Süddeutsche Zeitung

Cristiano Ronaldo:Feindbild mit Charakter

Übertrieben eitel und schnell beleidigt. Real Madrids Cristiano Ronaldo hat bei den meisten Fußballfans einen schlechten Ruf. Doch ist das gerechtfertigt? Der portugiesische Stürmer zeigt seit einigen Monaten: Hinter seiner Fassade verbirgt sich mehr.

Von Dominik Fürst

Das Selbst- und Weltverständnis von Cristiano Ronaldo dürfte wieder zurechtgerückt sein: Seit drei Tagen ist der Stürmer wieder die Nummer eins. Weil Real Madrids Präsident Florentino Perez die Transfersumme für den walisischen Neuzugang Gareth Bale in einem Fernsehinterview von 100 auf 91 Millionen Euro herunterkorrigierte, gehört dem 28-jährigen Portugiesen wieder der Spitzenplatz auf jener aberwitzigen Liste mit dem Titel "Die teuersten Fußballer aller Zeiten".

Ronaldo ist eitel. Daran besteht kein Zweifel. An seiner übertriebenen Sorge um die eigene Schönheit stören sich viele Fußballfans, Ronaldo hat einen Ruf als Fatzke, dem es sogar auf dem Spielfeld wichtig ist, dass die Frisur perfekt sitzt. Noch schlimmer ist für viele, dass er dieses Image auch pflegt.

Manche Menschen taugen einfach zum Feindbild. Da spielt es kaum eine Rolle, welche Person hinter der Fassade aus Haargel, Übersteigern und Angebersprüchen steckt. Cristiano Ronaldo aber hat sich in den elf Jahren seiner Profikarriere kein einziges Mal in die Karten schauen lassen. Sein Seelenleben bleibt Außenstehenden verborgen.

Es gibt jedoch diese kleinen Momente, die den wahren Charakter von "CR7" erahnen lassen. So wie vor kurzem, als Ronaldo einen Brief geschrieben hat, den die spanische Sportzeitschrift Marca nun veröffentlicht hat.

Anfang August spielte Real Madrid bei einem Sponsorencup im amerikanischen Miami Gardens gegen den FC Chelsea. Während der Partie rannte plötzlich ein Fan aufs Spielfeld. Es war der 19 Jahre alte Kanadier Ronald Gjoka, er wollte zu Ronaldo, und als er ihn erreichte, fiel er seinem Idol um den Hals, redete auf ihn ein und küsste ihn immer wieder auf die Wange.

Ronaldo schien das alles nichts auszumachen, vielmehr drückte er den Jungen, hörte sich an, was er zu sagen hatte, und begleitete ihn schließlich wieder vom Feld. Und nun, ein Jahr später, hat Ronaldo diesen Brief geschrieben - an die Staatsanwaltschaft in Florida, weil sein Fan wegen der Sache in Miami Gardens strafrechtlich verfolgt wird.

"Mein Name ist Cristiano Ronaldo"

"Mein Name ist Cristiano Ronaldo und ich spiele bei Real Madrid", beginnt der Brief, in dem der Fußballer die Staatsanwaltschaft "respektvoll" darum bittet, "ihre Entscheidung zu überdenken und die beiden Tatvorwürfe gegen diesen jungen Mann fallen zu lassen. (...) Allem Anschein nach hat er eine aussichtsreiche Zukunft vor sich und ich wäre sehr traurig, wenn diese Zukunft nur wegen einer Fehleinschätzung zerstört würde."

Cristiano Ronaldo schreibt also einem amerikanischen Staatsanwalt wegen einer Sache, die ihm eigentlich egal sein könnte. Man kann das als Imagepflege abtun, als geschickten PR-Coup. Man kann darin aber auch so etwas wie Charakterstärke erahnen.

Als Gareth Bale verpflichtet wurde, stand die Befürchtung im Raum, dass die Leistung des sensiblen Ronaldo darunter leiden könne. Er war ja schon öfter beleidigt gewesen, wenn etwa Weltfußballer Lionel Messi wieder einmal im Licht der Öffentlichkeit stand, und auf Ronaldo nur der Schatten fiel. Doch der Bale-Transfer hat Ronaldo nicht zum Schmollen gebracht - er ist immer noch der unangefochtene Leistungsträger bei Real. "Er hat mich genauso herzlich behandelt wie jeden anderen auch", sagte Bale über den Portugiesen, und fügte hinzu: "Er ist der Boss."

Der Portugiese arbeitet zudem härter an sich als die meisten seiner Mannschaftskameraden, das ist bekannt. Wenn gerade keine Trainingseinheit ansteht, verbringt er die Zeit im Kraftraum. Mittlerweile spielt Ronaldo sogar mannschaftsdienlich, er hat in der vergangenen Saison nicht nur 34 Tore geschossen, sondern auch zehn vorbereitet.

Was auch so gar nicht zu seinem schillernden Image passen will: Ronaldo hütet sein Privatleben vor der Öffentlichkeit. Seit drei Jahren ist er Vater eines Sohnes, für den er das alleinige Sorgerecht hat. Doch Bilder von dem Kleinen gibt es in der Öffentlichkeit nicht.

Als Führungsspieler stellt er sich zudem vor seinen Trainer bei Real Madrid, Carlo Ancelotti, so wie kürzlich nach der 0:1-Niederlage im Stadtderby gegen Atlético: "Der Trainer macht einen großartigen Job, wir müssen als Einheit auftreten. Der Fehler liegt bei den Spielern", sagte er.

Zieht man also die ganze Show einmal ab, die Inszenierung, den glitzernden Rummel um seine Person, dann bleibt von Cristiano Ronaldo nur Folgendes übrig: einer der besten Fußballer der Welt, der vielleicht sogar ein ziemlich netter Kerl ist.

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