bedeckt München

Corona-Beschränkungen:Die Wintersportler zittern schon

Das herrliche Panorama ganz für sich allein: Pistenarbeiter beim Saisonauftakt der Alpinen zuletzt in Sölden - der Wintersport sieht wie so viele Disziplinen vorerst einer Saison ohne Zuschauer entgegen.

(Foto: Joe Klamar/AFP)

Für die ohnehin tief verunsicherte Sportbranche haben die neuen Corona-Regeln gravierende Folgen: Wie es im Handball, Basketball, Volleyball, Golf oder Skifahren nun weitergeht.

Von SZ-Autoren

Das deutsche Eishockey klammert sich an ein fragiles Geschäftsmodell

18. September. - 13. November. - 18. Dezember. Der Saisonstart der Deutschen Eishockey Liga (DEL) zieht sich wie die Eröffnung des Berliner Flughafens. Ein Teil der Branche klammert sich an das Datum eine Woche vor Weihnachten wie an den Termin für eine lebensrettende Transplantation; der andere Teil ist nicht sicher, ob das, was man dann aus dem Papier wickeln würde, auch ein Geschenk wäre. Als erste Profiliga hat die DEL am 10. März den Betrieb eingestellt. Die Hauptrunde war abgeschlossen, auf Playoffs und die Kür eines Meisters wurde verzichtet. Denn: "Geisterspiele ohne Zuschauer sind keine Option." Die DEL zieht nach dem Fußball die meisten Zuschauer in die Stadien, im Schnitt kommen 6500 Besucher zu den Partien. Bis zu 80 Prozent ihrer Einnahmen erlösen die Klubs am Spieltag. Keine Zuschauer = kein Geld, so geht die einfache Rechnung.

Im Grund sei das ja "gar kein Geschäftsmodell", knurrte neulich Franz Reindl, der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes. Tatsächlich flehen die DEL-Gesellschafter seit Monaten um Hilfen vom Staat (und klagen zugleich, dass das Antragsverfahren viel zu kompliziert ist, und ungerecht sowieso). Ginge es nur um die Profiliga, Reindl würde wohl eher Recht vor Gnade walten lassen. Aber von der Liga hängt die Nationalmannschaft ab und davon der Nachwuchs und das ganze Ansehen der Sportart - und damit der DEB. Viel kommt auf die kommende Woche an: Dann startet die DEL2 in die Saison, und in Krefeld soll der auf drei Teams verkürzte Deutschland Cup über die Bühne gehen, an den sich als weiterer Testballon der Magentasport-Cup anschließt - mit acht der 14 DEL-Klubs. Den anderen ist das finanzielle Risiko zu hoch. An den Plänen für ihr Winter Game hält die Liga übrigens fest. Am 5. April 2021 sollen Kölner Haie und Adler Mannheim vor 50 000 Zuschauern im Kölner Fußballstadion gegeneinander antreten. Falls die Haie, denen nach eigenen Angaben eine Million Euro fehlt, so lange überleben. 5. April, Ostermontag: Was für ein Datum für eine Auferstehung. Johannes Schnitzler

Eishockey

Der Saisonstart der DEL zieht sich wie die Eröffnung des Berliner Flughafens.

(Foto: dpa)

Im Volleyball werden die unteren Ligen bereits ausgesetzt

Die Volleyball-Bundesliga denkt neuerdings antizyklisch: Just einen Tag nachdem die Politik großen Teilen des Sports erneut den Stecker gezogen hat, überrascht die VBL mit Zukunftsplänen für die Frauenliga. Diese rangiert in Sachen Zuschauer und TV-Präsenz hierzulande ja tatsächlich vor allen anderen Sportarten im Frauenbereich - und soll nun "eine der drei Topligen in Europa" werden, wie es im Bulletin heißt. Kurzfristig sieht es aber eher so aus, dass die 77 Erst- und Zweitligisten im Volleyball ums Überleben kämpfen. Berlins Manager Kaweh Niroomand rechnet vor, dass selbst mit den kürzlich noch erlaubten 1000 Zuschauern dem deutschen Serienmeister bei jedem Heimspiel ein fünfstelliges Minus entsteht. "Länger als zwei Monate werden wir diese Situation nicht durchstehen", sagt auch VBL-Präsident Michael Evers. Eine konkrete Marschroute gibt es allerdings vonseiten der VBL nicht, allenfalls Durchhalteparolen an die Klubs.

