Süddeutsche Zeitung

Fußball:Wie deutsche Talente in den USA ihren Weg in den Profifußball suchen

Lesezeit: 4 min

Von Sina Götz

Der deutsche Torhüter Ben Lundt ist angekommen. Nicht in Cincinnati wie erwartet, sondern in Louisville, das rund eineinhalb Autostunden von Cincinnati entfernt im Bundestaat Kentucky liegt. Der FC Cincinnati, der Erstligaklub aus der Major League Soccer, hat dem 23-Jährigen beim diesjährigen MLS-Draft in Chicago seinen ersten Profivertrag gegeben. Obwohl er bei der jährlichen Talentwahl von einem amerikanischen Erstligateam ausgewählt wurde, gehört Lundt nicht zu den zehn Deutschen, die am Samstag mit ihrem MLS-Team in die neue Saison starten. Cincinnati hat den deutschen College-Spieler für die kommende Saison zum Louisville FC in die zweite Liga ausgeliehen. "Ich habe mit der Ausleihe gerechnet", erklärt Lundt. "Ich bin ein College-Spieler ohne Profierfahrung, in Louisville kann ich Spielpraxis sammeln."

Noch nie zuvor haben so viele deutsche Fußballer in der MLS gespielt wie in diesem Jahr. Vier der zehn Deutschen, die am Samstag in der MLS auflaufen werden, wählten einen ähnlichen Weg wie Lundt. Sie empfahlen sich über ihre Collegemannschaften und wurden von einem MLS-Team gedraftet. "Für viele junge Fußballer aus Deutschland ist das Studium in Amerika die letzte Chance in den Profifußball", erklärt Martin Zaluk. Der 35-Jährige vermittelt über seine Agentur junge deutsche Fußballer an amerikanische Universitäten und betreute Lundt bis zum Draft. Laut der aktuellen Statistik der NCAA, der Verband, in dem amerikanische Universitäten ihre Sportprogramme organisieren, spielen 150 deutsche Nachwuchsfußballer und 46 Fußballerinnen in der Division I, der höchsten College-Liga in Amerika.

Die Zahlen sind verlockend, doch Zaluk warnt vor falschen Hoffnungen: "Es klingt immer so einfach, doch das ist es nicht", erklärt er. Die meisten seiner Klienten würden in den USA studieren und ohne den erhofften Profivertrag zurückkehren, dafür aber mit Abschluss. "Viele finanzieren sich durch das Fußballspielen ihr Studium", sagt er. Nach US-Amerikanern und Briten sind deutsche Fußballer die drittgrößte Gruppe an den Colleges. Der Anteil ist auch deshalb so hoch, weil an den 56 Nachwuchsleistungszentren in Deutschland viele Talente ausgebildet werden, aber nur rund drei Prozent der Jugendlichen den Weg in die Bundesliga schaffen.

"Ich werde kein Profifußballer mehr, das ist klar"

Die meisten von Zaluks Klienten fielen in einem der Nachwuchsleistungszentren durchs Raster. Wie Lundt, der bei Hertha BSC in der U19-Bundesliga spielte, stammt auch der ehemalige U18-Nationalspieler Hermann Dörner aus der Jugendmannschaft eines Bundesligaklubs. Er spielte bei Eintracht Frankfurt; schaffte es mit 19 Jahren nicht in den Profikader. Dörner entschied sich für ein Studium in Philadelphia und lief dreieinhalb Jahre für die Temple University in der Division I auf. Im Dezember kam er zurück nach Deutschland. Der 23-Jährige hat mit dem Traum vom Profifußball abgeschlossen. "Ich werde kein Profifußballer mehr, das ist klar", erklärt er. "Obwohl ich gut gespielt habe, bin ich den Erstligavereinen nicht aufgefallen. Ich habe zu wenig Tore geschossen und Vorlagen gegeben. Für die Amerikaner sind diese Werte extrem wichtig", sagt er heute.

Dass die Amerikaner sehr auf die Statistiken achten, bestätigt College-Berater Zaluk. Allerdings sei das bei 206 Division-I-Teams, die in verschiedenen Conferences spielen, auch nötig. "Das Niveau ist in den letzten Jahren besser geworden", sagt er. Die Schwierigkeit, es in die MLS zu schaffen, sieht er aber auch im System der Liga. Die MLS-Teams bauen eigene Nachwuchsleistungszentren auf, die Spieler, die dort ausgebildet werden, fallen im Gegensatz zu College-Spielern nicht ins Budget. Zudem, so Zaluk, würden die Vereine immer häufiger internationale Profis verpflichten. Jeder MLS-Klub darf allerdings nur acht Plätze an ausländische Spieler vergeben. Die College-Studenten, die nicht aus den USA kommen, konkurrieren deswegen auch mit erfahrenen Fußballen. Für die Klubs sei das Risiko bei der Verpflichtung eines Profis geringer, so Zaluk.

Einzusehen, dass es für ihn auch in Amerika nicht zur Fußballkarriere reicht, war für Rückkehrer Dörner ein schleichender Prozess. "Es dämmert einem langsam. Ich habe mich damit abgefunden und finde es auch nicht schlimm", sagt er. Dörner hatte ein Vollstipendium, bekam die Studienkosten (rund 37 500 Dollar pro Jahr), eine Wohnung (rund 6000 Dollar pro Jahr) und die Verpflegung von der Universität bezahlt. College-Spieler werden als Amateur-Spieler gesehen. Sie dürfen an der Universität kein Geld mit ihrem Sport verdienen. Im Gegenzug werden die Studenten mit Stipendien für die oft teuren Universitäten ausgestattet. Die College-Mannschaften sind häufig Prestige-Projekte der Universitäten, in die viel Geld gesteckt wird. Erst 2016 wurde an der Temple University der neue Fußball- und Hockeykomplex eröffnet. Kosten: 22 Millionen Dollar.

In Philadelphia studierte Dörner International Business-Management und im Nebenfach Sportmanagement. Dort gehörte er zu den besten seines Studiengangs, wurde für seine akademischen Leistungen geehrt. "In Deutschland hätte ich Regionalliga gespielt. Dort verdient man wenig, trainiert viel. Ein erfolgreiches Studium nebenbei ist schwer", erklärt er. In Amerika habe er dagegen ideale Bedingungen vorgefunden.

Von den Voraussetzungen an seiner Universität in Akron im US-Bundesstaat Ohio schwärmt auch Lundt. "Die Kombination von Sport und Studium war der Grund, warum ich mich nach dem Abitur für die USA entschieden habe", sagt er. Sein Studium hat er nach nach seinem Wechsel in die zweite Liga vorübergehend pausiert. Seine volle Konzentration gilt vorerst dem Profifußball, dieses Mal möchte er es schaffen und nicht wieder kurz vor dem großen Ziel scheitern. Seinen Abschluss will er später über Online-Kurse nachholen, ein Semester fehlt dem Berliner noch, um seinen Bachelor in Vertriebs-Management abzuschließen.

Auch Dörner hat dem Fußballgeschäft noch nicht ganz abgeschworen. Gerade absolviert er ein Praktikum beim DFB im Bereich der sportlichen Leitung. Im Sommer hospitierte er bei seinem Ex-Klub Eintracht Frankfurt und machte den B-Trainerschein. Sein neues Ziel: "Ich will in die Bundesliga. Nicht mehr als Spieler, sondern neben dem Spielfeld."

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