Süddeutsche Zeitung

Basketball in der NBA:Der Protest spielt mit beim Spektakel

Dallas und Houston liefern zum Re-Start der NBA große Unterhaltung und deuten an, dass es wieder um Sport geht - beim kollektiven Hymnen-Niederknien machen aber nicht alle mit.

Von Jonas Beckenkamp

Vielleicht war es ein kleiner Fingerzeig, wie es nun weitergeht mit der NBA - vielleicht waren aber auch einfach die Verteidigungslinien eingerostet. Die Zahlen jedenfalls wiesen in der vergangenen Nacht auf einen hohen Unterhaltungswert hin: Beim 149:153 nach Verlängerung der Dallas Mavericks gegen die Houston Rockets fielen so viele Punkte, dass einem fast schwindelig werden konnte. Schon zur Halbzeit hatten beide Teams eine rekordverdächtige Ausbeute erreicht, das Zwischenergebnis lautete 85:75 - am Ende aber stand für die Mavs, den Klub des deutschen Nationalspielers Maxi Kleber, eine Niederlage zum Re-Start der US-Profiliga.

Und was für eine. Es war jene Sorte von Basketballspiel, das man eigentlich nicht mehr verlieren kann. Zu hoch hatte Dallas geführt, zu eindeutig schienen sie das bessere Team zu sein. Doch dann kam der Einbruch. "Eine sehr, sehr bittere Niederlage", räumte Dallas-Coach Rick Carlisle ein, "ehrlich gesagt, geht es kaum schlimmer." Aber sein Team sei noch jung, es habe halt am Ende nichts mehr getroffen, während die Rockets sich von 49 Punkten des Bärtigen tragen ließen, von James Harden. Er stellte selbst das Triple Double (28 Zähler, 13 Rebounds und zehn Assists) von Dallas-Anführer Luka Doncic in den Schatten.

Und irgendwie passte dieser verrückte Auftakt der beiden texanischen Playoff-Kandidaten zur Rückkehr der Liga, die in diesen Tagen in Disneyworld ihren Betrieb wieder aufnimmt. Dass in der NBA auch spektakulärer Sport geboten wird, konnte man ja leicht vergessen in den zurückliegenden Wochen. Da ging es parallel zum Aufbau einer Blase im Covid-Hotspot Florida, in der Spieler und Verantwortliche unter Ausschluss der Öffentlichkeit ihren Betrieb sichern, vornehmlich um gesellschaftspolitische Themen. Eine Liga, in der ein Großteil der Profis Afroamerikaner sind, rang um Positionierung.

Proteste gegen den grassierenden Rassismus in den USA, gegen Ungleichheit, gegen Polizeigewalt - das gab es nun auch zuhauf in den ersten Partien zu sehen. Aber es gibt nun eben auch wieder Basketball. Und da lieferten Dallas und Houston einen "Shootout" mit hollywoodreifen Wendungen. Noch nie in ihrer Geschichte hatten die Rockets in einer Halbzeit so viele Punkte kassiert, dennoch gelang ihnen eines der erstaunlichsten Comebacks der gesamten Saison.

"Das war eine Willensleistung. Es sah so aus, als hätte Dallas das Ding in der Tasche, aber wir haben uns zurückgekämpft", meinte Rockets-Regisseur Russell Westbrook, der 31 Punkte beisteuerte. Ein reingetippter Wurf von Center Robert Covington hatte Houston wenige Sekunden vor Schluss der regulären Spielzeit erst in die Verlängerung gebracht. Dort übernahm dann Harden, während Doncic ein paar entscheidende Fehler unterliefen. Dank seiner Künste und einer brandgefährlichen Offensive, zu der auch Maxi Kleber (sieben Punkte) beitrug, sollten es die Mavs aber trotz der Pleite in die Playoffs schaffen. Sieben Partien stehen im Rahmen der "seeding games", einer Art Platzierungsrunde, noch aus, ehe es in die Postseason geht. Dort braucht Dallas dann vor allem: mehr Zugriff in der Defensive.

Alle knien, nur ein Profi aus Orlando nicht

Trotz der Offensivleistungen im Texas-Derby treibt die NBA ihre gesellschaftliche Haltung in der Krise weiter um. Denn wie zu erwarten, beteiligen sich nicht alle Akteure am kollektiven Widerstand und der Solidarität mit der "Black-lives-matter"-Bewegung. So blieb etwa Orlando-Profi Jonathan Isaac vor dem Duell mit den Brooklyn Nets während der US-Nationalhymne stehen - alle anderen Spieler gingen wie schon ihre Kollegen am Vortag zum Auftakt des Restart-Turniers auf die Knie.

Isaac verzichtete auf einen BLM-Schriftzug auf seinem Trikot, er trug schlicht die Arbeitskleidung seines Klubs und begründete das im Anschluss an die Partie mit religiösen Gründen. "Auf die Knie zu gehen und dabei ein Black-lives-matter-Shirt zu tragen, ist für mich persönlich nicht die Antwort. Für mich werden schwarze Leben durch den Gospel unterstützt." Während seine Teamkollegen knieten, habe er gebetet, so Isaac.

Auch der langjährige Trainer der San Antonio Spurs, Gregg Popovich, und seine Assistenz-Trainerin Becky Hammon blieben vor der Partie gegen die Sacramento Kings stehen. Beide trugen dabei aber "Black-lives-matter"-Pullover. Der 71-jährige Popovich, ein scharfer Trump-Kritiker und mitunter kauziger Humanist, wollte keine Gründe für sein Verhalten nennen: "Jeder muss eine persönliche Entscheidung treffen. Die Liga war diesbezüglich großartig: Jeder hat die Freiheit zu reagieren, wie er möchte."

Der gemeinsame Kniefall aller NBA-Profis hatte den Restart überstrahlt, dabei gehört die Andacht im Stehen bei der US-Hymne vor den Spielen eigentlich zum Standard. NBA-Boss Adam Silver gestattete in diesen Zeiten aber eine Ausnahme: "Ich respektiere den gemeinsamen friedlichen Protest unserer Mannschaften für soziale Gerechtigkeit und werde unter diesen Umständen die lange existierende Regel, die das Stehen bei der Nationalhymne einfordert, nicht durchsetzen." Auch in dieser Hinsicht lieferte die NBA also einen Fingerzeig: Es mag wieder um Sport gehen - aber die Liga will Verantwortung übernehmen.

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