Curling-Profi Baumann:Wer ersetzt den Bundestrainer?

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Der Rest des Teams geht einem geregelten Beruf nach. Wie koordinieren Sie das Training mit den Kollegen?

Vormittags bin ich meist alleine und kann mich auf mich konzentrieren. Als Skip bestimme ich unsere Taktik und spiele die letzten Steine. Nachmittags stößt der Rest des Teams zum Training. Die haben sehr loyale Chefs und arbeiten meist nur halbtags.

Trotzdem stehen Sie derzeit ohne Bundestrainer da: Wie schwer wiegt der Weggang von Thomas Lips in die Schweiz zum Ende der letzten Saison?

Sehr schwer, er ist einer der besten Trainer der Welt. Thomas hat uns viel beigebracht. Es ist schon schwierig ohne ihn. Leider gibt es auch noch keinen offiziellen Nachfolger. Wir haben aber mit Martin Beiser einen ehemaligen Bundestrainer als Teamtrainer, das passt auch sehr gut mit ihm. Mit Thomas telefoniere ich immer noch regelmäßig und hole mir Rat.

Woran liegt es, dass so ein renommierter Trainer nicht gehalten werden kann?

Die Schweiz ist im Curling einfach besser aufgestellt: Die haben mehr Spieler und auch mehr Hallen. Da ist es natürlich schwierig, dass so ein Trainer auf Dauer in Deutschland bleibt. Am Ende war es sicherlich auch eine Geldfrage.

Die finanzielle Situation der Sportart bleibt prekär. Der Curling-Verband muss sich jedes Jahr aufs Neue um Fördermittel bewerben. Ab 2019 kommt die Spitzensportreform, die sich an den Ergebnissen von 2018 orientiert. Fürchten Sie darum, ihrer Leidenschaft irgendwann nicht mehr nachgehen zu können?

Als Athlet macht man sich da natürlich darüber Gedanken. Wir sind ja in der Projektförderung vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und kriegen schon jedes Jahr schon unsere Gelder, aber es hängt natürlich von unseren Leistungen ab. Der Druck auf die Athleten ist da: Wir tragen große Verantwortung, müssen uns jedes Jahr neu beweisen und langfristig Richtung Medaillen weiterkommen. Deswegen sollten wir uns jetzt unbedingt für Olympia qualifizieren. Alles andere wäre eine riesige Enttäuschung.

An der direkten Qualifikation sind Sie - wie auch das Frauenteam - gescheitert. Anfang Dezember findet nun das Qualifikationsturnier statt, wo die beiden letzten Olympia-Plätze vergeben werden. Da steht die EM in ihrer Bedeutung doch sicherlich hintenan?

Unser Hauptaugenmerk liegt natürlich auf dem Qualifikationsturnier. Wenn ich mir die Gegner anschaue, auf die wir treffen, sind wir aus meiner Sicht neben China die Mitfavoriten. Wir haben uns die letzten Jahre stetig gesteigert. Die EM ist sowas wie eine Generalprobe, aber trotzdem muss die Qualifikation für die WM im nächsten Jahr das Ziel sein. Hierzu brauch es einen siebten EM-Platz. Das ist machbar. Die Gegner wissen mittlerweile, dass Deutschland nicht mehr der Punktelieferant ist. Sondern dass sie sich richtig anstrengen müssen, um uns zu besiegen.

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