Skicrosserin Daniela Meier:Wenn die Olympiamedaille zum Streitobjekt wird

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Skicrosserin Daniela Meier: Bronze für Daniela Maier - oder doch nicht? Der Fall beschäftigt das IOC und den Skiweltverband Fis.

Bronze für Daniela Maier - oder doch nicht? Der Fall beschäftigt das IOC und den Skiweltverband Fis.

(Foto: DYLAN MARTINEZ/REUTERS)

Der Winter ist zu Ende - aber die Deutsche Daniela Maier und ihre Kontrahentin Fanny Smith wissen immer noch nicht, wer von beiden Olympiadritte im Skicross ist. Treffen mit einer, die auf ein Happy End hofft.

Von Thomas Becker, Andermatt

Streithähne sehen anders aus. Als mit dem Skicross-Wettbewerb in Andermatt am Wochenende auch der letzte Wettkampf des Winters vorüber war, fielen sich die Sechst- und Zweitplatzierte vertraut, herzlich und lange in die Arme. Nie wäre unbeteiligten Beobachtern in den Sinn gekommen, es könne ein Zerwürfnis geben zwischen Daniela Maier und Fanny Smith.

Doch etwas steht zwischen den beiden, auch wenn sie bei dem auf Spektakel getrimmten Einladungsrennen ein hübsches harmonisches Bild abgaben. Ihre Causa beschäftigt seit mehr als einem Monat die Juristen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und des Skiweltverbands (Fis). Streitgegenstand: die olympische Bronzemedaille im Skicross, vergeben am 17. Februar - an Daniela Maier.

Doch die Berufungskommission der Fis hob einige Tage später nach dem Einspruch der Viertplatzierten, Fanny Smith, und des Schweizer Skiverbandes die Jury-Entscheidung auf. Nun war Smith Dritte. Dagegen hat wiederum der Deutsche Skiverband (DSV) Einspruch erhoben. Jetzt muss das IOC entscheiden. Wann, das weiß niemand. Eine ungute Situation. Das Leben und die Wettkämpfe müssen ja weitergehen.

Der Medaille immerhin geht es so weit gut; sie ist in Marquartstein im Chiemgau, und wenn es nach Daniela Maier geht, 26, gibt es wenig Anlass, das edle Stück demnächst in die Schweiz umzusiedeln. Auch wenn sich die Schweizer Kollegin Smith auf ihrer Homepage als zweimalige Bronzemedaillengewinnerin der Olympischen Spiele 2018 und 2022 feiert. Zur Fis-Entscheidung sagte Smith: "Ich bin natürlich erleichtert über diesen Entscheid, denn ich war stets überzeugt, dass ich keinen Fehler gemacht habe. Gleichzeitig schmerzt es mich für Daniela, die nun die Leidtragende ist."

"Es ist ja nichts zwischen uns", sagt Maier über die Schweizer Kollegin

Im Teamhotel in Andermatt erzählt Maier nun: "Fanny und ich haben uns mal ausgetauscht, wie es uns so geht. Es ist ja nichts zwischen uns. Wir fahren seit sechs Jahren zusammen Skicross, seit ich im Weltcup bin, wir trainieren zusammen und verstehen uns auch so echt gut. Das bleibt auch so." Was die Medaille betrifft, so werde man sehen: "Es hat mich jedenfalls noch niemand aufgefordert, sie abzugeben. Ich blicke da auch nicht durch."

Der Fall ist vertrackt und wohl einmalig. Dass er Durchblick habe, das würde Heli Herdt nicht behaupten wollen, der Sportliche Leiter der deutschen Skicrosser. Aber er habe sich "schon zu viel mit Regeln und Strukturen beschäftigt, dass ich davon überzeugt bin, dass die Jury vor Ort richtig entschieden hat", sagt Herdt am Telefon. "Auf der IOC-Webseite steht Daniela Maier als Medaillengewinnerin. Jeder, der was anderes erzählt, erzählt nicht die Wahrheit. Die Fis kann nicht entscheiden, dass sie die Medaille wieder hergeben muss. Nur das IOC kann Medaillen verleihen. Die Fis spricht in ihrem Statement auch mit keinem Wort von der Medaille - weil die das gar nicht können."

