Kingsley Coman:Der Topspieler von der Kaffeetafel

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Die Vertragsverlängerung mit Kingsley Coman zeigt die Strategie des FC Bayern in der Pandemie. Bevor man über teure Transfers nachdenkt, will man die wichtigsten Spieler im Kader halten - und für die Konkurrenz vom Markt nehmen.

Von Christof Kneer

Michael Reschke war fest entschlossen. Er hatte diesen 17-Jährigen jetzt oft genug in der Youth League gesehen, er hatte sich ein klares Bild von ihm gemacht. Dieser 17-Jährige von Paris Saint-Germain würde im Falle einer Verpflichtung sicherlich noch kein fertiger Bundesligaspieler sein, wie man im Branchendeutsch so sagt, aber dass er eine Verstärkung für Bayer Leverkusen werden würde, das stand für den Leverkusener Kaderplaner Reschke im Frühjahr 2014 fest. Im Sommer 2014 wechselte Kingsley Coman zu Juventus Turin.

Kingsley Coman ist ein klassischer Flügelstürmer, Juventus Turin spielte seinen Fußball damals am liebsten durch die Mitte. Das konnte nicht funktionieren. Reschke ahnte jedenfalls, dass Coman bald wieder auf den Markt kommen würde.

Ein Jahr später hat sich Reschke den Spieler doch noch geschnappt, nur Bayer Leverkusen hatte nichts mehr davon. Reschke war inzwischen Technischer Direktor beim FC Bayern, und an seinem neuen Ort musste er ganz schön überzeugend auftreten, um die Personalie durchzusetzen. Coman, wer das denn sein solle, fragten die hohen Herren Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, und ob man wirklich sieben Millionen Euro Leihgebühr für einen Spieler zahlen solle, der bei Juventus praktisch nie spiele? So was habe man ja noch nie gemacht!

Vertragsverlängerungen mit Topspielern gelten als "interne Transfers"

Sechseinhalb Jahre und ein Champions-League-Siegtor später kommt nun die Meldung, dass der FC Bayern den bis 2023 laufenden Vertrag mit Kingsley Coman bis 2027 verlängert habe, selbstverständlich zu den branchenüblich besseren Konditionen; angeblich 17 Millionen Euro soll der Franzose künftig pro Jahr verdienen, das wäre, ebenso angeblich, doppelt so viel wie zuvor. Corona zwingt die Vereine weltweit zur Senkung der Kaderkosten, und wer dennoch eine Gehaltserhöhung bewilligt bekommt, darf sich zur raren Sorte der Topspieler zählen. Coman gehöre heute "zu den fünf, sechs Besten in Europa auf seiner Position", sagt Reschke. "Einen der Top-Flügelspieler auf diesem Planeten", so nannte ihn kürzlich Trainer Julian Nagelsmann.

Entsprechend stolz klingen die Münchner nun anlässlich dieser Vertragsverlängerung, gemäß Vereinssatzung sind sie allerdings vor allem stolz auf sich selbst. "Vereine auf der ganzen Welt suchen Spieler mit den Fähigkeiten von Kingsley Coman", sagte Vorstandschef Oliver Kahn am Mittwoch, "diese Vertragsverlängerung ist ein erneutes Beispiel, wie attraktiv unser Klub auf internationalem Top-Niveau ist." Und Sportvorstand Hasan Salihamidzic ergänzt, Coman habe "mit seinem Tor im Champions League-Finale 2020 bereits Geschichte geschrieben und jetzt die große Chance, eine Ära zu prägen".

Kingsley Coman: Sein größter FC-Bayern-Moment bislang: Kingsley Coman erzielt das Siegtor im Champions-League-Finale 2020 und darf anschließend den Pokal in die Luft stemmen.

Sein größter FC-Bayern-Moment bislang: Kingsley Coman erzielt das Siegtor im Champions-League-Finale 2020 und darf anschließend den Pokal in die Luft stemmen.

(Foto: Michael Regan/Panoramic / Pool / Uefa/ Imago)

Noch haben sie beim FC Bayern nicht endgültig entschieden, welche Haltung sie zu einem Transfermarkt entwickeln wollen, der noch so neu ist, dass ihn niemand richtig einschätzen kann. Einerseits sparen fast alle Klubs in Europa, weil die Pandemie riesige Löcher in ihre Etats gerissen hat. Andererseits sparen genau jene Klubs nicht, die der FC Bayern besiegen muss, wenn er weiterhin in der Lage sein will, die Champions League zu gewinnen. Paris, Chelsea und die Manchesters lassen sich von Geldgebern verwöhnen, denen die Pandemie ausgesprochen egal ist, und so hat der Klubchef Kahn erstmal eine Beobachtungsphase ausgerufen. An welche Transfers man sich künftig noch herantraut, ob Ablösesummen wie jene für Lucas Hernández (80 Millionen) immer noch verantwortbar wären: Das wollen sie jetzt mal schauen.

Umso wichtiger sind jene Transaktionen, die der Kaderexperte Reschke "interne Transfers" nennt. Coman, 25, ist nun also vom FC Bayern zum FC Bayern gewechselt, wie zuvor schon die ein Jahr älteren Joshua Kimmich und Leon Goretzka, was den Bayern eine bequeme Hockposition auf jenem Hochsitz garantiert, von dem aus sie das europäische Transferrevier überblicken. Mit diesen Vertragsverlängerungen habe der Klub "ein starkes Fundament gelegt", um auch "in den kommenden Jahren in der europäischen Spitze konkurrenzfähig" zu sein, sagt der Sportchef Salihamidzic.

Im April 2017 wäre Coman den Bayern beinahe abhandengekommen

Das ist die Strategie in der Pandemie: Solange man nicht genau weiß, ob man sich neue Kostbarkeiten leisten kann, geht es erstmal darum, die eigenen Schmuckstücke zu behalten - und damit vom Markt zu nehmen. Aus der Generation der 25-, 26-Jährigen fehlen jetzt noch Serge Gnabry (Vertrag bis 2023) und Niklas Süle (2022), mit unterschiedlicher Tendenz. Mit Gnabry wollen die Bayern dringend verlängern, bei Süle ist noch alles offen.

"Ich bin seit sieben Jahren hier. Ich dribble, ich lege auf - und ich treffe. Manchmal auch mit Augen zu", sagt Coman lächelnd in jenem kleinen Video, das die Bayern zur Untermalung der Nachricht auf ihre Homepage gestellt haben. Es ist eine Anspielung auf sein Kopfballtor im Champions-League-Finale, das er mit ziemlich geschlossenen Augen erzielte, eine Anspielung auf Comans bislang größten Karrieremoment, den es beinahe nicht gegeben hätte.

Im April 2017 wäre Coman den Bayern beinahe abhandengekommen. Sein Leihvertrag lief Ende des Monats aus, die Bosse zögerten, jene 21 Millionen zu investieren, die nötig waren, um den Leih- in einen Kaufvertrag umzuwandeln. Der Kaderplaner Reschke hat den Spieler dann kurz vor Ablauf der Kaufklausel an den Tegernsee zu Uli Hoeneß geschickt, der wegen seines Gefängnisaufenthalts zuvor kaum Gelegenheit gefunden hatte, Coman richtig kennenzulernen.

Ein toller Typ sei das ja, staunte Hoeneß nach Kaffee und Keksen. Die Bayern kauften den Spieler im allerletzten Moment, und die Geschichte konnte beginnen.

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