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College-Basketball:Ausgebuht aus Bewunderung

Big Ten Basketball Tournament - Championship

Moritz Wagner jubelt im Trikot seines Uni-Teams, den Michigan Wolverines.

(Foto: AFP)
  • Der Basketballer Moritz Wagner könnte schon bald der sechste deutsche NBA-Profi werden.
  • Bei den Michigan Wolverines hat sich der 20-Jährige prächtig entwickelt - und will nun mit seinem Team die College-Meisterschaft gewinnen.

John Beilein war in der vergangenen Woche derart verzweifelt, dass er die deutschen Basketballfans um Hilfe bat. Der Trainer der University of Michigan wollte Moritz Wagner mitteilen, dass der seiner Mannschaft nicht hilft, wenn er nach frühen Fouls ausgewechselt werden muss. "Ihm unterlaufen die tölpelhaftesten Fouls, die ich jemals gesehen habe. Ich muss ihm irgendwie auf Deutsch beibringen, dass das dumm ist", schrieb Beilein: "Vielleicht kann mir jemand bei Twitter sagen, wie ich das tun kann." Die Leute halfen, sie schrieben beim Kurznachrichtendienst zum Beispiel: "Wer später foult, ist länger gut."

Natürlich ist Wagner auch der englischen Sprache mächtig, in seiner dritten Saison in den Vereinigten Staaten von Amerika kennt er die Basketball-Begriffe, vor allem aber kennt er die Eigenheiten seines Trainers. "Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich liebe diesen Burschen", sagt Beilein über Wagner. Er sei eben ein Trainer, der sich schon vor dem drohenden Abheben eines jungen Mannes mal vorsichtshalber an dessen Füße hänge: "Moritz kann mit dieser Kritik umgehen, das macht ihn besonders. Ich habe kaum jemanden so gerne trainiert wie ihn."

Der 2,10 Meter große und 20 Jahre alte Wagner stammt aus Berlin, wie sein womöglich noch talentierterer jüngerer Bruder Franz ist er bei Alba Berlin ausgebildet worden. Vor zwei Jahren hat der Center auf eine Profikarriere in Deutschland verzichtet, um in Michigan zu studieren und zu einem noch besseren Basketballspieler geformt zu werden. Wagner hat sich prächtig entwickelt, nach dem Sieg beim Regionalturnier der Big Ten Conference ist er zum besten Akteur gewählt worden; nun soll er die nationale Meisterschaft prägen. Die erste Partie am Donnerstagabend gewann Michigan 61:47 gegen Montana, am Samstag findet bereits die nächste statt, gegen Houston.

"March Madness" nennen die Amerikaner das, was da gerade in ihrem Land passiert: Wahnsinn des März. Im Hauptfeld des K.-o.-Turniers um die College-Meisterschaft im Basketball sind Teams von 64 Universitäten dabei. Es geht vom ersten Tag an um alles, wer verliert, scheidet aus. Offiziell ist es ein Amateurturnier von Studenten, doch dabei geht es um viel mehr. Zahlreiche Skandale der vergangenen Jahre zeigen, dass einige Unis dem Erfolg über indirekte Bezahlung von Spielern, gefälschte Prüfungsergebnisse oder Sexpartys für begehrte Akteure nachhelfen.

Das Turnier bietet den Studenten einen Anlass, unter dem Vorwand einer Sportveranstaltung so richtig auszuflippen - zumal in dieser Woche die Dreifaltigkeit der College-Partys gefeiert wird: der irische Feiertag St. Patrick's Day, die Frühlingsferien der US-Universitäten und die ersten Runden des Wahnsinns im März. Bis zum Finale am 2. April in San Antonio werden die Amerikaner mehr als zehn Milliarden Dollar auf den Ausgang der Partien gewettet haben. Es ist, genau: ein Wahnsinn.

"Kannst du mal einen Wurf treffen? Deine Mutter sieht zu!"

Wagner freut sich darauf, auch wenn er von den gegnerischen Fans nun ausgebuht wird wie kaum ein anderer Akteur. "Die hassen mich überall, ich bin nun mal ein emotionaler Typ", sagt der Center, der schon mal einen Gegenspieler kernig vom Feld befördert oder sich gestenreich bei Schiedsrichtern beschwert: "Ich rede mir ein, dass mich die gegnerischen Fans hassen, weil ich so gut bin." Er muss sich das gar nicht einreden: Die offen zur Schau gestellte Antipathie ist eine Form der Anerkennung im Uni-Basketball der USA.

Trainer Beilein weiß die Emotionen seines Lieblingsspielers freilich für seine Zwecke zu nutzen. Zur Big-Ten-Meisterschaft etwa reiste Wagners Mutter Beate aus Berlin an, und als der Sohn in der ersten Halbzeit des Endspiels punktlos blieb, raunte ihm Beilein zu: "Kannst du mal einen Wurf treffen? Deine Mutter sieht zu!" Wagner kam danach noch auf 17 Punkte und führte sein Team zum 75:66 gegen Purdue.

Mit beeindruckenden Statistiken (14,5 Punkte und 7,1 Rebounds pro Partie) empfiehlt sich Wagner für die Profiliga NBA. Er ist für seine Größe erstaunlich beweglich und auch aus der Distanz treffsicher, mittlerweile hat er gelernt, beim Dribbeln nicht mehr nur auf Ball oder Gegenspieler zu achten, sondern auch Mitspieler zu entdecken. Er könnte noch eine Saison in Michigan spielen oder darauf hoffen, bei der Draft am 21. Juni von einem NBA-Klub gewählt zu werden. Derzeit wird er aufgrund seiner Vielseitigkeit sogar als mögliche Erstrunden-Wahl gehandelt, allerdings dürfte die Rangliste durch den Wahnsinn des März noch mal neu geordnet werden.

Im besten Fall könnte Wagner in der kommenden Saison neben Dirk Nowitzki, Maxi Kleber (beide Dallas Mavericks), Dennis Schröder (Atlanta Hawks), Daniel Theis (Boston Celtics) und Paul Zipser (Chicago Bulls) der aktuell sechste deutsche NBA-Profi werden. Über seine Zukunft will er erst nach dem Turnier entscheiden: "Es hilft mir jetzt, all das von mir fernzuhalten. Ich will Spiele gewinnen und möglichst weit kommen, da lenkt alles andere nur ab." Solche Sätze hört Trainer Beilein freilich gerne - zur Sicherheit hat sie Wagner auch auf Englisch gesagt.

© SZ vom 17.03.2018/vit

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