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Militär-WM:Der Husten des Olympiasiegers

Peking 2008 - Fechten

Bissfest: Der italienische Fechter Matteo Tagliariol testet seine Olympia-Medaille von Peking. Seine Erzählung von der Militär-WM in Wuhan erwies sich bislang als dünn.

(Foto: Daniel Dal Zennaro/dpa)

Fechter Matteo Tagliariol sorgt für Aufsehen mit der Vermutung, Corona hätte sich schon bei der Militär-WM im Oktober 2019 in Wuhan ausgebreitet. Doch er fühlt sich missverstanden.

Von Oliver Meiler, Rom

Von Matteo Tagliariol ist nicht bekannt, dass er kuriosen Weltansichten oder gar Verschwörungstheorien anhängen würde. Tagliariol, 37 Jahre alt, aus dem norditalienischen Treviso, ist ein bekannter Degenfechter. Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking gewann er Gold, sein größter Erfolg. Nun holt ihn China wieder ein - und eine mysteriöse These mit tausend Verflechtungen und geopolitischen Implikationen. Schauplatz: Wuhan.

Im Herbst 2019, vom 18. bis 27. Oktober, nahm Tagliariol an der Militär-WM in Wuhan teil. Er ist Mitglied der Aeronautica Militare, Italiens Luftwaffe. Zehntausend Athleten aus 110 Nationen waren angereist. Tagliariol sollte Gold mit der Mannschaft gewinnen, aber das ist sekundär. Wenn man ein halbes Jahr danach noch von dieser WM spricht, liegt das daran, dass nach allem bisherigen Wissen die Pandemie in Wuhan ihren Lauf nahm. Wann und wie genau, ist bis heute nicht ganz klar. Chinas Behörden verheimlichten die ersten Infektionsfälle so lange, dass es im geopolitischen Gerangel um Verantwortung nun viel Raum für Interpretationen gibt.

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Losgetreten hat die Geschichte ein Verschwörungstheoretiker und Youtuber in den USA. Der behauptete, Maatje Benassi, eine 52 Jahre alte Reservistin und als Radrennfahrerin Teilnehmerin an der Militär-WM, sei "Patientin null". Sie habe das Virus aus Wuhan zurück in die USA gebracht. Als Beweis musste ihr Sturz in der letzten Runde eines Rennens herhalten: Sie sei wegen Covid-19 aus Erschöpfung hingefallen. Aus China hieß es dann, Benassi sei wohl eine Spionin, sie habe das Virus erst nach China gebracht. So ging das hin und her, wochenlang. Maatje Benassi erhielt viele Todesdrohungen und zog sich zurück. Mittlerweile weiß man, dass sie nie positiv auf den Erreger getestet worden ist, selbst der Youtuber räumt das ein. Die Geschichte war aber in der Welt.

Nun meldete sich vor einigen Tagen der italienische Fechter zu Wort, erstaunlich spät für das, was er da zu sagen hatte über die Zustände im Athletenlager in Wuhan und im Zimmer, das er mit fünf anderen Italienern teilte. "Kurz nach Ankunft", berichtete Tagliariol, "sind fast alle von uns erkrankt. Ich hatte Husten, starken Husten. Valerio Aspromonte (ein Florettfechter; Anm. der Red.) war fast die ganze Zeit im Bett. Als ich wieder nach Hause zurückkehrte, fühlte ich mich schrecklich, hohes Fieber und Lungenbeschwerden." Er leide an Asthma, er könne diese Schmerzen gut einschätzen. Auch sein zwei Jahre alter Sohn und seine Frau hätten sich angesteckt; 21 Tage habe er gebraucht, um sich zu erholen: "Als ich dann von diesem Virus hörte, dachte ich, dass ich mich damit infiziert hatte."

Das Zeugnis ging durch die italienischen Medien, mit den üblichen Verkürzungen. Es passte gut zum Erlebnisbericht der Modernen Fünfkämpferin Élodie Clouvel aus Frankreich. Sie erzählte, dass sie und ihr Lebenspartner, der in Wuhan als Zehnkämpfer antrat, nach ihrer Rückkehr "an Corona" erkrankt seien. Tatsächlich? Das französische Verteidigungsministerium dementierte schnell. In der Delegation habe es keine Covid-19-Fälle gegeben, weder während der WM noch danach.

Auch Tagliariol wurde schnell widersprochen. Teamkollege Aspromonte sagte den Medien, er habe nur deshalb so viel geschlafen, weil er nach der langen Reise an Jetlag gelitten habe. "Ich hatte keine Grippesymptome, kein Fieber, keinen Husten, ich war im selben Zimmer wie Matteo. Auch die anderen vier Kollegen im Zimmer hatten nichts", sagte Aspromonte. Italiens renommiertester Virologe, Massimo Galli vom Mailänder Krankenhaus Luigi Sacco, gab noch zu bedenken, dass das Virus eine Inkubationszeit von fünf bis vierzehn Tagen habe. Ein sofortiger Ausbruch sei deshalb sehr unwahrscheinlich. Galli schloss auch aus, dass die Epidemie schon im Oktober begonnen habe und mit den Athleten zurück nach Italien gekommen sei: "Wäre das Virus schon viel früher zu uns gekommen, hätten wir auch viel früher eine epidemiologische Explosion erlebt."

Tagliariol fühlte sich nun gedrängt, ein Selfievideo in seinem Garten in Treviso aufzunehmen, um einige Dinge klarzustellen. Die Medien hätten mal wieder alles aufgeblasen, sagte er. Er habe nicht behauptet, dass er an Covid-19 gelitten habe. Sobald im Gesundheitswesen wieder etwas Ruhe eingekehrt sei und es auch Zeit für unwichtige Fälle wie ihn gebe, werde er sich testen lassen. Nun, vielleicht wäre ja schon jetzt Zeit - für etwas mehr Klarheit im großen Meer des Unwissens und der Geschwätzigkeit.

© SZ vom 11.05.2020/ska
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