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Coronavirus:Der Fußball ist in seinem Fatalismus gefragt

DFL-Chef: Bundesliga-Spieltag mit Zuschauern ´nicht realistisch"

Bleiben die Fußballstadien der Bundesliga in nächster Zeit leer?

(Foto: Tom Weller/dpa)

Der Sport muss wegen des Coronavirus improvisieren: Was geht, das geht. Was nicht geht, wird verschoben. Notfalls die Fußball-EM.

Fast als Erstes kommt jetzt im Sport der Begriff der "Wettbewerbsverzerrung" ins Spiel. Trotzdem ist dies eine nachrangige Kategorie, wie das Beispiel Fortuna Düsseldorf zeigt. Der Abstiegskandidat befürchtet im Abstiegsduell am Freitag mit dem SC Paderborn einen gravierenden Nachteil, sollte er ein sog. Geisterspiel auferlegt bekommen. Nordrhein-Westfalen hat sich zwar offiziell zunächst vertagt, erst an diesem Dienstag soll bekanntgeben werden, ob das Nachholspiel Mönchengladbach gegen Köln am Mittwoch ohne Publikum gespielt wird. Das wäre wohl der Domino-Entscheid für den Fußball im einwohnerstärksten Bundesland: Wenn in Mönchengladbach keiner rein darf, warum sollte das zwei Tage später einen Steinwurf entfernt, auf der anderen Rheinseite in Düsseldorf, anders sein? Oder am Samstag eine Stunde Zugfahrt weiter nordostwärts, beim Revierderby Dortmund gegen Schalke? Bis zum Anpfiff werden die Infektionslinien beim Covid-19-Virus, diesem hundsgemeinen Menschheitspeiniger, sicher nicht gekappt sein.

Vermutlich werden deshalb viele, vielleicht sogar alle Erstligaspiele am Wochenende vor leerer Kulisse stattfinden. Dann würde sich ausgleichen, was in Düsseldorf befürchtet wird: dass sie dort gegen Paderborn schlechter spielen, nur weil niemand da ist. Die jüngere Bilanz der Fortuna steht zu dieser These ohnehin im Widerspruch. Im letzten Heimspiel, ebenfalls an einem Freitagabend, gab's ein 3:3 gegen Hertha BSC; nach einer 3:0-Führung - und dies, obwohl die meisten der 31 832 Zuschauer bis zur Heiserkeit dagegen angeschrien hatten.

Der Publikumseffekt wird nun auf unabsehbare Zeit erst mal ein zu vernachlässigender sein. Es ist richtig, dass die Liga versuchen wird, ihren Spielbetrieb aufrecht zu erhalten, um zu allen relevanten Entscheidungen zu kommen, so wie es die publikumsfreie Serie A schon länger versucht hatte, bis am Montagabend der Befehl der Regierung kam, den Sportbetrieb in Italien vorerst komplett einzustellen. Und es ist ebenso richtig, dass die Liga jetzt dort ihr Stammpublikum draußen lässt, wo es die besten Virologen dieser Republik empfehlen.

Die Klubs werden über massive Einnahmeausfälle jammern

Dies wird allerdings zu zwiespältigen Situationen führen. Denn wo trifft sich bis auf Weiteres die Stammkundschaft? Beim Public Viewing in der Kneipe! Zumal der Pay-TV-Sender Sky, der die meisten Live-TV-Rechte hält, bereits erklärt hat, er plane (noch) nicht, Geisterspiele fürs Free-TV freizuschalten. Es drängt also an Orte, an denen es eng ist wie in der S-Bahn auf der Anreise zum Stadion. Irgendwo aber müssen die Leute ja hin mit ihrer Neugier und ihren Emotionen, und so weit wie in Wuhan oder in der Lombardei, wo das öffentliche Leben zum Stillstand gebracht wird, ist es hierzulande in der föderalen Fläche noch nicht.

Die Klubs werden über massive Einnahmeausfälle jammern. Aber warum sollte es ihnen anders ergehen als dem Deutschen Aktien-Index (DAX), der bereits um mehr als 20 Prozent korrigiert hat? Vielleicht hilft der Crash sogar dabei, die Finanzschrauben in diesem - was Gehälter und Transfersummen betrifft - überdrehten Gewerbe wieder neu zu justieren. Der Fußball spielt nun doch nicht in seiner eigenen Komfortzone, das wird jetzt deutlich, nachdem er am Wochenende noch versucht hatte, ein bisschen so zu tun. Das Topspiel Mönchengladbach gegen Dortmund zum Beispiel wurde entgegen dem allgemeinen Virologen-Ratschlag durchgezogen. Dabei waren sonderbare Maßnahmen der Desinfektion zu beobachten: So gaben sich die Spieler zur Begrüßung nicht die Hand, sie kreuzten nur kurz die Ellbogen oder drückten die Fäuste aneinander. Für den Anpfiff hatten sich nicht nur beide Borussias entschieden, sondern vorrangig die Stadt Mönchengladbach. Und dies, obwohl im benachbarten Heinsberg, der NRW-Hochburg der Corona-Krise, noch die Folgen der letzten Polonaise in der Karnevalszeit schwer auf die Stimmung drücken.

Dieses Virus ist neu, es leitet keine klassische Grippe ein, jeder muss damit umzugehen lernen. Dieses Virus nimmt auf einen Rahmenterminplan keine Rücksicht. Alles wird jetzt gedrängter, aber die Bundesliga ist mit 25 ihrer 34 Spieltage auch schon durch. Sie wird jedoch improvisieren müssen, weil hinten raus nur wenig Spielraum bleibt. Nach dem Berliner Pokalfinale (23. Mai) folgt das Istanbuler Champions-League-Finale (30. Mai), und ab 12. Juni hat sich die Europameisterschaft viel vorgenommen: Sie soll in zwölf Ländern stattfinden, von Rom bis London, Baku, München bis Madrid.

Wie das gelingen kann, liegt gerade völlig im Nebel. Auch da ist jetzt der Sport in seinem historischen Fatalismus gefragt: Was geht, das geht. Was nicht geht, wird verschoben. Wer wissen will, wann die Stadiontore wieder geöffnet werden, der hofft darauf, dass der Frühling das Virus bremst - und wartet auf neue Empfehlungen des Gesundheitsministers.

© SZ vom 10.03.2020/tbr

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