Comeback-Versuch Kirmesboxen beim Altherrenabend

Bei seinem Comeback bezieht Axel Schulz, 38, eine peinliche Tracht Prügel von einem mittelmäßigen Gegner.

Von Ulrich Hartmann

Axel Schulz glaubte zu wissen, worauf er sich einlässt. Er wusste, wie man fit wird. Er wusste, wie man zuschlägt. Er hatte den Gang durch den Tunnel mehrmals geprobt und wusste, wie man sich im Ring bewegt. Aber Axel Schulz wusste nicht, mit welchem Gegner er sich einlässt.

Als er am Samstag eine Stunde vor Mitternacht durch den Tunnel ins Gerry-Weber-Stadion marschierte, fühlte er sich noch ganz passabel. Als der schmale Tunnel zu Ende war und Schulz das grelle Licht der Halle erblickte, war es um ihn geschehen. In diesem Moment erkannte er seinen Gegner. Der Gegner brüllte und schrie, er klatschte und pfiff und rief: ,,Axel, Axel!'' Dieser Gegner hatte 12000 Stimmen und 12000 Gesichter. Der Gegner schaffte es, dass Axel Schulz nicht mehr wusste, wie man boxt. ,,In der Kabine ging's mir noch super'', sagte er später in der Nacht und blinzelte durch seine geschwollenen Sehschlitze. ,,Aber in der Halle hat es voll reingeknallt, diese Halle hat mich erdrückt.''

Pfiffe der Zuschauer

Der Kontrahent, gegen den der 38-jährige Schulz am Samstag sein Comeback vermasselt hat, waren 12000 brüllende Menschen. Vollzogen wurde die Niederlage durch den mittelmäßigen US-Amerikaner Brian Minto. Nach 90 Sekunden der sechsten Runde schwanden die letzten Kräfte aus Schulz, dessen Rückkehr in den Ring nach sieben Jahren zur ,,Nacht der Antworten'' erkoren worden war. Doch es gab keine Antworten. Nur Fragen.

Der zum Fernsehereignis stilisierte Altherrenabend begann lustig und endete traurig. Am Ringrand saß das versammelte Boxmilieu aus altgedienten Schauspielern und altgedienten Boxern. Der altgediente Sänger Meat Loaf hatte seinen Auftritt absagen müssen, weil er mit akuten Darmproblemen in Los Angeles behandelt wurde. Die Menschen haben Verständnis für die Leiden der älteren Generation - doch Axel Schulz erntete kein Verständnis, als er um 23.30 Uhr in der sechsten Runde desillusioniert in den Seilen des ostwestfälischen Ereignistempels hing. Der Ringrichter brach den Kampf nach 16:30 Minuten ab. Viele Zuschauer pfiffen erbost.

Schulz hatte die ersten beiden Runden mühsam mitgehalten. Ab der dritten Runde bezog er eine Tracht Prügel. Brian Minto, sieben Jahre jünger und elf Zentimeter kleiner, klopfte den wie gelähmt wirkenden Brandenburger mürbe. ,,Schulz hat ja nur geklammert'', sagte Hallenchef Ralf Weber. ,,Ich hatte mehr erwartet'', sagte Wladimir Klitschko. ,,Das hatte mit Boxen nichts zu tun'', sagte Dariusz Michalczewski. ,,Das war schlechtes Kirmesboxen'', sagte Graciano Rocchigiani. In dieser ,,Nacht der Antworten'' fragten sich viele, warum Schulz sich nicht zu wehren vermochte, warum er sich in den vornehmlich zur plastischen Gesichtschirurgie genutzten Rundenpausen nicht einmal hinsetzte und warum er zum Auftakt eines auf drei Kämpfe angelegten Comebacks ausgerechnet die ambitionierte Nummer 26 der Weltrangliste gewählt hatte. ,,Ich wollte einen anderen Gegner, Trainer Rick Conti wollte einen anderen Gegner, aber Axel wollte Minto'', sagte der Matchmaker Jean-Marcel Nartz später. Schulz wollte allen zeigen, dass er es ernst meint. Er hatte sich verschätzt. Sein Comeback dauerte nur einen Abend. ,,Det war's'', sagte er hinterher.

Schulz wird künftig wieder ohne Gesichtsschwellungen im Fernsehen auftreten. Er wird kleine Gastrollen in Serien übernehmen, Fragen in Quizsendungen beantworten und Werbung für Korkenzieher machen. Er wird als der Boxer der großen Niederlagen in Erinnerung bleiben. Sechs Mal hat er es in den neunziger Jahren nicht geschafft, einen Titelkampf zu gewinnen. Jetzt ist ihm nicht einmal sein Comeback geglückt. Während seine Entourage bereits spekulierte, wer im kommenden Frühjahr sein nächster Gegner werden könnte, ist Schulz ein allerletztes Mal gescheitert. ,,Ich war für den Kampf gar nicht bereit'', sagte er hinterher wie erleuchtet. Er erhält geschätzte 1,5 Millionen Dollar Gage und vergab die Chance auf Mehreinnahmen in weiteren Kämpfen. ,,Wirtschaftlich war ein so starker Gegner keine kluge Entscheidung'', sagte sein Manager Wolfram Köhler. Doch auch diese Fehlentscheidung wurde dem Boxer freundlich ausgelegt. ,,So ist Axel eben'', sagte Nartz, ,,ein ehrlicher Typ.'' Der Matchmaker versuchte den ewigen Verlierer als sympathischen Helden zu konservieren. ,,Solche Boxer fehlen uns heute'', klagte Nartz, ,,an anderen Abenden bleiben die Hallen halbleer, aber wenn Schulz um die goldene Ananas boxt, werden Karten auf dem Schwarzmarkt verkauft.''

Am 31. März steigt Henry Maske in München zum Comeback in den Ring. Dariusz Michalczewski wurde am Samstagabend gefragt, ob er nicht auch ein Comeback plane, und er antwortete schelmisch: ,,In hundertprozentiger Form, für eine Zehn-Millionen-Gage gegen einen leichten Gegner - warum nicht?'' Sollte es tatsächlich zu noch einem Comeback kommen, ginge Michalczewski wahrscheinlich besser vorbereitet in seinen Kampf. Man muss wissen, worauf man sich einlässt. Axel Schulz wusste das nicht.