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Fußballer in der Corona-Krise:Die Sorgen der Spieler

1. FC Köln / Corona 1. Fussball Bundesliga Saison 2019 2020 Geißbockheim Köln Deutschland 27.03.2020 Links: Birger Verst; Köln

Kölns Birger Verstraete (links) und Sebastiaan Bornauw kommen am Geißbockheim an.

(Foto: imago images/Eduard Bopp)

Nicht nur Kölns Birger Verstraete - auch europaweit haben viele Profis Bedenken, was einen Saisonneustart betrifft. Es geht um die Familie, die Gesundheit oder auch Pietät für die Verstorbenen.

Von Javier Cáceres

Vor drei Wochen erschien in der belgischen Zeitung Het Laatste Nieuws ein Interview mit dem Fußballer Birger Verstraete, das weitgehend unterging. Das war im Grunde nicht weiter verwunderlich, denn Verstraete, Spieler beim 1. FC Köln, erzählte darin, was dieser Tage viele Profis erzählen: Er schilderte den seltsamen Trainingsalltag in Kleinstgruppen. Auf Deutschland bezogene Ängste? Nicht einmal ansatzweise. Am Wochenende gab Verstraete wieder ein Interview, beim TV-Sender VTM, und diesmal klang er anders. Die Pläne der DFL, die Bundesliga im Mai fortzusetzen? "Naiv", sagte er. So tun, als sei nichts geschehen? "Unverantwortlich." So wurde der Mittelfeldspieler, der im vorigen Sommer zum Effzeh gestoßen war und seit dem Jahreswechsel nicht mehr im Kader stand, über Nacht zu einem Gesicht für jene Profis, die sich nicht damit anfreunden können, den Betrieb jetzt, mitten in der Pandemie, wiederaufzunehmen.

Der Grund für Verstraetes Diskurswechsel: die drei positiven Corona-Tests beim 1. FC Köln, die am Freitag publik geworden waren. Die Namen der Betroffenen hielt der Verein zurück; Vereinschef Alexander Wehrle bestätigte, dass ein Physiotherapeut und zwei Spieler betroffen seien. "Der Physiotherapeut ist der Mann, der mich und andere Spieler wochenlang behandelt hat. Und mit einem der beiden fraglichen Spieler habe ich am Donnerstag im Fitnessstudio ein Duo gebildet", sagte Verstraete. Für ihn war das alles andere als banal: Seine Lebensgefährtin leide unter einem Herzproblem, gehöre damit zu einer Risikogruppe, erklärte der Belgier: "Das ist viel wichtiger für mich. Ich will, dass alle gesund sind, bevor wir wieder Fußball spielen."

Drei Wochen zuvor schien er Gefahren noch in der Heimat zu verorten. "Ich denke an meine Mutter, die als Asthmapatientin zur Risikogruppe gehört. Sollte sie sich jetzt anstecken ..." Parallel trafen aus anderen Ländern Meldungen über Spieler ein, die beim Gedanken an die Rückkehr zum Spielbetrieb ein ungutes Gefühl beschlich. Am Freitag gehörten die Schlagzeilen in England dem argentinischen Nationalstürmer Sergio Kun Agüero von Manchester City. "Die Mehrzahl der Spieler sind in Angst, denn sie haben Familien, sie haben Kinder, Babys, Eltern", sagte Agüero, dem nahegegangen sein dürfte, dass sein Trainer Pep Guardiola die Mutter durch eine Corona-Erkrankung verloren hat. Im ZDF meldete sich der deutsche Nationalspieler Antonio Rüdiger (FC Chelsea) mit grundsätzlicheren Überlegungen zu Wort: "Weiterzuspielen und zum Alltag überzugehen, wenn du weißt, dass andere Menschen auf der Welt irgendwo sterben: Mit meinem Gewissen könnte ich das nicht vereinbaren. Ich will, dass alle gesund bleiben."

Wie aussagekräftig derartige Verlautbarungen des Unbehagens sind, lässt sich nicht einmal annähernd seriös beantworten. Der ungefilterte Zugang der Medien zu den Akteuren ist von der Fußballindustrie nahezu abgeschafft worden - diese Tendenz hat sich in Corona-Zeiten eher verstärkt. Es ist - Ausnahmen bestätigen die Regel - allenfalls betreutes Reden mit Fußballern möglich. Passend dazu hieß es am Sonntag beim spanischen Radiosender Cope, dass ein länger verabredetes und vom Klub genehmigtes Live-Interview mit dem Kölner Jorge Meré kurzfristig abgesagt wurde - auf Betreiben des Bundesligisten. Der 1. FC teilte später mit, Meré und der Klub hätten gemeinsam so entschieden. Das greifbarste Stimmungsbild liefert wohl eine Umfrage der internationalen Fußballergewerkschaft Fifpro unter 1 134 Profis in mehreren Ländern, die zwischen dem 22. März und dem 14. April durchgeführt wurde. Ihr zufolge sind nur 56 Prozent der Befragten unbedingt dafür, das Training unter strikten Hygieneregeln und die Saison 2019/20 wieder aufzunehmen.

Aber: Die Umfrage ist nicht repräsentativ. Allerdings ist der Bass, der von einer Besorgnis der Fußballer kündet, vernehmbar genug, dass man ihn kaum als rudimentär abtun kann. Das legen auch Äußerungen von Verstraete zu einem Neustart der Saison nahe: "Wenn jeder Spieler anonym entscheiden könnte, wäre ich sehr gespannt, wie die Abstimmung ausgehen würde", sagte er. Aus anderen Quellen rund um den 1. FC Köln ist Ähnliches - und Naheliegendes - zu hören: dass im Effzeh-Kader Unsicherheit und Unbehagen vernehmlich ist.

Es geht dabei nicht mal ausschließlich um die Sorgen, die sich die Profis um Angehörige oder Lebenspartner machen; es geht auch um die Sorgen, die sich die Fußballer um sich selbst machen. Zwar zählen sie ob Alter, physischer Verfassung und medizinischer Betreuung nicht zu den Risikogruppen. Aber: "Viele Fußballer neigen schon unter normalen Verhältnissen zur Hypochondrie, ihr Körper ist ihr Kapital. Das wird nun noch sichtbarer", berichtet Rafael Ramos, der Chef des spanischen Verbandes der Mannschaftsärzte im Fußball.

So oder so: Nach dem Wirbel um sein Interview vom Wochenende wurde Verstraete im Geißbockheim offenkundig eingenordet, örtliche Medien berichteten von einem Rüffel. Dem Express zufolge wurden der Profi und seine Lebensgefährtin darüber aufgeklärt, warum aus Sicht der Verantwortlichen eine Ansteckungsgefahr hinreichend überschaubar sei.

In einem Kommuniqué, das der Klub vertrieb, ruderte Verstraete zurück. Sollte durch sein Interview der Eindruck entstanden sein, der 1. FC Köln gehe mit den Hygienevorgaben der Behörden lax um, sei das falsch, er habe sich "an einigen Stellen falsch ausgedrückt". Dann folgten Sätze, die sich aseptisch lasen wie ein Kabinentrakt wirkt in Zeiten von Corona: "Statt aus der Emotion heraus ein Interview zu geben, hätte ich den Kontakt zu unserem Arzt suchen und mir meine Fragen erklären lassen müssen." Er gelobte, weiterzuspielen und zu trainieren. Und läutete ein Leben als Strohwitwer ein. Ungeachtet der Tatsache, dass Belgien von Corona stärker betroffen ist als Deutschland, brach Verstraetes Freundin nach Belgien auf, um dort zu bleiben.

© SZ vom 04.05.2020/schm
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