Süddeutsche Zeitung

Brasilien bei der Copa América:Zweifel am Prediger

  • Brasilien ist Gastgeber der Copa América. Für Nationaltrainer Tite hat das Turnier eine besondere Bedeutung.
  • Auch ohne den verletzten Neymar muss er den Titel in seinem Heimatland gewinnen.
  • Neymar wird der Mannschaft vor allem in der Kabine fehlen.

Als der Tsunami namens Neymar Júnior über Brasilien hereinbrach, weil der Stürmer von Paris Saint-Germain sich Vergewaltigungsvorwürfen ausgesetzt sah, gab sich Tite, der Nationaltrainer des fünfmaligen Weltmeisters, in einer Hinsicht unschlüssig. Nämlich: als er gefragt wurde, ob er jetzt bei der Copa América im eigenen Land vor der größten Herausforderung seiner Laufbahn stehe.

Das könne schon sein, sagte Tite, 58. Und leitete eine Aufzählung mit Adverbien ein, die um seine Vita kreiste. Womöglich sei das Finale der Copa Libertadores von 2012, die er mit Corinthians São Paulo gewann, eine größere Aufgabe gewesen. Oder der Sieg im Finale um den Klubweltpokal gegen den FC Chelsea im selben Jahr. Vielleicht müsse man aber auch sein Debüt als Coach von Brasiliens Nationalteam, der Seleção, gegen Ecuador zur größten Tücke seines Berufslebens küren. Oder die - schließlich gebannte - Gefahr, mit Brasilien die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Russland 2018 zu verfehlen. All das klang wie subtile Werbung in eigener Sache. Doch als er am Ende seiner Erfolge angekommen war, sagte er nur: "Ich kann auf die Frage nicht antworten."

Sicher ist: Die Herausforderung namens Copa América ist alles andere als klein. Bei der Südamerikameisterschaft, die an diesem Freitag im Stadion Morumbi zu São Paulo mit dem Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und dem krassen Außenseiter Bolivien beginnt und am 7. Juli mit dem Finale im Maracanã in Rio de Janeiro endet, wird von Tite der Titel erwartet - nichts anderes. Falls jemand noch Zweifel hatte, dass es auch um Tites Job geht, beseitigte diese das Fachmagazin Placar mit einer Frage, die über dem Turnier kreisen wird: "Fora Tite?", oder zu Deutsch: "Tite raus?"

In den Köpfen vieler Brasilianer sitzt ein Gedanke fest

Die Seleção kommandiert Tite seit 2016, doch der Ruf des Vaterland-Retters, der ihm damals vorauseilte, ist ziemlich ramponiert. Trotz beeindruckender Zahlen in insgesamt 36 Spielen. Zuletzt siegte Brasilien im Testspiel gegen Honduras mit 7:0 und holte damit den 29. Sieg unter Tite - bei gerade einmal zwei Niederlagen und fünf Unentschieden. 80 Tore hat Brasilien erzielt, dabei nur zehn kassiert; in mehr als drei Viertel der Partien musste die Seleção kein Gegentor hinnehmen, ein einziges Mal nur mehr als eins: Allerdings, und das ist ein Problem, geschah dies bei der 1:2-Niederlage im WM-Viertelfinale 2018 gegen Belgien.

Jene Partie, oder genauer: deren erste Halbzeit war es, die den Stern Tites sinken ließ. Der zwar hochgelobte, aber im Ranking der ganz großen Strategen eher zweitklassig angesiedelte Roberto Martínez hatte Tite eine taktische Lektion erteilt. Und damit in den Köpfen vieler Brasilianer den Gedanken festgesetzt, dass Tite, der sich einst ein Jahr lang in Europa weitergebildet hatte, unter anderem beim Italiener Carlo Ancelotti, doch nicht zu den Großen des Weltfußballs zählt. Das aber war die Vermutung gewesen nach der brillant bewältigten WM-Qualifikation, die ja, weil alle Teams des Subkontinents gegen alle spielen, so etwas ist wie eine Copa América mit anderem Modus.