Diese sind massiv verunsichert, nicht zuletzt wegen der unterschiedlichen Regelungen in den Bundesländern. Unterhachings Männer saßen wie auch Stuttgarts Frauen und Teile der Straubingerinnen 14 Tage in Quarantäne, in anderen Bundesländern ist diese Auslegung nicht so streng. Und während in Berlin bis zu 1000 Fans zum Spiel durften, waren es in Unterhaching null. Dass Zuschauer nun überall ausgesperrt werden, spitzt die Lage für die Klubs weiter zu. Nach den geplanten Verschärfungen der Corona-Maßnahmen wird bereits der Spielbetrieb in allen dritten Ligen und Regionalligen ab sofort ausgesetzt. Sebastian Winter

Volleyball

Im Volleyball spitzt sich die Lage weiter zu.

(Foto: dpa)

Viele Handball-Klubs fürchten eine Insolvenz

Der Chef blickt von nun an immer etwas ängstlich aufs Handy, denn der Anruf, dass dem ersten Handballklub der ersten oder zweiten Liga die Puste ausgeht, kann jeden Tag kommen. "Ich fürchte, dass es bis Weihnachten nicht alle Klubs schaffen werden", sagt Frank Bohmann, der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL). Insolvenzen seien mittlerweile auch kurzfristig eine reale Gefahr, die Vereine haben schon vor dem zweiten Lockdown finanziell extrem knapp kalkuliert - und fühlen sich ungerecht behandelt: Einerseits wurden sie gelobt, wie reibungslos die Hygienekonzepte in den Hallen funktioniert hätten, "ohne Fehl und Tadel", bestätigt Bohmann. Fünf Spieltage sind in der ersten Liga absolviert, es gab noch keine Spielabsage. Trotzdem nun zum zweiten Mal der Komplettausschluss der Zuschauer. Bohmann sagt, er spüre "sehr viel Frust unter den Vereinen", er hätte sich von der Politik "nicht nur die Holzhammermethode" gewünscht, sondern dass dort, wo die Hygienekonzepte greifen, weiter vor Zuschauern gespielt werden kann. Denn allein von den Fernsehgeldern leben könne niemand.

Der Spielbetrieb wird trotzdem fortgeführt, zunächst bis Weihnachten, darauf haben sich die Klubs verständigt. Allein um sichtbar zu bleiben; nicht wie im Frühjahr und Sommer, als der Handball ein halbes Jahr von der Bildfläche verschwunden war. Fast alle Erst- und Zweitligisten haben mittlerweile staatliche Hilfen beantragt, und es bleiben eine ganze Wagenladung offener Fragen: Halten die Klubs durch? Wird als erstes der Europapokal abgesagt, wo wegen Corona-Fällen bereits so viele Partien verschoben wurden, dass sie kaum nachzuholen sind? Und ist die WM im Januar in Ägypten wirklich noch ein realistisches Szenario? "Wir planen von Woche zu Woche", sagt Bohmann. Der Blick aufs Handy bleibt bange. Carsten Scheele

SC DHfK Leipzig - Frisch Auf Göppingen

Halten alle Klubs durch? Fragen sich auch die Handballer von DHfK Leipzig und Frisch Auf Göppingen.

(Foto: dpa)

Die Basketball-Akteure hoffen bei den Regeln auf mehr Fingerspitzengefühl

Wie sehr der Geister-November den Basketball umtreibt, hat BBL-Geschäftsführer Stefan Holz diese Woche formuliert. "Aus unserer Sicht gibt es fachlich-hygienisch keine Gründe dafür", ärgerte sich der Liga-Chef, der weiterhin an einen Tip-Off am 6. November glaubt. Basketball ohne Zuschauer, dafür kommen aus der Szene natürlich keine High-Fives, aber der Sport ist mittlerweile mit wenig zufrieden. Hauptsache wir spielen, lautet das Credo der 18 Klubs von Oldenburg bis Ulm und von Bonn bis Chemnitz - notfalls eben ohne Getrommel und Gejohle in der Halle. Dabei waren die Basketballer eigentlich Vorreiter: Als der Hallensport im Sommer stillstand, wagte sich die BBL als erstes in ein Playoff-Turnier in einer abgeschotteten Blase. Das klappte, und auch jetzt sah man sich gewappnet für Partien mit geringer Zuschauerzahl. Holz fühlt sich ausgebremst von der Politik: "Es werden von uns Hygienekonzepte verlangt, für die wir viel Geld in die Hand nehmen und mit ausgewiesenen Experten zusammenarbeiten", grummelt er, "und obwohl die Testphase gezeigt hat, dass die Konzepte funktionieren, dreht man uns doch den Saft ab."

