Ihre Karriere im Leistungssport begann als Konfrontationstherapie: Um ihre ausgeprägte Höhenangst zu überwinden, begann Corinna Wimmer mit dem Klettern. Anfangs verspürte sie noch häufig Panik – doch sie merkte schnell, dass ihr der Sport Spaß machte und ihr half, ihre Ängste besser in den Griff zu bekommen. Dass sie ihre Höhenangst einmal bis ganz nach oben bringen würde, hätte sie damals nie erwartet. Heute gehört sie zum deutschen Parakletterkader und hat die Chance, sich für die Paralympischen Spiele 2028 in Los Angeles zu qualifizieren. Denn seit diesem Jahr steht fest, dass Paraklettern es auf die größte Sportbühne der Welt geschafft hat.
Diese Entscheidung hat nicht nur die Sichtbarkeit, sondern auch die Beliebtheit des Sports gestärkt – wie der Weltcup in Innsbruck im Juni mit 210 Teilnehmenden zeigte: ein neuer Rekord. Auch innerhalb der nationalen Verbände gewinnt Paraklettern zunehmend an Bedeutung. So hat der Deutsche Alpenverein (DAV), der den Kader betreut, erstmals offizielle deutsche Meisterschaften im Paraklettern ausgerufen – sie finden an diesem Wochenende in Augsburg statt.
Die Meisterschaften folgen dem Modus der internationalen Weltcups. Damit ein offizieller Titel vergeben werden kann, müssen pro Klasse und Geschlecht mindestens drei Athletinnen oder Athleten antreten, darunter mindestens zwei mit deutscher Staatsangehörigkeit. Die Einteilung erfolgt je nach Art und Grad der Beeinträchtigung: B steht für Sehbehinderung, AL und AU jeweils für Bein- beziehungsweise Armamputationen oder Fehlbildungen, RP für neurologische Beeinträchtigungen. Die Ziffer hinter dem Kürzel (1 bis 3) zeigt den Grad der Beeinträchtigung an – je höher die Zahl, desto geringer die Einschränkung. Geklettert wird im Toprope-Stil, also mit Seilsicherung von oben. Zusätzlich gibt es in Augsburg einen offenen Wettbewerb ohne Klassifizierung.
Corinna Wimmer startet in der Kategorie AU2. Mit ihrer Behinderung wurde sie geboren: Ein Großteil ihres rechten Unterarms und die Hand fehlen, das Ellenbogengelenk funktioniert jedoch. Für sie ist das normal, da sie so aufgewachsen ist. „Eine Behinderung erlebe ich eher durch andere oder durch äußere Umstände als durch meinen Körper“, sagt sie. Die Kategorie AU2 ist eine von vier, die bei den Paralympics in Los Angeles vertreten sein werden – ein großer Glücksfall für Wimmer. „Zum ersten Mal habe ich ein sportliches Langzeitziel, auf das ich hinarbeiten kann“, sagt die 30-Jährige.
Schon als Kind war Corinna Wimmer sportlich aktiv – besonders faszinieren sie noch heute Sportarten, die den ganzen Körper fordern. Sie wuchs in Bad Feilnbach am Alpenrand auf, spielte in der Familie Volleyball und verbrachte viel Zeit in der Natur. Nach ihrem Umzug nach München zum Medizinstudium konzentrierte sie sich zunächst aufs Bouldern. Die Kombination aus körperlicher Anstrengung und geistiger Herausforderung faszinierte sie, weil es beim Bouldern auch um das kreative Lösen von Bewegungsproblemen an der Wand geht – das mit nur einem Arm oft noch kreativer ausfällt.

Zum Paraklettern kam sie eher zufällig: Ein Klettertrainer sprach sie in der Halle an und machte sie auf die Disziplin aufmerksam. Seit sechs Jahren gehört sie nun zum Kader. Viele im Parateam sind Quereinsteiger – auch deshalb, weil Paraklettern lange kaum sichtbar war und viele Beeinträchtigungen erst im Erwachsenenalter entstehen. An der gezielten Nachwuchsförderung arbeitet der Verband derzeit intensiv. Dafür müssen jedoch zunächst die nötigen Strukturen geschaffen werden.
Durch das Training entdeckte sie auch ihre Begeisterung fürs Seilklettern, das aktuell die einzige Disziplin im Paraklettern darstellt. Derzeit trainiert sie rund 30 Stunden pro Woche – ein Pensum, das nur möglich ist, weil sie auf Jobsuche ist. Sie hat sich für die Facharztausbildung beworben. Ihr Wunsch ist eine Ausbildung im Bereich Rehabilitative und Physikalische Medizin – eine bewusste Wahl, die inhaltlich viele Berührungspunkte mit dem Parasport aufweist. Perspektivisch kann sie sich sogar vorstellen, nach ihrer aktiven Karriere im medizinischen Bereich des Parasports tätig zu werden – etwa in der Klassifizierung.
Die Routenbauer stehen vor der Herausforderung, die Routen an unterschiedliche Beeinträchtigungen anzupassen
Einen entscheidenden Fortschritt auch beim Thema Höhenangst machte sie in der vergangenen Saison. Eine Handgelenksverletzung schränkte sie beim Training ein, was sich auf ihre Kondition auswirkte. Erstmals war somit nicht mehr die Höhenangst der limitierende Faktor: Sie stürzte, weil ihr die Kraft ausging – nicht, weil sie sich nicht traute. Was sie in dieser Saison herausfordert, ist der Routenbau, was mit ihrer geringen Reichweite zu tun hat. Mit ihrem rechten Arm kommt sie kaum über Kopfhöhe hinaus. Viele Bewegungen erfordern dadurch zusätzliche Züge oder deutlich mehr Kraft, während andere mit einem langen Griff auskommen.
Die Routenbauer stehen vor der Herausforderung, die Routen an unterschiedliche Beeinträchtigungen anzupassen. Dabei orientieren sie sich an Leitlinien für die jeweiligen Klassen. Die Herausforderung bleibt jedoch groß – selbst innerhalb einer Kategorie wie AU2 gibt es enorme Unterschiede: links oder rechts betroffen, unterschiedlich lange Arme, teils bis zu 25 Zentimeter Unterschied in der Armspannweite. Eine Route fair und gleichzeitig fordernd zu gestalten, sei anspruchsvoll. „Niemand will im Wettkampf einfach nur eine Wand wie eine Leiter hochsteigen – wir sind ambitioniert und genau deshalb im Leistungssport“, sagt Corinna Wimmer.
Für 2025 hat sie sich noch einige Ziele gesteckt, darunter die Weltmeisterschaft in Südkorea und der Weltcup in Frankreich zum Saisonende. Am Wochenende steht aber erstmal die Vergabe der ersten deutschen Meistertitel im Paraklettern an.

