Zum Tod von Sportfunktionär Craig ReedieStets in den Diensten der Majestäten

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Ein Leben im Dienst des Sports: Craig Reedie ist im Alter von 84 Jahren gestorben.
Ein Leben im Dienst des Sports: Craig Reedie ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Sergei Bobylev/Imago
  • Craig Reedie, ehemaliger Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur und ehemaliger IOC-Vizepräsident, ist im Alter von 84 Jahren gestorben.
  • Als Wada-Präsident ab 2014 spielte Reedie eine umstrittene Rolle im russischen Staatsdopingskandal und schrieb beschwichtigende Mails an russische Würdenträger.
  • In Reedies Zeit an der Spitze von Großbritanniens Olympiakomitee fiel auch eine Reform, die zu deutlich mehr Erfolgen bei Sommerspielen führte - vor allem durch die Förderung mit Lotterie-Geldern.
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Craig Reedie, der einstige Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur, war ein Musterfunktionär alter olympischer Bauart – das zeigte sich besonders im russischen Staatsdopingskandal. Ein Nachruf.

Von Johannes Knuth

Sebastian Coe, der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes, würdigte seinen Weggefährten als einer der Ersten, sein Nachruf war so kurz wie treffend. Craig Reedie war „Sportler im Herzen mit dem Geist und der Hartnäckigkeit eines Politikers“, dichtete Coe in den sozialen Netzwerken, „er war eigensinnig, klug, besonnen, am allermeisten loyal zu denen, die sich aufrichtig in den Dienst des Sports stellten“. Wenn es sein musste, sei Reedie gar „in die Schlacht gezogen“, um seine Überzeugungen zu verteidigen – in solchen Gefechtsfällen sei er „stets der führende Panzer“ gewesen. Und wenn er sich doch einmal geirrt hatte, habe er das eingeräumt und sich entschuldigt. Das, folgerte Coe, sei der „Inbegriff eines Gentleman“.

Zieht man das dahingetupfte Pathos und die britische Faszination fürs Militärische mal ab, bleibt als Destillat vor allem Reedies eiserne Treue zum organisierten Sport. Tatsächlich legte der Schotte eine Funktionärskarriere hin, in der er es verstand, eigene Überzeugungen verlässlich an jenen der olympischen Bewegung auszurichten. Das spiegelte sich auch in der Eloge von Kirsty Coventry, der Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC): Reedie habe die globale Sportgemeinschaft durch „einige ihrer schwierigsten Zeiten mit Würde und Entschlossenheit“ gelenkt, teilte sie am Montag mit. Wobei selbst manche aus der Sportgemeinde diese Zeiten wohl etwas weniger würdevoll in Erinnerung halten.

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Reedie war in den Sechzigerjahren ein passabler Badmintonspieler, olympische Weihen blieben ihm aber, anders als seinem späteren Funktionärskollegen Coe, verwehrt: Reedies Sport wurde erst 1992 olympisch. Das wiederum war ein großer Verdienst des früheren Badminton-Weltverbandspräsidenten Reedie. Das IOC nahm das Interesse und die Einschaltquoten auf dem asiatischen Markt dankend mit, 1994 wurde Reedie in den Kreis der IOC-Mitglieder berufen. In seinen fast drei Jahrzehnten im Olymp brachte er es bis zur Vizepräsidentschaft und ins Exekutivkomitee.

Kurz zuvor war er an die Spitze des britischen Olympiakomitees gerückt, der British Olympic Association (BOA). Die ersten Sommerspiele unter seiner Leitung gerieten sportlich gesehen lachhaft schlecht, Großbritannien gewann 1996 eine einsame Goldmedaille. Das führte zu einer der größten Reformen des britischen Sportsystems: Die Einnahmen aus der nationalen Lotterie flossen fortan auch in den Spitzensport, 2016 gewann das aufgepäppelte „Team GB“ 27 Goldmedaillen und 67 insgesamt – Platz zwei im Medaillenspiegel hinter den USA. Es dauerte allerdings nicht lange, ehe die Liste an Merkwürdigkeiten wuchs, die Britanniens Sportheroen umrankten. Das reichte bis zu geheimen Projekten der Sportagentur UK Sport, die vor den London-Spielen 2012 eine Substanz an Athleten getestet haben soll, die einst für US-Streitkräfte entwickelt wurde (UK Sport beteuerte, man habe sich stets an alle Regeln gehalten).

Dieser Zweiklang prägte auch Reedies Laufbahn: Was der olympischen Bewegung nützt, muss noch lange nicht der Lauterkeit dienen. Als der Wettstreit um die Vergabe der Sommerspiele 2012 im Jahr 2005 voll entbrannte, zählten der designierte OK-Chef Coe und Reedie zu jenen Funktionären, die die IOC-Mitglieder besonders, nun ja, hartnäckig bearbeiteten. London zog auf der Zielgeraden noch an den Favoriten Paris und Madrid vorbei. Die Adelung durch die Queen war nur noch Formsache.

Als Russlands Dopingskandal hochkochte, schrieb Reedie beschwichtigende Mails an russische Würdenträger

Stets war Sir Craig in den Diensten der Majestäten unterwegs, vor allem jener im Sport. Ab 2014, im jungen Funktionärsalter von 73 Jahren, als Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Kurz darauf enthüllte die ARD, wie Russland über Jahre ein staatlich abgeschirmtes Dopingprogramm aufgezogen hatte. Reedie bündelte die Rolle, die er in dem Skandal spielte, in seiner Autobiografie später so: Einen Großteil der Beweiskette habe damals seine Wada geknüpft, in diversen Untersuchungsberichten etwa. Auch habe er Russland viel härter bestrafen wollen – das habe ihm die IOC-Spitze, zuvorderst der damalige Präsident Thomas Bach, sehr übel genommen. Britische Behörden hätten ihm gar geschildert, dass er Opfer eines russischen Hackerangriffs geworden sein könnte. Ein Verdächtigter sei jener Agent gewesen, dem die Briten auch die Vergiftung des einstigen Doppelagenten Sergej Skripal anlasteten.

Andererseits blieben aus dieser Zeit noch weitere Geschichten hängen, insbesondere die: Reedie hatte russischen Würdenträgern schon 2015 in Mails zugesichert, sie bräuchten sich keine Sorgen zu machen – damals hatte die Wada bereits harte Hinweise auf massive Dopingvergehen entgegengenommen, auch fürchteten die russischen Kronzeugen Julija und Witalij Stepanow um ihr Leben. Als die Mail aufflog, erklärte die Wada, ihr Chef habe nur klarstellen wollen, dass man frei von politischen Einflüssen ermittele. Die Strafen, die der Sport dann gegen Russland verhängte, kamen jedenfalls einem besseren Wimpel- und Hymnenverbot gleich.

So blieb die Wada auch unter Reedie ihrem eigentlichen Auftrag treu: Sie verkaufte den pharmagetränkten Sport als sauberes Hochglanzprodukt – ein Vorwurf, den sich auch Reedies Nachfolger Witold Banka immer wieder gefallen lassen muss, etwa in der Affäre um 23 positiv getesteten Schwimmer aus China, die angeblich Opfer einer Massenkontamination geworden waren. Banka würdigte Reedie am Montag als  „scharfen Geist“, der mit der Fähigkeit gesegnet war, „alle Akteure hinter den Interessen des sauberen Sports und sauberer Athleten zu versammeln“.

Wie IOC und Wada am Montag mitteilten, ist Craig Reedie im Alter von 84 Jahren verstorben.

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