Süddeutsche Zeitung

Dänemark bei der EM 2021:Als wären sie längst Europameister

An einem hochdramatischen und historischen Abend ziehen die Dänen ins Achtelfinale der EM ein. Zuzutrauen ist dieser Mannschaft nach der Explosion gegen Russland nun alles.

Von Felix Haselsteiner

Da standen sie nun, die Dänen, und wollten noch gar nicht so recht an ihren großen Triumph glauben. Einige Minuten nach Abpfiff hatte sich die Mannschaft samt Betreuern im Mittelkreis versammelt, um sie herum bebte der Telia Parken, die Fans besangen und betranken den Einzug ins Achtelfinale.

Nur die Männer im Mittelkreis warteten noch, voller Vorfreude, weil sie ja eigentlich schon wussten, was gleich passieren musste, aber dennoch: Sie verharrten geduldig, starrten gebannt auf den Handybildschirm eines Verbandsoffiziellen, der immer wieder das Ergebnis aus dem Parallelspiel aktualisierte. Belgien hatte 2:0 gegen Finnland geführt, aber wer wusste schon, was ihr Schicksal noch alles für diese dänische Mannschaft bereithielt.

Dann: ein Klick, ein finales Ergebnis. Ekstase.

Hüpfend löste sich der Pulk auf und zog los zu einer Runde durch das Stadion, als wären die Dänen schon Europameister. Yussuf Poulsen und Jens Stryger Larsen gingen voran, euphorisch jubelnd, Jannik Vestergaard scherzte hinter ihnen mit Daniel Wass, Trainer Kasper Hjulmand und Kapitän Simon Kjaer hatten den Arm auf die Schulter des anderen gelegt und klopften sich gegenseitig auf die Brust.

Die Welt konnte vor dem Fernseher dabei zusehen, wie eine Mannschaft aus einem tiefen Tal gekommen war und nun, neun Tage später, an dem Ort ihres größten Traumas den größtmöglichen Triumph feierte. Neun Tage nachdem ihr Mitspieler und Freund Christian Eriksen auf dem Feld kollabiert war, gewannen die Dänen 4:1 gegen Russland und zogen als Zweiter der Gruppe B ins Achtelfinale der EM ein.

Eriksen schickt eine Nachricht mit Applaus und Dänemarks Fahne

Für Hjulmand war der Triumph von Kopenhagen nicht nur der einer Mannschaft, sondern der einer ganzen Nation: "Die Dänen haben uns Flügel verliehen", sagte der Trainer nach dem Spiel: "Sie haben uns so viel Liebe gegeben. Ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen." Es war tatsächlich eine ergreifende Show, die das Publikum vor, während und nach dem Spiel ablieferte.

Immer wieder erklangen Gesänge von den Zuschauern, die schon vor neun Tagen so einfühlsam reagiert hatten, als der bedeutendste Fußballspieler des Landes auf dem Feld in Lebensgefahr schwebte. Eriksen schickte nach dem Spiel gegen Russland per Instagram eine Nachricht, sie enthielt applaudierende Hände und die dänische Flagge. Mehr musste er nicht sagen.

Es war beeindruckend zu sehen, wie Hjulmand seine Mannschaft innerhalb weniger Tage wieder aufgerichtet hatte und sie zu dem mutigen Fußball zurückgeführt hatte, der in ihr steckt. Die Dänen spielten mit dem Feuereifer, der sie schon im zweiten Gruppenspiel gegen Belgien angespornt hatte, damals waren sie nur in der zweiten Halbzeit von der herausragenden Qualität des Gegners geschlagen worden. Diesmal begegneten ihnen die abwartenden, defensiv eingestellten Russen von Stanislaw Tschertschessow, dessen Mannschaft in Kopenhagen nur ein Unentschieden gebraucht hätte, um weiterzukommen.

Die Dänen brauchten dementsprechend ein wenig, um wieder in den rauschhaften Zustand der ersten Hälfte gegen Belgien zu kommen, genauer gesagt brauchten sie exakt 38 Minuten und eine vergebene Großchance auf der Gegenseite durch Alexander Golowin, um das Tor zu schießen, das über die Richtung des Spiels entschied.

Der junge Damsgaard wird mit seinem 1:0 zum Helden

In jener 38. Minute spielte Pierre-Emile Höjbjerg einen scharfen Pass an den Strafraumrand zu dem jungen Stürmer Mikkel Damsgaard. Der 20-Jährige nahm den Ball mit dem linken Fuß an, legte ihn sich einmal kurz vor, dann traf er ihn mit seinem rechten Fuß so perfekt, dass er in einer elliptischen Flugbahn ins rechte Eck einschlug.

Es war ein Schuss, den im dänischen Kader nur wenige Spieler beherrschen; eine Spielsituation, in der Damsgaard genau das tat, was sonst wohl der Däne mit der Nummer 10 getan hätte, dessen Position in der Offensive Damsgaard eingenommen hatte. "Ich hätte mir nie erträumen können, ein Teil von etwas so Großem zu sein", sagte Eriksens Ersatz Damsgaard nach dem Spiel, das nach seinem Tor allerdings noch zwei Wendungen bereithielt.

Der finale Akt der dänischen Gruppenphase wurde nach der Halbzeit von Russlands Mittelfeldspieler Roman Sobnin eingeleitet, der einen Rückpass in die Füße des dänischen Stürmers Poulsen spielte. Das 2:0 in der 59. Spielminute schien das Spiel schon zu beschließen, erst recht, als danach ein Tor für Belgien aus Sankt Petersburg gemeldet wurde.

Es folgte das Drama: Gerade als der VAR im Parallelspiel einschritt und die belgische Führung annullierte, die Dänemark auf Platz zwei katapultiert hätte, gab Schiedsrichter Clement Turpin in Kopenhagen Elfmeter für Russland. Artjom Dsjuba verwandelte, die Dänen waren wieder unter Druck - und befreiten sich abermals davon.

Erst erzielte Andreas Christensen nach einem Durcheinander im russischen Strafraum mit einem Gewaltschuss das 3:1 (79.), kurz darauf traf Joakim Maehle nach einem Solo zum 4:1 (82.). Jubel brandete auf, als die Nachricht der belgischen Treffer Kopenhagen erreichte, die letzten Minuten verschwammen im Rausch. Zwischen geschlagenen Russen und euphorischen Dänen blieb kaum noch Zeit, zu verstehen, welch bedeutenden und gleichzeitig auch mit allem Glück der Fußballwelt versehenen Abend der Telia Parken erlebte.

Es war der Abend, an dem die dänische Mannschaft sich sportlich zurückmeldete in dem Turnier, dessen Geheimfavorit sie mal war und in dem sie nun vielleicht Helden eines geradezu klassischen Dramas gebiert. Vielleicht war dieser Abend auch noch zu mehr fähig, man wird erst in einigen Jahren überprüfen können, ob Hjulmands Prognose, seine Mannschaft habe "den Mädchen und Jungen zu Hause einige Idole gegeben", standhält.

Wie weit die Euphorie eines ganzen Landes die Dänen im Turnier trägt, wird allerdings schon in einigen Wochen feststehen. Im Achtelfinale wartet erst mal Wales. Zuzutrauen ist dieser Mannschaft nun alles.

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