Skandal im Cricket "Ich werde das für den Rest meines Lebens bereuen"

Cricket-Spieler Steve Smith: Emotionale Pressekonferenz bei der Ankunft in Sydney

(Foto: Getty Images)
  • Die Cricket-Welt ist in Aufruhr: Der Nationaltrainer tritt zurück, der Kapitän gibt eine tränenreiche Pressekonferenz.
  • Es ist der bisherige Höhepunkt eines Skandals, der sich bei einem Länderspiel in Südafrika zutrug. Dabei wurde der Ball mit Sandpapier manipuliert - Fairplay gilt in dem Sport als zentrales Prinzip, jeder Verstoß gilt als Sakrileg.
  • Der Manipulationsversuch trifft das australische Selbstverständnis empfindlich. Bisher durften die Australier stets über ihre erfolgreiche Mannschaft jubeln.
Von Max Ferstl

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Nationalspieler Thomas Müller würde bei der Weltmeisterschaft in Russland ein Foul vortäuschen, die Kameras würden die Schwalbe enttarnen und einen Aufschrei der Empörung auslösen. Der DFB würde Müller für zwölf Monate sperren. Müller müsste Russland umgehend verlassen, die Polizei würde ihn zum Flughafen eskortieren. Wieder in Deutschland würde er noch am Flughafen eine tränenreiche Pressekonferenz geben, in der er die Welt demütig um Verzeihung bittet. Kurz darauf würde Bundestrainer Joachim Löw seinen Rücktritt erklären. Undenkbar? Im Fußball bestimmt, im Cricket soeben passiert.

Am Donnerstag ist Steve Smith, der Kapitän der australischen Nationalmannschaft, in Sydney gelandet, nach langer Rückreise aus Südafrika. "Ich weiß, ich werde das für den Rest meines Lebens bereuen", sagte Smith mit zittriger Stimme, er saß schluchzend vor Kameras und Mikrofonen und redete darüber, welche Schande er über seine Familie gebracht hatte. Als Smith vor Kurzem zu einer Länderspiel-Serie nach Südafrika aufbrach, war er vor allem einer der weltbesten Spieler. Zurückgekehrt ist er als enttarnter Betrüger. "Ich übernehme die volle Verantwortung", sagte Smith. Es ist der Höhepunkt eines Skandals, der die Cricket-Welt seit dem vergangenen Wochenende in Aufruhr versetzt hat.

Smith und Vizekapitän David Warner hatten ihren Mitspieler Cameron Bancroft dazu angestiftet, während der Partie gegen Südafrika am vergangenen Samstag den Lederball mit Sandpapier anzurauen. Das sogenannte Ball tampering verschlechtert die Flugeigenschaft des Balles, was für den gegnerischen Schlagmann einen massiven Nachteil bedeutet. Eine Kamera filmte Cameron dabei, die Aktion flog auf, der Aufschrei war riesig. Der Verband Cricket Australia schloss Smith und Warner für zwölf, Bancroft für neun Monate von allen internationalen und nationalen Spielen aus. Zudem müssen sie 100 Stunden ehrenamtliche Arbeit verrichten. Am Donnerstag trat Trainer Darren Lehmann zurück, der zuvor angegeben hatte, von Manipulationen nichts gewusst zu haben.

Der Regierungschef spricht von einer "schockierenden Enttäuschung"

Wer den ganzen Wirbel verstehen will, den ein bisschen Schleifen mit Sandpapier verursacht hat, muss sich mit dem Grundverständnis des Sports beschäftigen. Fairplay ist im Cricket keine Floskel, sondern das zentrale Prinzip. Jeder Verstoß gilt als Sakrileg. "Die Australier haben gegen den Geist des Cricket verstoßen", sagt Brian Mantle. Der Geschäftsführer des Deutschen Cricket Bundes vergleicht das Vergehen mit einer Schwalbe im Fußball - nur mit viel höherem Empörungspotenzial. Vor allem in Australien und anderen Commonwealth-Ländern, wo Cricket Nationalsport ist. In den australischen Zeitungen war von "Betrügern" und "Schande" zu lesen.

Bisher war die Nationalmannschaft fester Teil des australischen Nationalstolzes. Vier der letzten fünf World Cups, der Weltmeisterschaft im Cricket, haben die Australier gewonnen. Auch in der wichtigen Turnierserie ICC Test Championship, bei der die zwölf besten Teams der Welt mitspielen und zu der die Partie in Südafrika zählte, war keiner erfolgreicher. Der Betrug trifft das australische Selbstverständnis empfindlich. Der australische Regierungschef Malcolm Turnbull sprach am vergangenen Sonntag von einer "schockierenden Enttäuschung". Es sei bislang unvorstellbar gewesen, "dass das australische Cricket-Team in einen Betrugsfall verwickelt sein könnte".

Doch in der Vergangenheit hatten sich bei den Australiern Vorfälle gehäuft, die nicht unbedingt zum edlen Geist des Sports passten. Sie gelten bei den Konkurrenten als eher unbeliebt, was nicht nur daran liegt, dass sie oft gewinnen. Stattdessen unterstellen die Australier den anderen gerne unsaubere Methoden - und benehmen sich nicht unbedingt vorbildlich. Beim ersten Länderspiel in März in Durban jubelte David Warner ungebührlich auf dem Spielfeld, später geriet er im Treppenhaus mit dem gegnerischen Spieler Quinton de Kock aneinander. "Diese aggressive Natur der Mannschaft sagt so viel über sie aus", sagte der kürzlich zurückgetretene Nationalspieler Ed Cowan dem Sender ABC: "Die Kultur des Teams passt nicht zur australischen Nationalmannschaft." Um das öffentliche Vertrauen in die Mannschaft zurückzugewinnen brauche es "eine Generalüberholung". Sieht ganz so aus, als habe diese gerade begonnen.

Mit Material von sid und dpa.