Siegtorschütze Kingsley ComanUnd alles, weil er an den Tegernsee fuhr

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Coman kommt mit seinem Kopf zuerst an die Flanke von Kimmich, Thilo Kehrer kann nur zusehen.
Coman kommt mit seinem Kopf zuerst an die Flanke von Kimmich, Thilo Kehrer kann nur zusehen. (Foto: AP)

Er erzielt das goldene Tor gegen Paris, doch zu Beginn seiner Zeit in München war nicht klar, ob die Bayern Kingsley Coman dauerhaft verpflichten wollen. Die Entscheidung brachte ein Besuch bei Uli Hoeneß.

Von Javier Cáceres, Lissabon

Der Sonntag von Lissabon war wieder einer dieser Tage, an denen man sich daran erinnern darf, wer den wichtigsten Fußball-Vereinswettbewerb der Welt ins Leben gerufen hat: die Franzosen. Beziehungsweise auch daran, wie schwer es den Schmieden des Henkeltopfs fällt, die Trophäe zu gewinnen. Einzig Olympique Marseille konnte ihn einmal gewinnen, 1993 im Münchner Olympiastadion gegen den AC Mailand. Ansonsten? Nieten. Stade Reims stand zweimal gegen Real Madrid im Finale, Olympique Marseille ein weiteres Mal (gegen Roter Stern Belgrad), die AS Monaco scheiterte an Porto, AS Saint-Étienne unterlag dem FC Bayern; nun verlor Paris Saint-Germain 0:1 gegen den deutschen Klub. Und dann auch noch durch einen Akt des Vaterlandsverrats, durch einen Treffer von Kingsley Coman (59.).

"Il fallait que ce soit Coman...", schrieb die L'Équipe am Montag, die französische Version des "ausgerechnet er", denn dass ausgerechnet "le titi parisien", der "Pariser Straßenjunge PSG abstraft", sei "das schlimmste aller Szenarien gewesen". Doch selbst das konnte man noch steigern: "... und dann auch noch per Kopf!", ruft Yves Gergaud am Montagmittag ins Telefon.

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Gergaud kennt Coman gut, er war drei Jahre lang sein Jugendtrainer - bei Paris Saint-Germain. Es war dieser Hintergrund, der dazu beitrug, dass Bayerns Trainer Hansi Flick Coman in die Startelf stellte. Gegen seinen ehemaligen Klub würde er besonders motiviert sein, lautete Flicks Kalkül vor der Partie. "Ich freue mich sehr für ihn", sagt Gergaud, "vor allem vor dem Hintergrund der ganzen Verletzungen, die er erlitten hat und die dazu führten, dass er nicht bei der WM 2018 spielen konnte", bei der Frankreich den Titel holte. Dass er nun nach einer Flanke von Joshua Kimmich das Siegtor erzielte, "ist eine schöne Entschädigung", findet Gergaud.

Groll oder ähnliches hegt Coman, 24, nicht, obschon er Teil einer Nachwuchsgeneration von PSG ist, die das Weite suchen musste, auch wenn sie als hochbegabt galt. Weil PSG sich lieber schillernde Weltstars zusammenkaufte, gingen Spieler wie Moussa Dembélé (heute Olympique Lyon), Ferland Mendy (bei Real Madrid) oder eben Coman via Turin nach München. Immerhin: Mit Verteidiger Presnel Kimpembe stand am Sonntag noch einer dieser alten Jugendfreunde Comans bei PSG in der Startelf. "Mein Herz gehört dem FC Bayern zu einhundert Prozent, denn ich bin hundertprozentig professionell", sagte Coman nach der Partie. "Aber ich werde nicht lügen: Presnel (Kimpembe) so zu sehen, unsere Mannschaft so zu sehen, das tut mir schon im Herzen weh."

