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Bundesliga am Wochenende:Der Fußball ist sich selbst der Nächste

Bundesliga

Die Bundesliga soll am Wochenende stattfinden.

(Foto: dpa)

Schulen schließen, Altersheime machen dicht - aber die Bundesliga will am Wochenende noch irgendwie ihren Spieltag durchdrücken. Das ist ein verantwortungsloses Signal.

Bayern erlässt ein Besuchsverbot für Pflege- und Altenheime, die Schulen und Kindertagesstätten schließen nach und nach, die Bundeskanzlerin ruft dazu auf, soziale Kontakte zu meiden und spricht von der größten Bewährungsprobe seit 50 oder 70 Jahren. Das ist gerade die gesellschaftliche Dimension des Coronavirus, die wichtige also. Die Sport-Dimension ist die: Die italienische, spanische, englische und französische Fußball-Liga: ausgesetzt. Die NBA und die NHL: unterbrochen. Der Formel-1-Auftakt: abgesagt.

Und die Bundesliga will weitermachen. Jedenfalls noch an diesem Wochenende. Vor leeren Stadien. Irgendwie. Als nahezu einziger Sportwettbewerb der Welt.

Dieses Vorgehen der DFL wirkt vor dem gesellschaftlichen Hintergrund, dem wichtigen also, absurd. Es wirkt egoistisch. Es wirkt, als wollten die Verantwortlichen im Fußball irgendwie retten, was nicht mehr zu retten ist. Das ganze Land fährt gerade herunter? Egal, einen Spieltag kriegen wir noch hin.

Karl-Heinz Rummenigge offenbarte bei einer Pressekonferenz am Freitag offen den Grund für die Entscheidung. "Es geht am Ende des Tages auch um Finanzen", sagte der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern. Vor allem für kleinere Klubs seien ausstehende Fernseh-Zahlungen teilweise überlebenswichtig. Das ist bestimmt so. Aber der Fußball wird nicht der einzige Wirtschaftsbereich sein, der unter dieser Krise leiden wird. Und so entscheidet er sich für das Geld und gegen seine gesellschaftliche Verantwortung.

Beim Geisterspiel zwischen Gladbach und Köln versammelten sich Fans vor dem Stadion. Die Klubs flehen nun ihre Anhänger an, dem Beispiel bitte nicht zu folgen. Und wenn Kneipen am Wochenende wegen des Fußballs voller sind als sie es ohne ihn wären - dann hat die Entscheidung der DFL einen direkten, negativen Einfluss auf das Ziel, dass diese Republik gerade mit aller Macht verfolgt: die Ausbreitung des Virus irgendwie zu verlangsamen. Die Polizei hat schon angekündigt, beim Revierderby zwischen Dortmund und Schalke mit einem Großaufgebot vertreten zu sein - das kann man keinem vernünftigen Menschen in Zeiten von Schulschließungen vermitteln. Und für alle, die sich gerade freiwillig einschränken, ist das Signal sowieso ein Schlag ins Gesicht.

Dabei ist noch nicht mal klar, ob die Entscheidung überhaupt hält. Das Spiel des SV Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen am Montag wurde schon abgesagt, weil man mehr als 1000 Leute in der Stadt erwartet hätte. Wie man ein Fußballspiel - und sei es ein Geisterspiel - in Augsburg durchführen soll, wenn der bayerische Ministerpräsident Markus Söder verkündet, dass Veranstaltungen von 100 Menschen nicht mehr erlaubt werden, das ist auch so eine Frage. Dass der DFB fast gleichzeitig verkündet, dass er die Aussetzung aller Amateurspiele am Wochenende empfiehlt, wirkt fast schon tragikomisch.

Bisher hat sich noch kein Bundesligaspieler mit dem Virus infiziert - aber Hannover 96 steht unter Quarantäne und kann gegen Dresden nicht spielen. Nürnberg beantragte wegen der Corona-Infektion eines Spielers die Absetzung des Spiels gegen St. Pauli. Und der SC Paderborn meldete, dass Trainer Steffen Baumgart gerade untersucht wird - Coronaverdacht. Paderborn soll heute Abend gegen Düsseldorf spielen.

Und wer die Partie zwischen Mönchengladbach und Köln am Mittwoch gesehen hat, der hat sowieso gemerkt, dass kein Mensch diese Spiele braucht. Fußball ohne Fans ist wertlos. Bayern-Spieler Thiago, der wirklich noch nie als Lautsprecher aufgefallen ist, flehte die DFL am Freitag auf Twitter an, doch bitte vernünftig zu sein. Auch BVB-Sportdirektor Michael Zorc sagte tags zuvor, ihm wäre eine Absage lieber.

Und wenn man den Spieltag nun fürs Fernsehen durchzieht - wie soll man darüber sprechen und schreiben? Es weiß ja aktuell kein Mensch, ob und wie die Saison überhaupt zu Ende gespielt werden kann.

Man kommt nicht um den Verdacht herum, dass die DFL zwischen eigenen Interessen und denen der Gesellschaft abgewogen hat und sich für die eigenen entschieden hat. In der Krise hat der Fußball vor dem Hintergrund die falsche Entscheidung getroffen und sich selbst zu wichtig genommen.

© Sz.de/schm
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