Skicrosserin Daniela Meier: Warten auf den Videobeweis (von rechts): Daniela Maier, Fanny Smith, Olympiasiegerin Sandra Näslund aus Schweden und die zweitplatzierte Kanadierin Marielle Thompson im Ziel des Snowcross-Wettbewerbs bei den Spielen in Peking.

Warten auf den Videobeweis (von rechts): Daniela Maier, Fanny Smith, Olympiasiegerin Sandra Näslund aus Schweden und die zweitplatzierte Kanadierin Marielle Thompson im Ziel des Snowcross-Wettbewerbs bei den Spielen in Peking.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Am 17. Februar war Smith bei den Winterspielen in Zhangjiakou auf Platz drei ins Ziel gerauscht, einen Rang vor der Deutschen. Es siegte die Schwedin Sandra Näslund vor Marielle Thompson (Kanada), von der Jury wurden aber nur Gold und Silber sofort bestätigt, was die Athletinnen im Ziel zunächst gar nicht richtig mitbekamen. Wie im Skicross üblich, gruppierten sich die ersten drei eng beisammen, während die Viertplatzierte abseits stand, wie ein begossener Pudel.

"Als ich durchs Ziel bin, war ich einfach enttäuscht", erinnert sich Maier, "man gratuliert den anderen und will dann einfach das Feld räumen. Aber ich durfte nicht raus - das war irgendwie verrückt. Solange etwas unter Review ist, darf man die Ziel-Area nicht verlassen. Und die Review hat lange gedauert. Ich habe nur gedacht: Die werden sich schon etwas dabei denken, wenn sie sich das noch mal anschauen."

Nach minutenlangem Videostudium wurde Smith Platz drei aberkannt, da die 29-Jährige nach Meinung der Jury die deutsche Konkurrentin kurz vor dem Ziel durch einen Schritt zur Seite behinderte. Das bedeutete: Bronze für Maier. Sie verstand zunächst gar nicht, was los war: "Ich war ein bisschen verwirrt. Fanny hatte mich noch getröstet: Kopf hoch!, sagte sie, schau, was du gefahren bist: Da kannst du stolz drauf sein."

Wohl wahr: In Viertel- und Halbfinale hatte sich Maier, die im Gesamtweltcup in dieser Saison den achten Rang belegt, mit couragierten Fahrten von hinten vorgekämpft, bis ins Finale: "Ich bin sehr stolz auf meine Leistung an diesem Tag", sagte sie. "So gut bin ich noch nie Skicross gefahren, hatte auch brutal schnelle Ski unter den Füßen." Es war einer dieser Tage, an denen alles passt, und das beim Vierjahreshöhepunkt - wenn da nicht noch diese Ungewissheit wäre.

Am Samstag gibt es einen Empfang für Maier in Furtwangen - egal, wie es ausgeht

Zu der umstrittenen Szene sagt Maier Folgendes: "Während des Fahrens können wir das gar nicht so krass beurteilen. Ich habe eine Berührung gespürt. Aber für so was gibt's halt eine Jury." Die Flower Ceremony und die Siegerehrung habe sie dann versucht "stellvertretend für uns beide zu feiern". Sie habe es genossen "mit Sandra Näslund und Marielle Thompson da zu stehen, zwei Skicross-Legenden. Alle Teamkollegen waren da, es hat gar keine 10 000 Zuschauer gebraucht." Eine Achterbahn der Gefühle - und ein Tag, an dessen Ende Daniela Maier mit einer Olympiamedaille um den Hals im Bett lag.

Und die soll sie wieder rausrücken? "Bis das IOC bei ihr vor der Tür steht, behält sie das Ding", sagt Heli Herdt. Die Athletin habe sich "extrem fair verhalten, ist ein sehr Harmonie suchender Mensch; sie will auch ihren Frieden haben".

Am Samstag gibt es für die Bundespolizistin in der Heimat einen Empfang auf dem Furtwanger Marktplatz, und sobald das IOC eine Entscheidung gefällt hat, kann auch der Text für das Banner im Ort gedruckt werden. Bislang steht da: "SC Urach grüßt Daniela Maier, unsere Olympiateilnehmerin im Skicross." Vielleicht kann bald noch das Wörtchen Bronze eingefügt werden. Daniela Maier hätte da einen Wunsch: "Es wäre super, wenn es ein Happy End gibt und wir beide eine Medaille bekommen. Das wäre das beste Szenario." Kein Widerspruch, nirgends.

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