bedeckt München 24°

Alisson Becker:Die Garantie auf der Linie

Alles im Blick: Alisson fixiert den Ball nach einem Elfmeter von Paraguays Gustavo Gomez, kurz danach wehrt der brasilianische Torwart den Ball ab.

(Foto: Luis Acosta/AFP)
  • Am Sonntagabend spielt Brasilien gegen Peru um den Titel bei der Copa América.
  • Sollte die Seleção erfolgreich sein, hätte Torwart Alisson Becker daran einen nicht unerheblichen Anteil. Wie schon am Champions-League-Sieg mit dem FC Liverpool.
  • Bisher hat der Torhüter alle Spiele der Copa zu Null bestritten.

In der zweiten Halbzeit des Copa-América-Halbfinales zwischen Brasilien und Argentinien gab es eine Szene, die vielleicht spielentscheidend war, hinterher aber kaum eine Rolle spielte. Argentinien hatte einen Freistoß zugesprochen bekommen, Argentiniens Kapitän Lionel Messi, fünfmaliger Weltfußballer und zudem begnadeter Freistoßschütze, trat an gegen Alisson Becker, Brasiliens Torwart. Mann gegen Mann.

Das Duell hatte es schon einmal gegeben: Vor wenigen Wochen im Camp Nou, im Halbfinal-Hinspiel der Champions League zwischen Messis FC Barcelona und Alissons FC Liverpool. Messi traf aus rund 30 Metern Entfernung in den Winkel; Allison streckte sich vergeblich. Diesmal schoss Messi aus 20 Metern, höchstens, und zielte den Ball wieder dorthin, wo er kaum erreichbar ist für einen Torwart: in den Torwinkel.

Copa América Die Furchen des Tigers
Perus Trainer Gareca

Die Furchen des Tigers

Ricardo Gareca führt Peru überraschend ins Finale der Copa América. Dort geht es gegen Gastgeber und Favorit Brasilien - kein Problem für den Mann, den Pablo Escobar schon in die Luft jagen wollte.   Von Javier Cáceres

Diesmal aber flog Allison nicht durchs Tor, schon gar nicht vergeblich. Er machte ein paar Schritte zur Seite und hielt den Ball mit beiden Händen fest. Als wollte er nicht bloß ein Tor verhindern, sondern ein Statement liefern. Als wollte er den Beweis für die Theorie antreten, dass es keine unhaltbaren Bälle gibt, sondern nur gutes oder schlechtes Stellungsspiel. So groß ist ein Tor auch nicht, wenn man 1,97 Meter misst wie Alisson Becker.

Die Legende vom unfähigen brasilianischen Torhüter ist lange widerlegt

Ja, er habe den Ball auf einfache Weise gehalten, "the easy way", wie er es nach jener Partie formulierte, die seiner Mannschaft einen 2:0-Sieg und den Finaleinzug bei der Copa América beschert hatte. Am Sonntag spielt Brasilien im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro gegen Peru um den Titel. Mit Alisson Becker im Tor, und damit mit einer Garantie auf der Linie, die Brasiliens Favoritenrolle potenziert.

Jahrzehntelang war Brasilien ein Land, das mit dem Stigma lebte, grandiose Fußballer zu produzieren, aber keine guten Torhüter. Dafür steht auch das Maracanã, in das Brasilien am Sonntag nach sechsjähriger Abstinenz zurückkehrt (das erträumte WM-Finale 2014 wurde bekanntlich verpasst durch ein 1:7 gegen Deutschland in Belo Horizonte im Halbfinale). Nach dem letzten Spiel der WM 1950 wurde Barbosa, dem damaligen Torwart, die Verantwortung für den 2:1-Sieg Uruguays angelastet, Alcides Ghiggia überwand ihn mit einem Schuss ins kurze Ecke. "In Brasilien ist die Höchststrafe 30 Jahre, doch ich zahle 40 Jahre für ein Verbrechen, das ich nicht begangen habe", sagte Barbosa Jahrzehnte später, er starb einsam und geknickt.

Die Legende vom unfähigen brasilianischen Torhüter ist lange widerlegt, mit Alisson hat der Respekt vor Keepern aus dem Land des fünfmaligen Weltmeisters aber neue Höhen erreicht. Das drückt sich auch in den Kennzahlen des überhitzten Markts aus. 73 Millionen Euro überwies der FC Liverpool im Sommer 2018 an Alissons damaligen Klub AS Roma - damals ein Rekordpreis für ein Torhüter. Das Geld saß nach dem verlorenen Champions-League-Finale von Kiew 2018 bei Liverpool etwas lockerer; gegen Real Madrid hatte man das Endspiel in der ukrainischen Hauptstadt auch deshalb verloren, weil Allisons deutscher Vorgänger Loris Karius beim 1:3 danebengegriffen hatte. Ein Jahr später, beim Champions-League-Finale von Madrid, stand Allison im Tor Liverpools. Dass er derjenige war, der in der Finalnacht von Madrid den Pokal wegtrug, hatte etwas Sinnbildliches. Denn Alisson hatte im Endspiel gegen Tottenham Hotspur herausragend gehalten. Wie zuvor gegen Barça und nun bei der Copa América.