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College-Basketball:Mittendrin: der 19 Jahre alte Moritz Wagner aus Berlin

"Jeder liebt Außenseiter", sagt Andy: "Jeder kann bei diesem Turnier jeden schlagen, jederzeit. Deshalb heißt es March Madness." Der Reiz liege daran, dass es schnell vorbei sein kann, dass ein Underdog aber auch einen ungeahnten Lauf hinlegen kann. Die Aschenputtel-Geschichte in diesem Jahr liefert Michigan. Als die Mannschaft vor drei Wochen als Außenseiter zur regionalen Meisterschaft reiste, rutschte das Flugzeug beim Start auf eine Wiese - aber Michigan gewann nach diesem Schreck sechs Partien in Serie. Mittendrin: der 19 Jahre alte Moritz Wagner aus Berlin.

Er hätte vor zwei Jahren einen Profivertrag bei Alba Berlin unterschreiben können, entschied sich jedoch für das Studium an der University of Michigan. "Als Junge habe ich davon geträumt, dass ich mal studieren und Basketball spielen darf", sagt er: "Auch wenn sich das jetzt abgedroschen anhört - ich lebe gerade meinen Traum." Wagner ist ein 2,10 Meter großer Center, der sich flink bewegt, filigran dribbelt und auch von jenseits der Drei-Punkte-Linie trifft.

Aufgrund seiner Leistungen haben Beobachter der Profiliga NBA seinen Namen notiert, doch das interessiert ihn noch nicht - er will weitere zwei Jahre für Michigan spielen. Und deshalb lieben die Amerikaner dieses Amateurturnier: Nach dem Studium beginnt der Ernst des Lebens, Profisportler müssen sich um persönliche Statistiken und Werbeverträge kümmern. Am College dürfen sie einfach nur Sportler sein, vielleicht sogar Kinder.

"Ich wollte lieber noch ein paar Jahre lang Kind sein"

"Ich finde es ganz in Ordnung, der naive Typ zu sein, der sich um kaum was kümmert", sagt Wagner: "Auch wenn beim Angebot von Alba sicher Geld auf dem Tisch lag: Ich wollte lieber noch ein paar Jahre lang Kind sein." In der zweiten Runde gegen Louisville schaffte er 26 Punkte, so viele wie noch nie zuvor. Seine Reaktion war herrlich unaufgeregt: "Manchmal kullert der Ball einfach zu dir. Es ist schon verrückt, was da gerade passiert."

Am Donnerstag spielte Michigan im Achtelfinale gegen die von Nike-Gründer Phil Knight geförderte Oregon University. Es war eine turbulente Partie mit 13 Führungswechseln, am Ende warf Michigans Aufbauspieler Derrick Walton daneben. Das war sportlich bedeutsam, Michigan verlor 68:69. Oregon spielt an diesem Samstag gegen Kansas, das Finale des Turniers findet am 3. April in Phoenix statt. Als Wagner nach dem Spiel vom Platz geht, sieht er hinauf zur Anzeigetafel. In seinem Blick liegen Schmerz und Freude: Schade, dass wir heute verloren haben - aber cool, dass ich diesen Wahnsinn erleben darf.

Zurück ins MGM Grand in Las Vegas, eine Woche davor. Es ist Freitagabend, es laufen die letzten Erstrundenpartien. UCLA zerlegt Kent State, der vermeintliche Eine-Milliarde-Dollar-Spieler Lonzo Ball erzielt nur 15 Punkte, das interessiert aber niemanden, die Frage lautet vielmehr: Wie groß wird der Punktevorsprung sein? Kurz vor dem Ende erzielt Kent State einen Korb und verliert mit nur 17 Punkten. Andy gewinnt also 455 Dollar und überlegt kurz, was er mit dem Gewinn anstellen soll. Das nächste Spiel beginnt am nächsten Morgen um neun Uhr, in seiner Hosentasche steckt allerdings auch noch der Gutschein für den Sapphire Gentlemen's Club. Er entscheidet sich für den Wettschalter.

© SZ vom 25.03.2017/chge

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