Neulich erlebte Daniel Theis einen harten Aufprall. Nicht im übertragenen Sinn, sondern ganz konkret auf dem Parkett eines Basketballfeldes. Beim Spiel gegen Maccabi Tel Aviv war er nach einem Rebound auf dem Rücken eines Kollegen gelandet und fies gestürzt. Dass er anschließend auf die Bank wanken konnte, war da schon ein gutes Zeichen. Immerhin kein Abtransport auf der Trage, Theis, 32, hat den Unfall einigermaßen überstanden. Einem Nahkampferprobten wie ihm ist schon Schlimmeres passiert in seiner langen Karriere als Profi.
Ein lädiertes Knie plagte ihn 2022 derart, dass er kaum noch Sport treiben konnte. Auf seiner Ochsentour durch die Welt der Spezialisten half ihm letztlich DFB-Keeper Marc-André ter Stegen, der sich mit artverwandten Beschwerden an der Patellasehne herumschlug. Der riet zu einer Operation beim schwedischen Arzt Hakan Alfredson – und tatsächlich: Theis spielte mit geheiltem Knie beim Sensationscoup der deutschen Basketball-Weltmeister 2023 eine prägende Rolle. Mit Comebacks kennt er sich also aus, aber diesmal ist es anders. Denn Theis hat seine etwas festgefahrene Karriere in der US-Profiliga NBA mit einem Kniff wiederbelebt, den sich nur wenige trauen.

Basketballer Daniel Theis:"Wenn jemand wie LeBron James etwas sagt, hören die Leute zu"
NBA-Profi Daniel Theis spricht über seinen Aufstieg zum Stammspieler der Boston Celtics, die Corona-Blase in Florida - und die politische Verantwortung des US-Basketballs.
Er ist einen Schritt zurückgegangen, aus dem Basketball-Mekka Nordamerika zurück nach Europa, um in Monaco zwei Schritte nach vorn zu machen. Denn der Theis, der nun seit knapp sechs Wochen wieder durch Europas Hallen fliegt, ist ein anderer als der aus den USA. Man kann sagen: Da hat einer ganz schön eingeschlagen. Schon in den ersten Euroleague-Spielen im Februar und März zeigte er fast schon dominante Auftritte, 21 Punkte gegen Paris, 16 bis zu seinem Crash gegen Tel Aviv, 15 gegen Fenerbahçe, 16 gegen Kaunas – Theis reiht aktuell „grande partie“ an „grande partie“, wie sich Frankreichs Sportbibel L’Équipe unlängst wunderte. In der Euroleague vorn dabei, Tabellenführung in Frankreichs Liga: Es läuft.
Es gehe ihm „prima“, erzählte der Neu-Monegasse deshalb dem Magazin Eurohoops, „es gibt nichts zu bereuen“. Gemeint ist der Abschied aus der NBA nach acht Spielzeiten, in denen er mit den Boston Celtics mal nah dran am Titelgewinn war (2022, vor der Knie-Geschichte), aber zuletzt auch oft nur Kurzarbeiter in den Graumausgefilden der Liga. Seine Odyssee durch Amerika führte den 2,04-Meter-Mann aus Salzgitter über Boston nach Chicago, Houston, Indiana, LA und schließlich nach New Orleans. Wenn Theis nicht verletzt war, vollbrachte er brauchbare Dienste fürs Team: hier ein gepflückter Rebound, da ein Monsterblock und gerne mal ein Abschluss über Ringniveau.
Wenn Theis nicht verletzt war, vollbrachte er in der NBA brauchbare Dienste fürs Team
Aber durchschlagende Relevanz erreichte sein Wirken als sogenannter „Rollenspieler“ nicht mehr. Den Weg heraus aus diesem Trott wählte der Center schließlich selbst in diesem Winter. Trotz diverser Möglichkeiten, noch einmal innerhalb der NBA zu wechseln (es gab etwa eine Offerte der New York Knicks), entschied sich Theis samt seiner Familie gegen einen weiteren Kurzzeitvertrag – und für Kontinuität. Klingt auch einigermaßen erträglich, zwei gut bezahlte Jahre in der Sonne Monacos zu verweilen. „Das ganze Business in der NBA ist nicht immer einfach. Mit den ganzen Trades“, erzählte Theis kürzlich dem Sportinformationsdienst. „Wenn man allein ist, ist es kein Problem, aber die Kinder aus der Schule zu nehmen und alles überall rauszureißen, alles zu packen und in die nächste Stadt zu gehen“, das sei dauerhaft zu kompliziert.
Als Umzugsgrund nach Monte-Carlo nennt er aber auch den Trainer, denn der ist – zumindest in Europa – eine Legende: Vassilis Spanoulis, einer der eisigsten Vollstrecker der vergangenen 20 Jahre, griechischer Volksheld und zufälligerweise auch Urlaubsbekanntschaft von Theis. Vor sieben Jahren hatte der Deutsche Spanoulis kennengelernt, es gab also Anknüpfungspunkte, als man sich schließlich in der Gegenwart auf eine gemeinsame Basketball-Vision verständigte. Einen physischen Verteidiger, der auch vorn attackieren kann, hatte Spanoulis gesucht. Und Theis ein Umfeld mit Titelambition, wo ihm Einsatzzeiten garantiert sind. Ergebnis: Theis schaffte es im Fürstentum prompt in die Startformation.
Damit ergeht es ihm besser als einem anderen deutschen Center in Europas oberstem Wettbewerb. Der Kölner Tibor Pleiss hat kürzlich ebenfalls noch mal ein Abenteuer bei einem Topklub fernab der NBA gewagt. Bei Panathinaikos Athen kommt der 35-Jährige bisher aber nur zu spärlichen Minuten auf dem Feld. Vielleicht ändert sich das ja am Donnerstag: Da begegnen sich die Nationalspieler des DBB im direkten Duell. Monaco gegen Panathinaikos, Vierter gegen Dritter, bald sind Euroleague-Playoffs, beide haben Titel-Chancen – klingt doch interessanter als das Niemandsland des US-Sports.

