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Confed Cup:Gelb für einen Ellenbogenschlag

Chile - Deutschland

Timo Werner (re.): Getroffen vorm Sieg im Confed Cup

(Foto: dpa)
  • Im Finale des Confed Cups gibt es heikle Szenen und neue Diskussionen um den Videobeweis.
  • Obwohl Chiles Gonzalo Jara Timo Werner mit dem Ellenbogen klar im Gesicht trifft, wird er nur mit Gelb bestraft.
  • Die deutschen Vertreter wollten den Videobeweis trotz des Fehlers nicht als solchen infrage stellen.

Vielleicht ist Milorad Mazic tief im Herzen Mitglied jener Fraktion, die es für Fußballromantik hält, wenn über falsche Schiedsrichterentscheidungen debattiert werden kann, die dank moderner TV-Bilder heute jedermann hat erkennen können. Vielleicht hat er auch den korrekten technischen Ablauf des Videobeweises noch nicht ganz verstanden. Sicher ist aber, dass er über eine ziemliche exklusive Sicht verfügt auf die Frage, welches Vergehen auf dem Spielfeld einer roten Karte würdig ist und welches nicht. Und so hat der serbische Schiedsrichter Mazic dem Videobeweis bei dessen Feuertaufe auf der großen Fußballbühne eine hitzige Debatte beschert: Trotz technischer Hilfe traf er im Endspiel des Confed Cups eine klare Fehlentscheidung.

Es ging um eine Szene in der 63. Minute. Timo Werner jagte an der linken Außenlinie dem Ball hinterher, von der Seite eilte Chiles Gonzalo Jara herbei, ein Körperkontakt, der Ball flog ins Aus, Werner lag auf dem Boden und wirkte angeknockt - und dann herrschte erst mal Unklarheit, was genau passiert war. Von der Haupttribüne des Stadions aus waren die Details nicht erkennbar gewesen, in der TV-Totalaufnahme auch nicht, und Mazic gab zunächst Einwurf. Aber die Sache war wie geschaffen für Sinn und Zweck des Videobeweises.

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Offenkundig erhielt Mazic ein Signal vom Video-Assistenten, dass es eine Tätlichkeit gegeben habe. Also trabte der Mann aus Vrbas zur Seitenlinie. Er studierte die Szene auf dem Monitor. Und sah wie jeder Zuschauer im Stadion und vor dem Fernseher, wie Jara den Ellbogen in Werners Gesicht schlug - er sah also eine klar rotwürdige Aktion. Mazic ging zurück auf den Rasen zu Jara und zeigte ihm die Karte. Die gelbe Karte. Der Videobeweis soll alle groben Fehler vermeiden, das ist die Idee. Mehrmals gab es beim Confed Cup Debatten wegen der neuen Technik, es dauerte oft lange bis zu einer Entscheidung, zuweilen herrschte Konfusion. Einerseits liegt das in der Natur eines neuen technischen Systems, an das sich alle erst gewöhnen müssen; beim Confed Cup kam erschwerend hinzu, dass es für die von der Fifa eingesetzten Schiedsrichter kaum Übungseinheiten, aber aufgrund der internationalen Zusammensetzung der Gespanne zudem Verständigungsprobleme gab. Andererseits war diese Häufung doch verblüffend. Streng inhaltlich konnte sich die Bilanz sehen lassen. In einem halben Dutzend Fälle bewahrte der Video-Assistent den Referee vor falschen Pfiffen. Zwei offenkundige Fehler gab es dennoch. Im Halbfinale gegen Portugal hätte Chile kurz vor Spielende einen Elfmeter bekommen müssen. Im Finale wiederum zückte Mazic nur Gelb statt Rot, wobei sich als Fußnote anmerken ließe, dass Jara ohne Videobeweis komplett straffrei weggekommen wäre. Und so könnte sich ganz grundsätzlich mancher Gegner des Videobeweises aus der Schattenwelt des Fußballs, der die Technik ablehnt, weil sie stille Manipulationsmöglichkeiten reduziert, gefreut haben, dass es auch unterm objektiven Kameraauge zu gravierenden Fehlern kommen kann. In der Relation entspricht die Anzahl der Fehler ungefähr den Werten, die der deutsche Schiedsrichter-Funktionär Hellmut Krug dieser Tage beschreibt: In der Bundesliga, die den Videobeweis zur neuen Saison einführt, hätten sich zuletzt circa 75 Prozent der Fehler vermeiden lassen. Mazic' Fehler lag in der Auslegung der Szene. Und hier zeigte sich eine wichtige Feinheit der Konstruktion. Der Videoassistent ist formal eben nur der Assistent und nicht der Oberschiedsrichter, der den Referee auf dem Rasen überstimmen kann. Der Fifa war das bei der Einführung wichtig - der Mann auf dem Platz soll die Entscheidungshoheit behalten. Bei Abseitsfragen ist die Sache klar, da kann der Schiedsrichter auf dem Monitor nichts anderes sehen als sein Video-Assistent. Aber bei Fouls, vor allem bei weniger klaren als Jaras, bleibt ein Ermessensspielraum. Auch bei diversen Handspielen ist absehbar, dass es aufgrund des schwammigen Regelwerkes zu Debatten kommen kann. Dennoch ist nicht gesagt, dass jede strittige Foul- oder Handspiel-Szene so abläuft wie am Sonntagabend: In deutschen Schiedsrichter-Kreisen herrscht die Meinung, dass bei einem vergleichbaren Fall in der Bundesliga der Haupt-Schiedsrichter dem Hinweis seines Video-Assistenten vertraut hätte und erst gar nicht mehr zur eigenen TV-Sichtung an die Seitenlinie gegangen wäre. Die Bundesliga-Verantwortlichen glauben ohnehin, dass es hierzulande problemloser läuft. Ihr Personal ist ein Jahr lang geschult worden, das System war in der Saison 16/17 schon diskret im Einsatz, parallel zum Spielbetrieb. Auch dürften die Kommunikationsprobleme geringer ausfallen. "Wenn es beim Confed Cup auch ohne diese Ausbildung reibungslos funktioniert hätte, hätten wir uns hinterfragen müssen, ob der Aufwand berechtigt war", sagte Liga-Direktor Ansgar Schwenken dem Kicker. Aber auch im Bundesliga-Betrieb wird es weiter Fehlentscheidungen geben - und auch Diskussionen für vermeintliche Fußball-Romantiker werden deshalb bleiben.

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