Aktuell freilich gehen die Debatten um Tite in eine andere Richtung. War doch nach der WM 2018 eine Rundumerneuerung erwartet worden, ein paar talentierte Spieler bringt Brasilien ja noch immer hervor. Doch am Vorabend des Eröffnungsspiels der Copa rechnen die Brasilianer damit, dass Tite eine Startelf präsentieren wird, in der sich mindestens sieben Spieler wiederfinden, die schon 2018 tragende Rollen innehatten. Unter ihnen der neue Kapitän Dani Alves von Paris Saint-Germain, der bei der WM 2022 fast 40 Jahre alt wäre. Als dann auch noch Neymar ausfiel, nachdem er sich beim Testspielsieg gegen Katar am Sprunggelenk verletzte, holte Tite nicht etwa ein Talent hoch. Sondern Willian, der beim FC Chelsea eine dürftige Saison hinter sich hat, ebenfalls über 30 ist - und bei der WM in Russland zu den Verlierern zählte.

Tite wirkt eher wie ein Volkspädagoge

"Tite hat, unabhängig vom Alter, Spieler berufen, denen er vertraut, die ihm Sicherheit geben", sagte Sebastião Lazaroni, der Brasilien 1989 zum siebten von acht Copa-América-Titeln führte, der Zeitung Lance. Und so steht Tite mit dieser Sehnsucht nach Sicherheit sinnbildlich für ein Land, das sich an das schreckliche Jahr 2014 erinnert fühlt und hofft, mit dem ersten Titel seit 2007 eine palliative Therapie zu bekommen, die Schmerzen lindert. 2014 fand die WM in Brasilien statt, sie endete für den Gastgeber mit dem Desaster von Belo Horizonte, dem 1:7 im Halbfinale gegen den späteren Weltmeister Deutschland, dem Verlust des Nimbus als führende Fußballnation. Derlei schüttelt man nicht so schnell aus den kanariengelben Jerseys.

Nicht mal dann, wenn der Chef ein einnehmendes Charisma hat wie Tite. Bei Pressekonferenzen wirkt er eher wie ein Prediger und Volkspädagoge denn wie ein Fußballlehrer. Und das nicht nur wegen seiner fantastischen, raumfüllenden Stimme und dem philosophischen Grundton seiner fein formulierten Ausführungen, in denen es mehr um die Bedeutung der Gruppe als um Fußball geht.

Am Horizont türmen sich weitere Probleme auf

Nur: Selbst da hat er sich angreifbar gemacht. Zuletzt wurde offenkundig, wie sehr er sich Neymar und vor allem dessen gleichnamigem Vater unterworfen hat. Als Neymar sich in Brasilia gegen Katar die Bänder lädierte, drang Vater Neymar sogar bis in das Heiligtum der Seleção vor, in die Mannschaftskabine. Dort hatte er, den Codes des Fußballs zufolge, nichts verloren. Überhaupt Neymar: Atmosphärisch dürfte die Absenz des Stürmers von PSG willkommen sein. Am Donnerstag musste er in São Paulo vor der Polizei wegen der Vergewaltigungsvorwürfe aussagen; stünde Neymar noch im Kader, hätte Tite ein größeres Problem zu moderieren, denn schon so ist die Affäre zu einer Telenovela mit zahllosen Nebensträngen ausgeartet.

Sportlich nannte Tite seinen Schützling "unverzichtbar", aber "nicht unersetzlich". Doch schwerer wiegt, dass Neymar in der Kabine als eine wichtige und ungemein beliebte Figur gilt, die nun fehlt. Am Horizont türmen sich für Tite weitere Probleme auf. Zwei seiner engsten Mitarbeiter werden abtrünnig: Nationalmannschaftsmanager Sylvinho geht als Trainer nach Frankreich zu Olympique Lyon, der Koordinator der Nationalteams, Edu Gaspar, geht zum FC Arsenal. Es wird also einsam um Tite, und auch wenn der Verband offiziell versichert, dass er unabhängig vom Ausgang der Copa América den Posten nicht verlieren werde, sickert aus gut unterrichteten Kreisen des Verbandes immer lauter durch, dass Tite nicht zu halten sein werde, wenn er das Turnier doch verlieren sollte.

Eine kleine Schmach wäre es allemal: Die Seleção gewann die Turniere von 1919, 1922, 1949 und 1989 - und damit alle Südamerikameisterschaften, die in Brasilien stattfanden.

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SZ vom 14.06.2019/tbr
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