Mit neun oder zehn Jahren sei er an die Fußballschule von PSG gekommen und habe damals schon herausgeragt - wegen seiner Physis, seiner Schnelligkeit, seiner technischen Fertigkeit, "die gleichen Elemente, die man auch heute noch sieht", sagt Gergaud. Nur Kopfbälle seien nie sein Ding gewesen. Gegen PSG kam ihm zugute, dass sein Bewacher Thilo Kehrer bei der Kimmich-Flanke nicht vom Boden kam - und er den Ball in hohem Bogen, unerreichbar für PSG-Torwart Keylor Navas, ins Netz sinken lassen konnte.

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Er überwand harte Zeiten auch mithilfe von Manager Hasan Salihamidzic

Kingsley Coman war 2015 zum FC Bayern gestoßen. Der damalige Trainer Pep Guardiola wollte einen Außenbahnspieler, obwohl er auf Arjen Robben - bei Bayerns Champions-League-Finalsieg von 2013 gegen Borussia Dortmund Schütze des 2:1- Siegtors -, Franck Ribéry und den Brasilianer Douglas Costa zählen konnte. Coman, damals 19, kam zunächst für zwei Jahre zur Leihe von Juventus Turin, wohin er ein Jahr zuvor gewechselt war; die Leihgebühr betrug sieben Millionen, die Kaufoption belief sich auf 21 Millionen Euro. Das Konstrukt zeugte von Vorsicht, ohne den damaligen Kaderplaner Michael Reschke, der sich für ihn verbürgte, wäre die Operation kaum zustande gekommen. Den Bayern war wohl bekannt, dass Coman mit 16 Jahren bei PSG sein Erstligadebüt gefeiert hatte; ebenso, dass er in Frankreichs Nachwuchsteams triumphiert hatte. Aber: Zweifel durfte man haben.

Coman hatte bei Juventus unter Trainer Conte keine Rolle gespielt, er passte als Außenspieler nicht in das 3-5-2-System. Und auch bei den Bayern kam er wegen Verletzungen und Konkurrenz zu Einsatzzeiten, die gering genug waren, um die Frage zumindest zu beleuchten, ob man Juve 21 Millionen Euro überweisen sollte. Nach einer Fahrt Comans ins Domizil von Uli Hoeneß am Tegernsee fiel die Entscheidung zugunsten des Franzosen. Hoeneß sah nicht nur einen talentierten, sondern einen sympathischen, aufgeräumten jungen Mann vor sich, auf den man zählen können würde. Die Frist war fast abgelaufen, als der FC Bayern entschied: Kaufen! Nun zahlte Coman das Vertrauen zurück, rund zwei Jahre nach der verpassten WM und den beiden Syndesmosebandrissen, die ihm nahegingen.

Eine kurzfristige dritte Operation, sagte er Ende 2018, würde er nicht ertragen. Der Gedanke ans Karriereende, der in diese Äußerung hineininterpretiert wurde, war ihm ferner, als man damals lesen konnte. Harte Zeiten waren es dennoch, er überwand sie, auch mit Hilfe von Manager Hasan Salihamidzic. Wer über Coman Erkundigungen einholt, der hört, dass er in sich ruhe, zurückhaltend und unglaublich kontrolliert sei. Auf der Tribüne registrierte Jorge Valdano, der Weltmeister von 1986 mit Argentinien, staunend, dass Coman ausgewechselt wurde, "als er gerade am inspiriertesten war". Ärger über die Auswechslung? Nein. Und nach dem Spiel gab es Zeugen dafür, dass Coman von einem Bayern-Mitarbeiter gekniffen wurde: Ob er eigentlich wisse, dass er gerade ein Siegtor in einem Champions-League-Finale geschossen hatte?

Ob er mit seinem Tor aus dem Schatten berühmter Vorgänger getreten sei, wurde Kingsley Coman gefragt, und er verneinte: "Ich bin nie im Schatten gewesen." Man kann es anders sehen, nicht aber dies: dass die Scheinwerfer im Estádio da Luz am Sonntag letztlich fast nur auf ihn zeigten.

© SZ vom 25.08.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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