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Brasilien bei der Copa América:Tite wirkt eher wie ein Volkspädagoge

"Tite hat, unabhängig vom Alter, Spieler berufen, denen er vertraut, die ihm Sicherheit geben", sagte Sebastião Lazaroni, der Brasilien 1989 zum siebten von acht Copa-América-Titeln führte, der Zeitung Lance. Und so steht Tite mit dieser Sehnsucht nach Sicherheit sinnbildlich für ein Land, das sich an das schreckliche Jahr 2014 erinnert fühlt und hofft, mit dem ersten Titel seit 2007 eine palliative Therapie zu bekommen, die Schmerzen lindert. 2014 fand die WM in Brasilien statt, sie endete für den Gastgeber mit dem Desaster von Belo Horizonte, dem 1:7 im Halbfinale gegen den späteren Weltmeister Deutschland, dem Verlust des Nimbus als führende Fußballnation. Derlei schüttelt man nicht so schnell aus den kanariengelben Jerseys.

Nicht mal dann, wenn der Chef ein einnehmendes Charisma hat wie Tite. Bei Pressekonferenzen wirkt er eher wie ein Prediger und Volkspädagoge denn wie ein Fußballlehrer. Und das nicht nur wegen seiner fantastischen, raumfüllenden Stimme und dem philosophischen Grundton seiner fein formulierten Ausführungen, in denen es mehr um die Bedeutung der Gruppe als um Fußball geht.

Am Horizont türmen sich weitere Probleme auf

Nur: Selbst da hat er sich angreifbar gemacht. Zuletzt wurde offenkundig, wie sehr er sich Neymar und vor allem dessen gleichnamigem Vater unterworfen hat. Als Neymar sich in Brasilia gegen Katar die Bänder lädierte, drang Vater Neymar sogar bis in das Heiligtum der Seleção vor, in die Mannschaftskabine. Dort hatte er, den Codes des Fußballs zufolge, nichts verloren. Überhaupt Neymar: Atmosphärisch dürfte die Absenz des Stürmers von PSG willkommen sein. Am Donnerstag musste er in São Paulo vor der Polizei wegen der Vergewaltigungsvorwürfe aussagen; stünde Neymar noch im Kader, hätte Tite ein größeres Problem zu moderieren, denn schon so ist die Affäre zu einer Telenovela mit zahllosen Nebensträngen ausgeartet.

Sportlich nannte Tite seinen Schützling "unverzichtbar", aber "nicht unersetzlich". Doch schwerer wiegt, dass Neymar in der Kabine als eine wichtige und ungemein beliebte Figur gilt, die nun fehlt. Am Horizont türmen sich für Tite weitere Probleme auf. Zwei seiner engsten Mitarbeiter werden abtrünnig: Nationalmannschaftsmanager Sylvinho geht als Trainer nach Frankreich zu Olympique Lyon, der Koordinator der Nationalteams, Edu Gaspar, geht zum FC Arsenal. Es wird also einsam um Tite, und auch wenn der Verband offiziell versichert, dass er unabhängig vom Ausgang der Copa América den Posten nicht verlieren werde, sickert aus gut unterrichteten Kreisen des Verbandes immer lauter durch, dass Tite nicht zu halten sein werde, wenn er das Turnier doch verlieren sollte.

Eine kleine Schmach wäre es allemal: Die Seleção gewann die Turniere von 1919, 1922, 1949 und 1989 - und damit alle Südamerikameisterschaften, die in Brasilien stattfanden.

© SZ vom 14.06.2019/tbr
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