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Fußball in der Corona-Krise:"Etwas, was dich nicht berührt, kann nicht gut sein"

Aber der Sport im Allgemeinen und der Fußball im Besonderen sind ohne den Ehrgeiz, zu siegen, doch unvorstellbar.

Natürlich ist ein Sieg ein Ziel. Aber es darf nicht das einzige sein. Denn das generiert Doping und Korruption, um nur die direktesten Folgen zu nennen. Denken Sie an die Leichtathletik, ein einstmals reiner Sport. Oder an den Fußball. An Juventus zum Beispiel, wo alles dem Sieg untergeordnet war und in Doping und gekauften Schiedsrichtern endete... Das Spiel hat einen Wert an sich. Seine Essenz verdient einen Respekt, der verloren gegangen ist. Ich hatte das große Privileg, mit Menschen zu sprechen, von denen man viel über das Spiel lernen konnten. Alfredo Di Stéfano...

... der große Weltstar der Fünfzigerjahre, der Real Madrid groß machte...

Genau. Er erzählte immer, dass sie zu seiner Zeit Elfmetertore nie feierten. Weil es ein Tor war, das man aufgrund eines Vorteils erzielte. Solche Werte verschwinden, weil das Primat des Verkaufs gilt: Ein Buch ist wichtig, wenn die Auflage hoch ist, und dann muss jeder das Buch zu Hause haben, egal, wie gut es ist. Ein Film ist wichtig, wenn er viel Geld einspielt. Ein Fußballer ist wichtig, wenn er einen Sieg erzielt. Andernfalls sind das für das System, in dem wir leben, Produkte ohne Wert.

July 23 2012 Lima PERU LIMA 23 DE JULIO DEL 2012 ENTRENAMIENTO DEL CLUB DEPORTIVO UNIVERSIDAD

Ángel Cappa, 73, begleitete César Luis Menotti als Assistent unter anderem beim FC Barcelona und den Boca Juniors, später arbeitete er als Chefcoach in Spanien und Mexiko.

(Foto: imago)

Sie meinen im Sinne Ihres früheren Chefs César Luis Menotti, es müsse darum gehen, gut Fußball zu spielen. Was ist das denn, gut Fußball spielen?

Das ist eine Frage, die mich so verstört, dass ich angefangen habe, sie nicht zu beantworten. Weil sie entweder aus boshafter Absicht oder völliger Unkenntnis gestellt wird.

Wie meinen Sie das?

Entweder es wird eine Diskrepanz zwischen der Schönheit und der Effizienz hergestellt oder man weiß nicht mehr, was das ist: gut Fußball spielen. Früher war das keine Frage. Und man musste keine philosophische Theorie entwickeln, man musste nicht Aristoteles oder Platon sein. Als wir als Kinder auf dem Hof Mannschaften zusammenstellten, wählten wir nicht denjenigen, der uns Gleichgewicht im Mittelfeld gab. Sondern den besten Kicker. Denjenigen, der etwas Besonderes bereithält.

Und damit die Menschen berührte?

Es geht um die Emotion. Etwas, was dich nicht berührt, kann nicht gut sein. Ein Fallrückzieher im Mittelfeld, ein unnützer Tunnel bewirkt keine Emotion. Die Schönheit muss effizient sein. Und die Schönheit ist das Effizienteste, was es im Fußball gibt.

Heutzutage wird die Effizienz im Fußball häufig durch Statistiken erfasst.

Das ist weitgehend lächerlich. Der Fußball ist etwas Qualitatives. Und Qualität ist nicht statistisch messbar. Es ist, als würde man das Talent eines Schriftstellers daran bemessen, wie viele Wörter er für eine Novelle benutzt hat. Oder als würde man ins Prado-Museum gehen und ausmessen, ob Goya oder Velázquez eine größere Fläche bemalt hat. Wenn man Zahlen hat, muss man sie zumindest in einen Kontext setzen. Wie in anderen Bereich auch.

Zum Beispiel?

Wenn hier in Spanien die Rede davon war, dass x Arbeitsplätze geschaffen wurden, war damit noch lange nicht gesagt, ob die Verträge für drei Tage, drei Wochen, drei Monate galten oder die Bezahlung unterhalb des Mindestlohns lag. Oder ob direkt Sklavenjobs geschaffen wurden.

Sehen Sie noch Dinge im Fußball, die Sie berühren?

Natürlich. Wenn Sie eine gute Mannschaft, einen guten Spielzug, einen guten Spieler sehen. Di Stéfano sagte immer: Der Fußball ist sehr schwierig - bis einer auftaucht, der ihn spielen kann. Ich bin immer auf der Suche danach. Ich genieße die Mannschaften von Pep Guardiola, beim FC Barcelona und beim FC Bayern früher, jetzt bei Manchester City.

Obwohl Sie meinen, dass der Fußball eine Rolle als Stütze des Systems spielt?

Der Fußball ist benutzt worden, so wie das Kino, das Theater und viele andere Dinge auch, um die Menschen zu betäuben und sie dazu zu treiben, im Leben zu "triumphieren". Übersetzt ins Leben heißt das ja nur: ein größeres Haus, eine Ferienvilla, Geld, ein Luxusauto zu haben ... Letztlich verzerrt das den Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse.

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