Die Akteure selbst hoffen auf Quarantäneregeln mit mehr Fingerspitzengefühl, denn zuletzt wirbelten Positivtests in Bonn, Berlin und Bayreuth den vorab gestarteten BBL-Pokal durcheinander. Medi Bayreuth wurde vom lokalen Gesundheitsamt nach zwei Corona-Fällen geschlossen in eine zweiwöchige Isolation geschickt, die Spiele müssen nachgeholt werden. Sollten sich solche Direktiven wiederholen, wäre ein Ligabetrieb kaum möglich. Bayreuths Kapitän Bastian Doreth wünscht sich eine differenziertere Auslegung, schließlich sei der Großteil des Teams negativ getestet worden: "Wenn in einem Unternehmen jemand positiv getestet wird, legt man auch nicht gleich die ganze Firma lahm." Und eine lahmgelegte Liga wäre für viele Klubs dramatisch. Jonas Beckenkamp

Alba Berlin - FC Bayern München

Bloß keine lahmgelegte Liga, hoffen die Basketballer.

(Foto: dpa)

Die Golf-Tour bereitet sich routiniert aufs Masters vor

Das Masters im November? Klingt absurd, aber tatsächlich steuert die Golf-Saison auf den jährlichen Höhepunkt noch zu. Eigentlich hätte das berühmteste Major-Turnier, bei dem der Sieger stets in ein hässliches grünes Sakko schlüpft, wie immer im April stattfinden sollen. Aber natürlich wurde auch die Veranstaltung im Augusta National Golf Club aufgrund der Pandemie verschoben. Die Tour lag lange brach, doch als sie ihren Betrieb in den USA im Juni wieder aufnahm, begann eine Erfolgsgeschichte in Krisenzeiten. Das Konzept, ohne Zuschauer und unter strengen Sicherheitsauflagen die Profis in der Blase um Titel spielen zu lassen, ging auf, die hohen Investitionen machten sich bezahlt. Wenngleich es positive Covid-Fälle gab, es erwischte etwa den Weltranglistenersten Dustin Johnson (USA) sowie Adam Scott (Australien).

Die Golf-Szene kann in jedem Fall bereits auf eine gewisse Routine beim Organisieren von Turnieren zurückgreifen. Man hat schnell gelernt, und Geld ist vorhanden. Auch in Augusta wurde alles an Rahmenprogramm radikal gestrichen, was als entbehrlich erachtet wurde, zuletzt das beliebte Par-3-Event vorab. Und es wurden Prioritäten abseits der Sicherheit gesetzt: Wie kann man im Spätherbst, wenn das Tageslicht verkürzt ist, vier Runden absolvieren? Wie kompensiert man den Ausfall der Zuschauer? Die Lösungen: An den ersten beiden Tagen startet die eine Hälfte des Feldes der Reihe nach in Dreiergruppen von Abschlag eins, die andere zeitgleich von Abschlag zehn. Und was die Vermarktung betrifft, macht dem Masters ohnehin kaum jemand etwas vor. Jeder noch so große und kleine Übertragungs- und Verbreitungsweg in Fernsehen und Internet wird ausgeschlachtet. Es wird allein in den USA, dem Hauptmarkt, Bilder und Informationen geben bei ESPN, CBS, Instagram, Facebook, Twitter, Snapchat und natürlich auf der Onlineseite Masters.com. Gerald Kleffmann

The Masters - Final Round

Findet das Golf-Masters diesmal im November statt?

(Foto: AFP)

Die Wintersportler zittern diesmal nicht nur vor tiefen Temperaturen

Es dauert noch ein paar Tage, bis der Wintersport so richtig startet, das Unterfangen wirkt aber schon jetzt ambitioniert: Tausende Mitwirkende durch die Welt zu scheuchen, während sich immer mehr Länder in ständig wechselnde Restriktionen hüllen. Zwar feilen alle Beteiligten derzeit an gewaltigen Hygienekonzepten; der Deutsche Skiverband will allein mehr als eine Million Euro in ein Netzwerk investieren, um seine Athleten ständig testen und reisen zu lassen. Aber wie lange das gut geht?

