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Bundesliga ohne Fans:Der Fußball sucht den Sinn des Lebens

06.06.2020 Belgrade(Serbia) FK Crvena Zvezda(Red Star)-FK Radnik Surdulica Linglong Super Liga men s football Red Star f; Fußball - Liga-Spiel zwischen Tabellenführer Roter Stern Belgrad und dem Tabellenzehnten Radnika Surdulica

Volle Tribüne, trotz Pandemie: In Serbien dürfen neuerdings wieder Fans ins Stadion, wie hier im Liga-Spiel zwischen Tabellenführer Roter Stern Belgrad und dem Tabellenzehnten Radnika Surdulica

(Foto: Aleksandar Djorovic/imago)

Fußball vor leeren Rängen ist wie Diätkost im Krankenhaus. Die Folge: Die Leute wenden sich ab. Es braucht Überlegungen, wie sich das Publikum zurückholen lässt.

Das Liga-Spiel zwischen Tabellenführer Roter Stern Belgrad und dem Tabellenzehnten Radnika Surdulica am vorigen Samstagabend begann, wie man in der Fachsprache sagt, mit einem Paukenschlag: Milan Makaric brachte den Außenseiter nach Vorarbeit von Vuk Mitosevic in Führung. Aber Roter Stern wusste zu antworten: Radovan Pankov und Srdjan Babic drehten die Partie noch vor der Pause, am Ende hieß es 4:1. Zum Gefallen des Großteils der 14 381 Zuschauer im Rajko-Mitic-Stadion.

14 381 Zuschauer?

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Ja, in Serbien dürfen neuerdings wieder normale Menschen ins Stadion, und nicht wenige machen dort jetzt wieder die Dinge, die sie immer gemacht haben: Sie zünden Feuerwerk an und drängen sich im Fanblock zusammen. Zwar gelten von Amts wegen Abstandsregeln, aber diese Vorschrift haben die Belgrader Hardcore-Anhänger ungefähr so streng befolgt, wie sie seit jeher das Feuerwerksverbot zu beachten pflegen.

Im deutschen Profifußball wird es am Wochenende abermals so sein, dass lediglich 289 abgezählte, desinfizierte, fiebergemessene und maskierte Personen dabei sein dürfen. Funktionäre, Techniker, Ordner, Sanitäter, Reporter und das sogenannte Hygienepersonal. In diesem Kreis wird garantiert niemand ein Leuchtfeuer oder einen Böller zünden, selbst Zwischenrufe und Geräusche sind ja hier und da umstritten: Werder Bremen wurde bereits gerügt, weil Ersatzspieler und Betreuer vorsätzlich Krach gemacht hätten.

Gerade ist Fußball nur eine Ersatzbefriedigung

Über diese verklemmten Verhältnisse braucht jetzt niemand zu klagen in der Liga, und das tut übrigens auch keiner. Man hat aus nie geleugneten ökonomischen Gründen alles dazu unternommen, damit die Geisterspielrunde stattfinden kann, man ist dafür vor der Politik und der Gesellschaft Verpflichtungen eingegangen, und nun - schließlich sind wir in Deutschland - hält man sich auf Punkt und Komma an die Vorschriften. Rudi Völler hat zwar schon gesagt, dass er es für Quatsch hält, unter freiem Himmel und drei Meter entfernt vom Nebenmann stundenlang eine Maske tragen zu müssen, aber er trägt sie trotzdem.

Das Problem ist, dass diese Art von Fußball auf Dauer niemandem so richtig Spaß macht. Ein Theater ohne Publikum ist kein Theater. Anders als das Bild von den Geisterspielen verspricht, sind eben leider nicht mal Gespenster auf den Tribünen, die ab und zu Huuuu! rufen und mit den Ketten klirren, stattdessen atmet der Sport den sterilen Geist des "Hygienekonzepts", das die rechtliche Grundlage dieser Veranstaltung bildet. Es ist Fußball, man kann dem Spiel zuschauen und es als pure Essenz interessant finden, doch es bleibt dem Wesen nach eine Ersatzbefriedigung, ungefähr wie Diätkost im Krankenhaus. Und wie das so ist mit Surrogaten: Die Leute lassen den Teller jetzt öfter mal stehen, wie aus den rückläufigen Quoten der "Sportschau" hervorgeht. Den Deutschen ist die Bundesliga gewiss noch wichtig, aber sie fragen sich, ob das gerade noch ihre Bundesliga ist.

Wenn die Funktionäre jetzt darüber nachdenken, wie sie es hinbekommen, in der nächsten Saison wieder vor Publikum zu spielen, dann haben sie nicht den Umsatz im Blick, der in den leeren Stadien jetzt fehlt. Sondern viel mehr als das: Das Lebens- und Geschäftsmodell des Profifußballs schlechthin, das seit jeher auf der Mobilisierung von Menschenmassen und dem Prinzip des Circus Maximus beruht, ab und zu mit unerlaubtem Feuerwerk. Es braucht allerdings viel Fantasie für die Vorstellung, dass sich demnächst wieder zu Tausenden die Besucher an den Eingangstoren drängeln und Fans Schulter an Schulter in der Kurve stehen. Die DFL wird dazu einen präzisen und rationalen Plan machen, aber bevor sie anfängt, die Fortsetzung ihres weltberühmten Hygienekonzepts zu schreiben, sollte sie vielleicht mal in Serbien nachfragen.

© SZ vom 10.06.2020/ska
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