierten Satz einen Breakball mit dem zweiten Aufschlag ab. Geschwindigkeit: 206 km/h. Danach sagte Koepfer: "Da hat er ohne Hirn einfach draufgehauen, und es hat geklappt. Das ist der Unterschied."

Das ist die Mentalität von Medwedew, er pflegt das Image des humorlosen Mir-doch-egal-Bösewichts - auch im Umgang mit den Zuschauern. Er hatte sich schon in der dritten Runde mit Balljungen und Publikum angelegt, auf der Großleinwand wurde ein Kopfkratz-Stinkefinger gezeigt. Er behauptet, dass ihn die Pfiffe der Fans noch mehr motivieren, nach der Partie gegen Koepfer sagte er auf dem Platz: "Ich dachte, dass ich nicht spielen kann. Meine Schulter tat weh, ich habe Schmerzmittel genommen. Ich bin einen Satz und 0:2 hinten gewesen, und dann habt Ihr mir diese Energie gegeben. Ihr seid die Besten!" Dann breitete er die Arme aus, als genieße er die Buh-Rufe der Zuschauer.

Medwedew, 23, nimmt die Rolle des Bösewichts bei den US Open gerne an - bleibt die Frage, wie lange es funktioniert. Er kann die Gegner leiden lassen, sie zu langen Ballwechseln verführen, er muss dafür aber hart arbeiten. Anders als der Igel in der Fabel kann er keine Partnerin in der anderen Ecke des Platzes platzieren, er muss den Bällen selber hinterherlaufen. Er leidet dann selbst, das wird gerade bei Grand-Slam-Turnieren deutlich: Sowohl bei den French Open (erste Runde gegen Pierre-Hugues Herbert) als auch in Wimbledon (gegen David Goffin, dritte Runde) scheiterte er in fünf Sätzen, das merkte Djokovic nach der Niederlage in Cincinnati an: "Er hat verdient gewonnen, aber eine Partie bei einem Grand Slam, über drei Gewinnsätze, das ist eine andere Hausnummer."

Medwedew, 23, hat viel gespielt in diesem Sommer, weil er viel gewonnen hat. In den vier Runden bei den US Open ist er insgesamt 12,6 Kilometer gelaufen, so viel wie kein anderer. Er klagt seit Tagen über Krämpfe, er trägt an den Beinen und der rechten Schulter jeweils Tapes. Er wirkt weniger wie der Igel, eher wie der Hase kurz vor dem Zusammenbruch. "Ich sauge die Energie des Publikums auf, dann denke ich nicht an die Schmerzen", sagt er: "Ich lese, was über mich geschrieben wird. Ich will wissen, was die Leute über mich denken." Er ist stolz, dass er mittlerweile nicht mehr unerkannt durch New York laufen kann - selbst wenn es als Bösewicht ist.

© SZ vom 03.09.2019
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