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Confed Cup:Jedes Wort ist zu verstehen

Nicht leer, aber eben auch längst nicht voll: das Stadion in Sotschi beim Turnier-Auftakt der deutschen Mannschaft gegen Australien.

(Foto: Franck Fife/AFP)

Die Zuschauerzahlen und die Stimmung sind beim Confed Cup ausbaufähig - Russlands Duell mit Ronaldos Portugiesen soll nun helfen.

Russlands Hauptstadt ist voller interessanter Denkmäler, und ein aus Fußballsicht besonderes befindet sich vor der Nordtribüne des Stadions von Spartak Moskau. Nicht außen, sondern innen. Zwischen der vordersten Zuschauerreihe und dem Tor sind dort die Skulpturen von vier Männern zu sehen, zwei stehen, zwei sitzen auf einem Bänkchen, zu ihren Füßen ein Ball. So erinnert der Klub an eine der bemerkenswertesten Fußballer-Familien der Sowjet-Zeit, die Brüder Starostin.

Nikolaj, der Älteste, war vor gut 80 Jahren der Gründer Spartaks, unter Josef Stalin mussten später alle vier Brüder für mehr als zehn Jahre in Lagerhaft - auf Betreiben des berüchtigten Geheimdienstchefs Lawrentij Berija. Auf ihre Starostins sind sie heute noch mächtig stolz bei Spartak. Wer sich nach dem Brüder-Denkmal erkundigt, dem erlaubt der grimmig dreinschauende Wachmann sogar, den Innenraum zu betreten, obwohl das gerade eigentlich verboten ist. Der Weltverband Fifa wollte ursprünglich, so berichtet es der Stadiondirektor Andrej Fedun, dass das Denkmal während Confed Cup und WM nicht zu sehen sei; doch dagegen habe sich Spartak erfolgreich gewehrt.

So sind die Starostins also zu sehen, wenn es am Mittwoch in Moskau zur nächsten Turnierpartie kommt: Russland gegen Portugal, der Gastgeber gegen den prominentesten Spieler des Turniers, gegen Cristiano Ronaldo, das ist der Höhepunkt der Vorrunde. Das Spiel ist schon länger ausverkauft. Und die Veranstalter hoffen, dass sich das Duell als der dringend benötigte atmosphärische Gegenpol erweist. Denn die bisherige Zuschauer- und Stimmungsbilanz kann ihnen nicht recht gefallen.

50 251 Zuschauer zur Eröffnung in Sankt Petersburg, 34 372 in Kasan, 33 492 in Moskau, 28 605 in Sotschi, das waren die offiziellen Zahlen des ersten Spieltags - und wer im Stadion war, hätte sich bei eigenhändigem Nachzählen jeweils schwergetan, auf dieselbe Zahl zu kommen. Aber selbst gemäß der offiziellen Statistiken waren die Stadien nur zu 75 Prozent belegt. Medien in Kasan berichteten zudem, dass staatliche Behörden ihren Mitarbeitern Gratistickets organisierten.

Eine besondere Fußballstimmung ist in den vier Austragungsorten noch nicht zu bemerken. Moskau oder Sankt Petersburg sind natürlich voll mit ausländischen Gästen, aber die meisten interessieren sich eher für die weißen Nächte oder den roten Platz. Knapp 25 000 Confed-Cup-Tickets seien bisher von Ausländern gekauft worden, sagen die Organisatoren. Die größten wahrnehmbaren Fan-Fraktionen stellen die Chilenen und die Mexikaner. Deutsche Zuschauer kamen hingegen nur wenige zum Auftaktspiel gegen Australien in Sotschi, bestenfalls ein paar Hundert waren es. Insbesondere nach dieser Partie waren die Spieler über die Stimmung erstaunt: "Als wir vor dem Spiel im Gang standen, da hat es ein bisschen etwas von einer Beerdigung gehabt", sagte Mittelfeldspieler Leon Goretzka. Und als es losging, war es zunächst richtig still auf der Tribüne, jedes Wort war zu verstehen.

Dennoch geben sich die Organisatoren des Turniers mit dem Auftakt ganz zufrieden. Fifa-Präsident Gianni Infantino sagte der Nachrichtenagentur Tass: "Die Zuschauerzahlen erfreuen uns, die Atmosphäre in den Stadien ist einfach erstaunlich." Alexej Sorokin, Generaldirektor des Organisationskomitees, reagierte auf Nachfragen zu den teils beachtlichen Lücken auf den Rängen etwas gereizt: "Bei jedem Confed Cup gab es Spiele, bei denen die Tribünen nicht voll besetzt waren", sagte er. In der Tat waren die Zahlen zwar beim Confed Cup 2013 in Brasilien etwas höher, aber bei den Ausgaben des Turnieres in Südafrika 2009 und Deutschland 2005 bewegten sich die Besucher-Statistiken im Durchschnitt auf einem ähnlichen Niveau. Da kam es auch schon mal vor, dass Spanien gegen Neuseeland vor 21 000 Zuschauern in Rustenburg spielte oder Australien gegen Tunesien vor 24 000 Zuschauern in Leipzig.

Dennoch verstärken die bisherigen Erfahrungen zwei Debatten. Die eine ist die Frage, wie sehr sich die Russen wirklich für Fußball interessieren. Das Land hat zwar eine große Fußballtradition, aber vor zwei Jahren veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut Wziom das Resultat einer Umfrage, die den Fußball-Machern nicht gefallen konnte: 73 Prozent der Bevölkerung sei Fußball gleichgültig, hieß es, 19 Prozent interessierten sich dafür, nur acht Prozent würden sich als Fan bezeichnen.

Die zweite Debatte dreht sich um die Preise. Es gibt zwar eine Extra-Kategorie für russische Staatsangehörige, die schon für 960 Rubel (circa 15 Euro) ins Stadion kommen können. Aber für solch ein Billett gibt es nur einen Platz ganz oben unterm Tribünendach. Normale Tickets beginnen bei etwa 65 Euro. Die russischen Organisatoren verweisen darauf, dass für die Preisgestaltung die Fifa zuständig sei; die Fifa wiederum verteidigt diese.

Bei der WM wird es übrigens noch teurer: Dann kommen Russen für 18 Euro unters Dach. Aber für alle anderen Fans und Kategorien kostet die billigste Karte knapp 100 Euro.