Im DSV gehen sie davon aus, dass sie ihre Weltcups und die Nordische Ski-WM in Oberstdorf durchbringen können. Finanziert wird das vor allem über TV- und Sponsorenmittel. Für die lokalen Veranstalter ist die Lage schon verzwickter: Manche planen schon jetzt ohne Zuschauer und müssen Rücklagen oder Staatshilfen anzapfen. Der WSV Königssee, der kürzlich als Ausrichter der Rodel-WM einsprang, ist angesichts der Lage im Berchtesgadener Land skeptisch, ob im Januar dort überhaupt ein Großereignis stattfinden kann. Und sonst? Die Wintersportler und auch die olympischen Sommerathleten warten noch darauf, dass die Politik ihre neuen Vorgaben präzisiert. Als Kadersportler dürfen sie ihren Beruf wohl weiter ausüben, Stützpunkten und Trainingshallen drohen aber Einschränkungen - dann müssten viele ausweichen, wohin auch immer. Nachwuchssportler gelten indes nicht als Profis, sie könnten fürs Erste völlig von Wettkämpfen und Training abgeschnitten bleiben, auch wenn das Infektionsrisiko beim Individualsport ja überschaubar sein dürfte. Schwere Zeiten für die Profis von morgen. Johannes Knuth

Der Profifußball muss sich wieder mit ungeliebten Geisterspielen arrangieren

Mitten in die tibetanische Stille, die am Montagabend während der Partie zwischen Leverkusen und Augsburg in der Bayarena herrschte, platzte wüstes Geschrei einer wild erregten Menschenmenge. Etwas Ungeheuerliches schien geschehen zu sein. Tatsächlich lag ein Fall von Justizirrtum vor, der Schiedsrichter hatte nicht den handspielenden Leverkusener Sinkgraven, sondern den unschuldigen Augsburger Caligiuri bestraft. Die dramatischen Proteste der FCA-Spieler wirkten allerdings dramatisch übertrieben, nachdem sich die Szene irgendwo im Nirgendwo an der Seitenlinie ereignet hatte. Dennoch waren die vereinzelt anwesenden Beobachter dankbar für den Vorfall. Er setzte ein Lebenszeichen in die bedrückende Lautlosigkeit. Das Ambiente der Partie ergab ansonsten den Paradefall von Gruselfußball im Gruseljahr 2020.

Bei der DFL hat man im Frühjahr über eine Alternative zum garstigen Begriff Geisterspiel nachgedacht, aber auf eine Kampagne wurde klugerweise verzichtet. Es hilft ja nichts. Fußball ohne Zuschauer mag ein fortschrittliches Produkt sein, energiesparend, umweltschonend und tierlieb, aber Geisterspiel bleibt Geisterspiel. Es passt ins Bild, dass die Politik jetzt beschlossen hat, quasi alles zu untersagen, "das der Unterhaltung dient" - dem Profifußball aber die Fortsetzung des Spielbetriebs gestattet. So werden die Bundesligaprofis nun mindestens weitere vier Wochen in ihren riesigen Arenen vor leeren Tribünen spielen, es wirkt wie eine dieser bizarren Strafen in der griechischen Mythologie. Den Anfang macht am Freitag Schalke 04 beim Treffen mit dem VfB Stuttgart. 300 Zuschauer hatte man am Montag noch annonciert, dann legten die Behörden ihr Veto ein. Nicht mal Maskottchen Erwin wird kommen, obwohl gesundheitspolizeilich nichts gegen ihn vorliegt. Aber ein Maskottchen ohne Zuschauer? Es wird also wieder ein einsamer Abend für Schalke werden - aber das kann bei der gegenwärtigen Erfolgsbilanz auch ein Vorteil sein. Philipp Selldorf

© SZ vom 30.10.2020/ebc
Kinder spielen Fußball

MeinungCorona-Maßnahmen
:Freizeitsportler trifft es besonders hart

Durch die neuen Corona-Maßnahmen könnten immer mehr Menschen den Zugang zum Sport verlieren. Warum sollen Kinder, die morgens in der Schule eh beisammen sind, nicht nachmittags kicken dürfen?

Kommentar von Johannes Aumüller

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite